Kursabweichungen erklärt: XETRA und Futures im Vergleich
#Finanzbildung

Kursabweichungen erklärt: XETRA und Futures im Vergleich

Author

Patrick May

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum die Kurse, die Sie auf unseren Charts sehen, manchmal von denen abweichen, die Sie in anderen Medien finden? Diese Frage kann durch einen genaueren Blick auf die unterschiedlichen Handelszeiten und Mechanismen von XETRA und den Future-Märkten beantwortet werden. XETRA (engl. Exchange Electronic Trading) ist ein elektronisches Handelssystem, das von der Deutschen Börse betrieben wird. Es wurde 1997 eingeführt und hat den Handel an den deutschen Börsen massiv vorangetrieben, indem es schnelle, effiziente und transparente Abwicklung von Wertpapier-Orders ermöglicht. XETRA ist heute eines der führenden elektronischen Handelssysteme weltweit und wird hauptsächlich für den Handel mit Aktien und ETFs (engl. Exchange Traded Funds) genutzt.

Im Gegensatz zu Aktien, die man auf dem Spot-Markt kauft, sind Futures Finanzkontrakte, die den Kauf oder Verkauf eines bestimmten Basiswerts zu einem festgelegten Preis und zu einem zukünftigen Zeitpunkt vereinbaren. Sie sind sogenannte Derivate – das bedeutet, dass ihr Wert sich von einem zugrunde liegenden Vermögenswert wie Aktien, Rohstoffen oder Indizes ableitet. Der Handel mit Futures ermöglicht es Investoren, auf die zukünftige Preisentwicklung eines Vermögenswerts zu spekulieren oder sich gegen Preisänderungen abzusichern. Ein bekanntes Beispiel sind Index-Futures, welche die zukünftige Entwicklung eines Aktienindex wie jene des DAX abbilden. Einen genauen Blick auf die DAX-Charts werfen wir für Sie in unserer täglichen Analysen. In den Bereich dieser Spekulation auf künftige Kursentwicklung fällt auch das, was landläufig als Hebel-Trading bezeichnet wird. Die Mechanismen dahinter sowie Chancen und Risiken dieser Handelsform haben wir in diesem Artikel beleuchtet.

Unterschiedliche Handelszeiten

Wie lassen sich also die eingangs erwähnten Abweichungen erklären? Ein wesentlicher Grund für die Differenz zwischen XETRA-Werten und Futures-Kursen sind die unterschiedlichen Handelszeiten. Während XETRA nur von 09:00 Uhr bis 17:30 Uhr geöffnet ist, werden Futures oft deutlich länger gehandelt. Zum Beispiel wird der DAX-Future von 08:00 Uhr bis 22:00 Uhr gehandelt. Diese längeren Handelszeiten ermöglichen es den Futures, auf internationale Ereignisse und Marktentwicklungen zu reagieren, die außerhalb der XETRA-Handelszeiten stattfinden. Dadurch können Futures-Kurse Aktualisierungen und Schwankungen aufweisen, die im XETRA-Handel noch nicht berücksichtigt sind. Wirtschaftsdaten aus den Vereinigten Staaten beispielsweise, die oft nach dem europäischen Börsenschluss veröffentlicht werden, können dabei erhebliche Kursbewegungen verursachen.

Während der XETRA-Markt geschlossen ist, reflektieren die Futures diese Informationen und passen ihre Kurse entsprechend an. Diese Anpassungen sind dann am nächsten Tag im XETRA-Handel zu sehen, was zu den besagten Abweichungen führt. Es ist noch wichtig zu betonen, dass einige Broker erweiterte Handelszeiten anbieten, die über den offiziellen Zeitrahmen hinausgehen. Ein weiterer Faktor, der zu Kursdifferenzen führen kann, ist die Liquidität. Sie gibt an, wie flüssig ein Vermögenswert gekauft oder verkauft werden kann und ist vom Handelsvolumen eines gewissen Assets abhängig: Je mehr Angebot und Nachfrage für eine Aktie bestehen, desto leichter ist es, sie zu erwerben oder abzustoßen. Man spricht dabei auch von Markttiefe. Je höher das gehandelte Volumen und je tiefer dadurch der Markt ist, desto besser lassen sich auch größere Käufe abwickeln, ohne den Preis signifikant zu beeinflussen.

Nach Marktschluss schwanken Preise stärker

Während der regulären XETRA-Handelszeiten ist die Liquidität in der Regel höher, da mehr Marktteilnehmer aktiv sind. Nach 17:30 Uhr, wenn der XETRA-Markt geschlossen ist und nur noch der Future gehandelt wird, kann die Liquidität sinken. Geringere Liquidität kann zu größeren Kursschwankungen führen, da einzelne Transaktionen einen stärkeren Einfluss auf den Preis haben. Stellen Sie sich einen Händler auf dem Wochenmarkt vor, der einen Fisch einkaufen, sein eigenes Gemüse aber veräußern möchte. Während der Stoßzeiten gibt es auf dem Markt genug Fisch und Gemüse für alle, Angebot und Nachfrage sind stabil und damit schwankt auch der Preis kaum. Wenn der Markt schließt, bleiben nur wenige Stände übrig, die dauerhaft verkaufen. Nun kann es vorkommen, dass unser Händler noch nicht dazu gekommen ist, seinen Fisch zu kaufen, die noch offenen Stände aber nicht mehr viel davon haben.

Und ausgerechnet an diesem Abend kommen drei weitere Nachtschwärmer, die ebenfalls noch Fisch für den nächsten Tag brauchen. Plötzlich gibt der Markt nicht mehr viel vom nachgefragten Gut her und die Interessenten überbieten sich gegenseitig für den übrigen Fisch, wodurch der Preis steigt. Gleichzeitig kann es sein, dass unserem Händler sein Gemüse liegengeblieben ist, aber niemand mehr kommt und es kaufen möchte. Dann muss der Händler so lange den Preis reduzieren, bis sich jemand seiner letzten Gurken und Zwiebeln erbarmt. In beiden Fällen sind Liquidität, Markttiefe und Handelsvolumen gering. Die Preisausschläge sind deshalb stärker.

Wichtige Indikatoren für die Preisentwicklung

Die Abweichungen zwischen den XETRA-Kursen und den Futures-Kursen lassen sich zusammengefasst also primär durch die unterschiedlichen Handelszeiten und die daraus resultierenden Reaktionen auf Marktgeschehen erklären. Futures haben die Möglichkeit, unmittelbar auf weltweite Ereignisse zu reagieren, während XETRA dies erst am nächsten Handelstag tun kann. Diese Dynamik führt zu den Kursunterschieden, die Sie in verschiedenen Medien beobachten können. Da internationale Börsen nach ähnlichen Prinzipien funktionieren, treten diese Diskrepanzen zu Derivat-Preisen außerhalb der Haupt-Handelszeiten auch auf anderen Aktienmärkten auf.

Neben dem Derivat-Handel können divergierende Preise zu den offiziellen Börsen-Notierungen auch im sogenannten vor- und nachbörslichen Handel auftreten. Hierbei handelt es sich um Aktienhandel außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten der Börse – diesmal allerdings nicht in Form von Derivaten, sondern den tatsächlichen Aktien. Der vor- und nachbörsliche Handel wird von Brokern, Kreditinstituten oder institutionellen Anlegern getragen, die direkte Wertpapier-Orders untereinander abschließen, ohne die geschlossene Börse als Mittelsmann einzuschalten. Vor- und Nachbörse sowie die kontinuierliche Preisentwicklung auf den Derivat-Märkten sind wichtige Indikatoren für die Preisentwicklung bei der nächsten Marktöffnung.

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Patrick May

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