Die letzten Monate waren schmerzhaft für den chinesischen E-Auto-Shootingstar Nio. Von Anfang August 2023 bis Ende April 2024 brach die unternehmenseigene Aktie um fast 80 Prozent ein. Seitdem ging es zwar wieder ein Stück aufwärts, die jüngsten Quartalszahlen aber konnten den zuletzt wieder zart sprießenden Optimismus nicht befeuern. Nio kommt nicht aus dem Verlust heraus und kämpft mit hohen Kosten. Das Kerngeschäft aber läuft besser als es die Bilanzen vermuten lassen: Erst kürzlich verzeichnete Nio einen Rekord bei den monatlichen Fahrzeugverkäufen. Die Konkurrenz auf dem chinesischen E-Auto-Markt aber wird nicht kleiner – ganz im Gegenteil. Beim Kampf um die Vorherrschaft in China und damit den ersten Verfolgerplatz hinter dem Weltmarktführer Tesla will Nio jetzt mit einer neuen Low-Budget-Linie punkten und hat dafür unter dem eigenen Dach eine ganz neue Marke gegründet. Die Situation bleibt angespannt, der Gründer aber nimmt’s gelassen – und sieht seinen Konzern auf einer langen Reise.
Rote Zahlen – viel dahinter!
Selten ist ein zweiter Blick auf die jüngsten Quartalszahlen so nötig wie bei Nio. Und noch seltener geraten Marktanalysten bei ihren Prognosen der neusten Bilanzen in einen so tiefen Zwiespalt. Denn jegliche Vorhersagen für die ersten Nio-Geschäftszahlen in diesem Jahr strotzten nur so vor roten Zahlen. Satte $627 Millionen Verlust wurden prophezeit, ein Minus von $0.31 pro Aktie. Und doch waren diese Schätzungen optimistisch, fast schon ambitioniert. Im ersten Quartal 2023 hatte Nio ein operatives Minus von stattlichen $663 Millionen zu verbuchen, in den letzten drei Monaten des Vorjahres waren es dann sogar $772 Millionen. Fast $150 Millionen sollte Nio unterm Strich also gutmachen, das zumindest erwarteten die Analysten. Geworden ist es am Ende eine Verbesserung von knapp $50 Millionen im Vergleich zum letzten Quartal – im Vergleich zum ersten Quartal 2023 vergrößerte sich der Verlust allerdings um gut $60 Millionen.
Die Nio-Zahlen für Q1 2024, nebst Analysten-Prognosen sowie Q4 und Q1 2023
Zwar unterbot Nio auch die Erwartungen beim Gewinn je Aktie und legte hier ein Minus von $0.36 auf – dennoch schlug der Jahresvergleich mit einem Gewinn von zehn Prozent pro Aktie zu Buche. Rot wurden die Zahlen dann wieder beim Umsatz, der zwar gleichauf mit der Analystenschätzung, aber fast sieben Prozent und damit rund $100 Millionen unter dem ersten Quartal 2023 lag. Den heftigen Preiskampf, der auf dem chinesischen E-Automarkt tobt, spürte man spätestens bei den Umsätzen mit Fahrzeugverkäufen: Im Vergleich zum letzten Quartal war sowohl die Gesamtsumme der abgesetzten Autos als auch die Marge bei deren Verkauf rückläufig: Machte Nio im zurückliegenden Winter mit gut 50 000 veräußerten Fahrzeugen noch $2.1 Milliarden Umsatz, so waren es bei knapp über 30 000 im vergangenen Vierteljahr nur noch $1.2 Milliarden. Verglichen mit dem Vorjahresquartal bedeutet das einen Rückgang von fast acht Prozent.
Harte Konkurrenz und „explosives Wachstum“?
An einer der wichtigsten Stellschrauben konnte Nio dann aber doch im positiven Sinne drehen – und damit einem der größten Ziele von Geschäftsführer und Gründer William Li näherkommen. In seiner Neujahrsrede hatte Li im Januar betont: „Wir müssen unser Kostenbewusstsein und unsere Fähigkeit zur Kostenkontrolle stärken.“ In den letzten Jahren habe man „die Geschäftsbereiche des Unternehmens rasch ausgeweitet“, wobei „viele Projekte zu einer Verschwendung von Ressourcen geführt haben, weil unser Verständnis der Geschäftsbereiche nicht tiefgreifend war.“ Dass sich die Effizienz in Nios Arbeit verbessert hat, erkennt man beim zweiten Blick auf die Geschäftszahlen: Mit den gut 50 000 Autos im letzten Quartal 2024 erwirtschaftete Nio einen deutlich höheren Verlust als mit den nur rund 30 000 Fahrzeugen in den letzten drei Monaten – obwohl selbst die Marge Ende letzten Jahres mit 11.9 Prozent deutlich höher war als zuletzt.
Auch die Absatzzahlen zeigten jüngst starke Tendenzen: Im Mai lieferte Nio 20 544 Fahrzeuge aus – ein historischer Rekord. Nur einmal zuvor war es Nio gelungen, mehr als 20 000 Autos in nur einem Monat zu verkaufen – und zwar im Juli 2023, als mit 20 462 marginal weniger Nio-Stromer einen neuen Besitzer fanden als im letzten Monat. Geschäftsführer William Lee hob daraufhin seine Schätzung für die diesjährigen Verkäufe um sechs Prozent auf 193 000 Autos an – das würde eine Steigerung von mehr als 20 Prozent zum Vorjahr bedeuten. Dabei helfen soll die neue Budget-Linie von Nio, die demnächst unter dem Namen Onvo an den Start gehen und Elektroautos ab rund $30 000 anbieten soll. Gleichzeitig sollen damit geschätzte Entwicklungskosten von fast $2 Milliarden einhergehen. CEO William Lee aber ist zuversichtlich: „Ab 2024 wird der Markt für reine Premium-Elektrofahrzeuge, auf dem die Marke Nio angesiedelt ist, mit der beschleunigten Verfügbarkeit von Lade- und Batteriewechselvorrichtungen und den Veränderungen in der Verbraucherpsychologie einen Wendepunkt mit explosivem Wachstum erreichen.“ Und da will Nio natürlich dabei sein.





