Haben Sie auch das Gefühl, dass gerade alles ein bisschen zu schnell geht? Sechs Monate lief Bitcoin seitwärts und drückte den Kryptomarkt mit teils heftigen Zwischenkorrekturen immer tiefer unter Wasser. Dann plötzlich explodiert der BTC-Kurs Mitte November in Richtung der $100 000 – und gleichzeitig schläft der Altcoin-Sektor (mit ein paar fulminanten Ausnahmen). Für alle, die primär auf Bitcoin setzen, sind das gute Nachrichten, BTC-Maxis werden sich in ihrer These bestätigt fühlen, dass alle anderen Kryptowährungen nichts als Shitcoins sind. Für Altcoin-Investoren ist die Situation nervenaufreibend: Kommt die Altcoin-Season noch? Und wenn ja, wann? Sollten kleinere Kryptos nicht langsam in die Gänge kommen?
Mit jedem Tag, an dem Bitcoin weiter steigt, während Altcoins sich kaum bewegen oder sogar abverkaufen, werden diese Fragen drängender. Schließlich scheint auch das Zeitfenster zu schrumpfen, in dem Altcoins zu ihrer lang ersehnten Rallye aufbrechen könnten. Dabei sollte man zwei Dinge nicht vergessen: Erstens begannen die letzten Altcoin-Seasons erst, als der Bitcoin sein Zyklus-Top erreicht hatte. Und zweitens befinden wir uns gerade im letzten Quartal des Halving-Jahres. Traditionell ist Bitcoin in dieser Phase dominant, während Altcoins hinterherhinken. Es gibt aber noch weitere wichtige Gründe, warum Altcoins gerade schwächeln – und warum die Altcoin-Season bald starten könnte.
Der Altcoin-Tanz am Abgrund
Um zu verstehen, in welcher Marktphase wir uns gerade befinden und was eigentlich mit den Altcoins los ist, muss man zwei Dinge verstehen. Erstens: Bitcoin und der gesamte Kryptomarkt überraschen die breite Masse am meisten damit, dass sie genau das wiederholen, was in jedem Zyklus passiert. Was am ehesten vorhersehbar wäre, erwischt die Masse auf dem falschen Fuß. Und zweitens: Der Markt geht in jeder Zyklusphase an den Punkt des maximalen Schmerzes.
In Korrekturphasen fallen die Kurse tiefer, als die meisten denken, was Anleger in den Wahnsinn treibt und viele im Verlust verkaufen lässt. Wenn die finale Bullenmarkt-Rallye beginnt, steigen die Preise stärker als die meisten erwarten. Alle, die zu früh verkauft haben oder noch gar nicht eingestiegen sind, verfallen in panische Angst, den großen Bullrun zu verpassen. Und springen hinterher, wenn es so aussieht, als würden die Kurse nie wieder fallen – also kurz bevor der nächste Bärenmarkt kommt.
Wer in Altcoins investiert, muss sich dessen bewusst sein, dass kleine Kryptowährungen im wahrsten Wortsinn ein Tanz am Abgrund sind. Sie sitzen auf den obersten Stufen der Risiko-Leiter. Das Level an Gier und Risikobereitschaft, um diese Sprosse zu erklimmen, erreicht der breite Finanzmarkt immer erst in den allerletzten Zügen großer Bullenmärkte – ergo kurz vor dem allgemeinen Kollaps. Zu diesem Zeitpunkt haben größere Assets, etwa Top-Aktien um Microsoft oder Apple und auch Bitcoin ihr Aufwärts-Potenzial ausgeschöpft, woraufhin Anleger nach weiteren Möglichkeiten suchen, ihre Gewinne zu maximieren.
Dann kommt es zu einer sogenannten Altcoin-Rotation und der Markt klettert die Risiko-Leiter aufwärts, bis ganz oben die Altcoins warten. Das geht einher mit globalen Liquiditätszyklen (also der Menge des Bargelds, das von Zentralbanken in Umlauf gebracht und gesteuert wird). Lockere Geldpolitik, niedrige Zinsen und frisches Kapital im Markt führen dazu, dass risikoreichere Assets gesteigerte Nachfrage und kräftige Preissprünge erleben.
Ist es bald vorbei? Oder geht’s erst richtig los?
Das kleine Problem an der ganzen Sache ist, dass Zentralbanken ihre Zinsen senken und die Geldmenge ausweiten, wenn es der Wirtschaft nicht gut geht. Lockere Geldpolitik ist längerfristig also ein Warnsignal. Panik sollte man deshalb aber nicht bekommen. Denn kurzfristig ist dieses Szenario optimal für das Wachstum von Risiko-Assets wie Altcoins. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Bilanz der nordamerikanischen Zentralbank Federal Reserve (Fed).
Die Bilanz der Fed zeigt, wie viel Geld sie in den Markt pumpt, indem sie Anleihen und Wertpapiere kauft. Wenn die Fed ihre Bilanz vergrößert, erhöht das die Menge an Dollar, die weltweit verfügbar ist, was die globale Liquidität steigert. Mehr Dollar im Umlauf sorgen gemäß der ersten Abbildung für Zunahmen im Bitcoin-Preis und damit auch im Altcoin-Sektor. Wie die Grafik oben zeigt, befindet sich die globale Geldmenge aber in einem ähnlichen Abwärtskanal wie vor dem Bullenmarkt 2021. Erst, wenn die Liquidität nach oben hin ausbricht, ist die globale Finanzsituation wieder günstig für Altcoins.
Ein möglicher Ausbruch hängt eng mit der Fed-Bilanz zusammen. Das sieht man auch in den Charts: Ende 2017 war die Bilanz der Fed, also der Bestand an Anleihen und Wertpapieren im Portfolio der US-Zentralbank, so hoch wie nie zuvor. Die Geldpolitik war locker und kleine Kryptos profitierten davon in der allerersten Altcoin-Season. Als die Fed ihre Bilanz wieder abverkaufte, US-Dollar einnahm und dadurch wieder Liquidität aus dem Markt zog, führte das zu einer Straffung der Geldpolitik (Quantitative Tightening) und einem Altcoin-Bärenmarkt.
Rund um die Corona-Pandemie wiederholte sich das Spiel: Die Fed stockte ihre Bilanz auf, US-Dollar flossen durch diese Einkäufe in den Markt, die Liquidität explodierte und die Altcoin-Season begann. Seit Ende 2022 straffte die Fed wieder, reduzierte ihre Bilanz und drückte den Krypto-Sektor in seinen nächsten Bärenmarkt. Um die kriselnde Wirtschaft zu stimulieren, dürfte die Fed ihre Bilanz bald wieder aufstocken und damit die globale Liquidität steigern. Was das für die Altcoins bedeuten könnte, impliziert die Historie.
Dass Altcoins im letzten Quartal des Halving-Jahres deutlich unter den Bitcoin-Gewinnen zurückbleiben und zu Beginn der großen BTC-Rallye fast tatenlos zusehen, ist historisch gesehen vollkommen normal. Als Bitcoin im Winter 2021 sein altes Allzeithoch durchstieß, war Ethereum fast eine Verdopplung von seinem Rekord von 2018 entfernt. Bis auch ETH neue Rekorde schrieb, dauerte es geschlagene 50 Tage, also fast zwei Monate.
Steil aufwärts ging es für den Altcoin-Marktführer erst, nachdem Bitcoin sein erstes großes Hoch erreicht und überschritten hatte: Nach dem Mid-Cycle-Top im Frühjahr 2021 brauchte Ethereum 28 Tage, um sein vorläufiges Hoch anzulaufen. Exakt dieselbe Zeitspanne verging zwischen dem BTC-Allzeithoch 2017 und dem Ethereum-Top im Frühling 2018. Geht es nach den letzten beiden Zyklen, müssen Ethereum und die Altcoins also noch abwarten, bis der Bitcoin zumindest sein erstes Zyklustop erreicht hat, bevor es auch bei kleineren Kryptos rund gehen kann.
Je kleiner der Altcoin, desto länger dauert es tendenziell, bis die entsprechende Stufe der Risiko-Leiter erreicht ist. Nach dem BTC-Ausbruch auf ein neues Allzeithoch im Winter 2020 vergingen ganze 147 Tage, bis etwa Cardano ein neues Rekordhoch verzeichnen konnte. Nach dem Mid-Cycle-Top, das BTC im Frühjahr 2021 erreichte, dauert es erneut exakt 147 Tage, bis ADA sein Allzeithoch bei rund $3 erreichte, das bis heute nicht mehr überschritten wurde. All diese Beispiele verdeutlichen: Dass Altcoins in der aktuellen Zyklusphase hinter Bitcoin zurückbleiben, ist kein Grund zur Sorge.
Sowohl innerhalb des Kryptomarktes als auch darüber hinaus sind die notwendigen Voraussetzungen für eine Altcoin-Season nicht gegeben. Das könnte sich aber in den nächsten Monaten rasch ändern. Krypto-intern muss der Bitcoin zunächst sein vorläufiges oder sogar finales Zyklustop erreichen, bevor die Altcoins durchstarten können. Auf Makro-Ebene muss die globale Liquidität wieder steigen. Dafür muss die Fed den Leitzins weiter kürzen und wieder beginnen, ihre Bilanz aufzustocken. All das scheint aktuell nur eine Frage der Zeit zu sein.


Gibt es eine Altcoin-Season wie 2021? Aktuell sind kleine Kryptos im Verhältnis zu BTC im Abwärtstrend. Die aktuellen Chartmuster ähneln aber dem letzten Bullenmarkt.
Wenn die globale Geldmenge (gelb) stark anstieg, fiel das historisch mit Bitcoin-Tops zusammen. Aktuell zeigt sich ein ähnlicher Abwärtstrend wie vor dem Bullrun 2021.
Wenn die Fed ihre Bilanz (rosa) steigert (also Wertpapiere kauft und US-Dollar ausgibt), wachsen die globale Liquidität (gelb) und die Market Cap der Altcoins (weiß).
Nach dem BTC-Breakout 2020 dauerte es 50 Tage, bis ETH neue Rekorde schrieb. Vom BTC-Zyklustop 2017 und dem Mid-Cycle-Top 2021 bis zum ETH-Top waren es je 28 Tage.
Nach dem BTC-Breakout 2020 dauerte es 147 Tage, bis Cardano im Frühjahr 2021 folgte. Nach BTCs Mid Cycle-Top waren es erneut 147 Tage bis zum finalen ADA-Hoch.

