In den USA existiert eine Institution, die formal festlegt, wann das Land in eine Rezession eintritt und wann es sich wieder davon erholt. Diese ominöse Runde nennt sich Business Cycle Dating Committee (dt.: Komitee zur Festlegung der Wirtschaftszyklen) und gehört zur Statistikbehörde der USA (NBER).
Das alles hört sich an wie eine Verschwörungstheorie über den Deep State, ist aber eigentlich nur eine Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern. Das Business Cycle Dating Comitee tritt selten an die Öffentlichkeit, seine Diagnosen aber haben weitreichende Konsequenzen. Schließlich beeinflusst die Festlegung von Rezessionen nicht nur die öffentliche Wahrnehmung, sondern auch wirtschaftspolitische Entscheidungen, etwa die Zinspolitik von Jerome Powells Zentralbank Federal Reserve (Fed).
In diesem Artikel stellen wir die achtköpfige Tafelrunde vor, die über Wohl und Wehe der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten entscheidet – oder zumindest über die zeitliche Festlegung der Zyklusphasen in der Rückschau. Denn selbst dieses ominöse Komitee besitzt keine Glaskugel und stellt erst nachträglich fest, wann die nationale Volkswirtschaft eine Rezession durchlaufen hat. An seine Grenzen kam das Zyklus-Komitee ausgerechnet beim letzten Rezessionsfall während der Corona-Pandemie.
König Powell und seine Rezessions-Ritter
Ein Rezessions-Orakel – das wünscht sich Fed-Chef Jerome Powell aktuell wohl mehr als alles andere. Eben erst hat die Notenbank der USA die Zinsen zum ersten Mal seit 2020 gesenkt und schon muss Powell lästigen Journalisten erklären, dass man eigentlich gar nicht zu spät dran sei mit der Lockerung der Wirtschaftspolitik. Vielleicht muss Powell sich einfach mal mit dem Zyklus-Komitee des NBER zusammensetzen. Dieses Gremium wurde 1920 gegründet und analysiert seitdem den Wirtschaftszyklus der USA, um Phasen des Wachstums und der Kontraktion zu datieren.
Dabei handelt es sich um kein rein akademisches Unterfangen, denn der Beginn und das Ende einer Rezession bestimmen oft über den Einsatz wirtschaftspolitischer Maßnahmen wie Konjunkturpakete und Zinssenkungen. Der Zugang zu umfassenden statistischen Daten und die enge Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen wie dem Bureau of Economic Analysis (BEA) und dem Bureau of Labor Statistics (BLS) verschafft dem NBER die Möglichkeit, präzise Analysen durchzuführen. So kommt es, dass das Gremium zwar nicht die wirtschaftspolitische Macht hat, aber dennoch die formale Schiedsrichterrolle im amerikanischen Konjunkturzyklus einnimmt.
Wann trudelt eine Wirtschaft in die Rezession? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Es gibt die Daumenregel, dass zwei aufeinanderfolgende Quartal mit negativem Wirtschaftswachstum gleichbedeutend mit einer Rezession sind. Als alleiniger Indikator reicht das aber nicht, wie das Jahr 2022 gezeigt hat. Damals endeten die ersten zwei Quartale für die Wirtschaft in den USA negativ. Eine Rezession stellte das Business Cycle Dating Committee trotzdem nicht fest.
Die Experten des Zyklus-Komitees bewerten eine weitaus breitere Palette von Indikatoren, um die Zeitpunkte für den Beginn und das Ende von Rezessionen festzulegen. Dazu gehören Daten zur Produktion, Beschäftigung, den persönlichen Konsumausgaben und Einkommen sowie verschiedene weitere statistische Kennzahlen, die das Wirtschaftsgeschehen umfassend widerspiegeln.
Das Gremium besteht aus acht hochrangigen Ökonomen, die zu den führenden Experten auf ihrem Gebiet gehören, etwa Professoren angesehener Universitäten wie Stanford, Berkeley und Harvard. Diese Zusammensetzung soll wissenschaftliche Integrität garantieren und verhindern, dass politische Interessen die Entscheidungen beeinflussen.
Corona und die Rekord-Rezession
Am Beispiel der Corona-Rezession 2020 lässt sich gut nachvollziehen, wie das Gremium arbeitet. Am 8. Juni 2020 gab das NBER bekannt, dass die Wirtschaft ihren Höchststand (Peak) der wirtschaftlichen Aktivität im Februar 2020 erreicht habe, also mit ganzen vier Monaten Verspätung. Dieses nachträglich identifizierte Zyklus-Top markierte das Ende der bis dahin längsten Wachstumsphase in der Geschichte der USA, die im Juni 2009 nach der Finanzkrise begann und 128 Monate dauerte.
Das plötzliche Einbrechen der Wirtschaft war eine direkte Folge der COVID-19-Pandemie, die globale Lockdowns und eine drastische Reduzierung der wirtschaftlichen Aktivität auslöste. In der Vergangenheit hatten die Rezessionen meist mehrere Monate oder gar Jahre gebraucht, um sich zu entfalten – der Abschwung im Frühjahr 2020 hingegen war so rasch und tiefgreifend, dass innerhalb weniger Wochen Millionen von Menschen ihren Arbeitsplatz verloren.
Der schnell eintretende Abschwung beschleunigte auch den Entscheidungsprozess des Zyklus-Komitees, das in der Vergangenheit oft deutlich länger brauchte, um nachhaltige Umschwünge in der Wirtschaft zu identifizieren.
Den Beginn der Dotcom-Rezession im März 2001 gab das Gremium erst acht Monate später im November desselben Jahres bekannt. Im November 2001 war dieser Abschwung übrigens auch schon wieder vorbei, was das Komitee allerdings erst im Juli 2003 mitteilte, also mit fast zwei Jahren Verzögerung. 2020 ging das alles deutlich schneller, auch wenn die ungewöhnlichen Umstände die statistische Berechnung erschwerten.
So führten Massenentlassungen, Schließungen von Geschäften und Produktionsstillstände zwar zu einem spürbaren Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität, gleichzeitig aber standen viele Menschen formal noch auf Gehaltslisten, während sie tatsächlich schon gar nicht mehr arbeiteten. Letztendlich musste das NBER erst abwarten, bis verschiedene Indikatoren wie die Daten zur Beschäftigung und zur Produktion final vorlagen und auch statistisch deutlich zeigten, dass im Februar 2020 der Abschwung begann. Die Entscheidungsfindung des Komitees ist immer retrospektiv, um sicherzustellen, dass alle verfügbaren Daten berücksichtigt werden können.
Sollte man als Anleger auf das Rezessions-Komitee hören?
Genauso schnell, wie die Rezession 2020 kam, war sie auch vorbei. Am 19. Juli 2021 gab das NBER bekannt, dass die Wirtschaft im April 2020 ihren Tiefpunkt erreicht hatte. Insgesamt dauerte dieser Abschwung also nur zwei Monate – die kürzeste Rezession in der Geschichte der USA. Bereits ab Mai 2020 setzte eine Erholung ein, die allerdings von Unsicherheiten und Schwankungen begleitet wurde.
Das Gremium stellte damals klar, dass das Ende der Rezession nicht bedeute, dass die Wirtschaft wieder ihre volle Leistungsfähigkeit erreicht habe. Vielmehr handle es sich um den Beginn einer langsamen und unsicheren Expansion, in der viele Wirtschaftsbereiche noch weit von einer Normalisierung entfernt blieben, wie wir heute wissen. Das Zyklus-Komitee des NBER ist dabei eher öffentlichkeitsscheu. In den letzten zwanzig Jahren wurden nur sechs offizielle Statements ausgegeben, die heute noch einsehbar sind. Seit 1979 sind es gerade mal 19 Mitteilungen.
Dass man sich beim Zyklus-Komitee so rar macht, verleiht den Einschätzungen auf der anderen Seite besonderes Gewicht. Alle seit dem Zweiten Weltkrieg erfassten Rezessionen in den USA basieren auf den Einschätzungen des Rezessions-Gremiums. Damit bieten diese Entscheidungen der Wirtschaftspolitik eine Grundlage, um Maßnahmen zu ergreifen, die der Konjunktur entweder helfen, wieder Fahrt aufzunehmen, oder rechtzeitig bremsen, falls Überhitzung droht.
Als Anleger sollte man sich aber nicht auf den Rezessionsalarm des NBER verlassen, schließlich gehen die Wirtschaftsweisen damit erst an die Öffentlichkeit, wenn sie sich absolut sicher sind. Und das kann Monate oder sogar Jahre dauern. Wenn das Zyklus-Komitee des NBER also das nächste Mal die Rezession ausruft, könnte sie schon lang wieder vorbei sein.
Mit seiner bisher letzten Nachricht vom Juli 2021 klärte das Gremium übrigens über den Boden der Rezession 2020 auf, eine Top-Meldung gab es seitdem nicht. Könnte es also sein, dass wir aktuell gar nicht in einer Rezession, sondern sogar im nächsten langen Aufschwung stecken? Das bleibt erstmal das Geheimnis des NBER – und ist Stoff für einen zukünftigen Artikel.


Die offiziell vom NBER-Zyklus-Komitee anerkannten US-Rezessionen seit dem Zweiten Weltkrieg mit jeweils steigender Arbeitslosigkeit als Indikator.
Rezessions-Signale des NBER (rot) kommen in der Regel erst, wenn die Rezession (grau) schon fast wieder vorbei ist. Monate später erst folgt die Entwarnung (grün).

