Es ist ziemlich genau ein Jahr her, da kürzte die US-Notenbank Federal Reserve den US-Leitzins um 0.5 Prozentpunkte. Das war am 17. September 2024. Kurz darauf erlebte der Kryptomarkt die stärkste Rallye dieses Bullenmarktes: Bitcoin marschierte von rund 60 000 auf knapp 110 000 US-Dollar, die Top-125 Altcoins (Total3) erreichte ein neues Allzeithoch und viele kleinere Kryptowährungen vervielfachten ihren Kurswert.
Für viele Krypto-Anleger markiert der Dezember 2024 bis heute den Portfolio-Höchststand. Fast auf den Tag genau zwölf Monate später hat die Fed nun erneut ihren Leitzins gesenkt. Diesmal um 0.25 Prozentpunkte – die Euphorie bleibt bisher aus.
Japan-Krise: Die Zentralbank müsste die Zinsen heben, um die Inflation zu bekämpfen und Staatsanleihen einzufangen. Kippt aber der Yen-Carrytrade, könnte ein weltweiter Finanzcrash folgen.
Dass Bitcoin und Altcoins trotz der ersten Zinssenkung im Jahr 2025 kaum vorankommen, hat mehrere Gründe. Der Schreck des schwachen US-Arbeitsmarkts sitzt noch in den Knochen: Kürzlich hat die Statistikbehörde das Jobwachstum der letzten Monate um fast eine Million Stellen nach unten korrigiert, die Arbeitslosenquote stieg auf 4.3 Prozent und die Anträge auf Arbeitslosenhilfe sind so hoch wie zuletzt 2021.
Gleichzeitig bleibt die Inflation hartnäckig, weshalb die Fed an ihrer geldpolitischen Straffung (Quantitative Tightening) festhält. Zur vorsichtigen Fed-Haltung kommt plötzlicher Druck aus Japan: Die japanische Zentralbank strafft erstmals seit zehn Jahren ihre Bilanz. Für Bitcoin und Altcoins ein Ritt auf der Rasierklinge – aber Donald Trump hat ein Ass im Ärmel.
FOMC-Meeting: Stephen Miran tanzt aus der Reihe
Die US-Notenbank hat auf ihrer Sitzung am Mittwoch den Leitzins um ein Viertel Prozentpunkt auf eine Spanne von 4.00 bis 4.25 Prozent gesenkt. Die Fed begründete den Schritt mit einer „veränderten Balance der Risiken“: Während die Inflation zuletzt wieder etwas anzog, zeigten die Konjunkturdaten eine deutliche Abkühlung.
Das Wachstumstempo lag im ersten Halbjahr nur noch bei 1.5 Prozent, der Arbeitsmarkt verlor spürbar an Dynamik. Auffällig war, wie gespalten die Fed-Banker auftraten. Vor allem Trumps Vertrauter und frischgebackener Fed-Gouverneur Stephen Miran setzte sich vehement für eine deutlich stärkere Zinssenkung ein, wurde aber überstimmt.
Zum ersten Mal im Jahr 2025 senkt die Fed ihren Leitzins. Altcoins zeigen Stärke gegenüber Bitcoin, die große Euphorie von Ende 2024 ist aber noch nicht spürbar.
In seiner Pressekonferenz beschrieb Fed-Chef Jerome Powell ein „herausforderndes Umfeld“: Die Inflation liegt mit 2.7 Prozent (Kernrate 2.9 Prozent) weiter über dem Ziel, gleichzeitig schaffen die Unternehmen kaum neue Stellen. Die Arbeitslosenquote kletterte auf 4.3 Prozent, Löhne steigen nur noch moderat.
Powell sprach in seiner Rede von einem „Schritt in Richtung eines neutraleren Kurses“ – gemeint ist ein geldpolitisches Gleichgewicht, das weder Wachstum stark bremst noch Inflation anheizt. Deutlich machte er zudem, dass neue Zölle ein Risiko für die Preisstabilität darstellen könnten.
Powell bleibt hartnäckig: Weiterhin strafft die Fed ihre Geldpolitik (Bilanz fällt; gelbe Kurve) und entzieht dem Markt damit Liquidität. Der Kryptomarkt ist auf Halt.
Vor einem Jahr hatte die Lage noch anders ausgesehen. Im September 2024 senkte die Fed die Zinsen gleich um einen halben Prozentpunkt auf 4.75 bis 5.00 Prozent. Damals konnte Powell verkünden, dass die Inflation mit 2.2 Prozent fast auf Zielkurs war. Das Wirtschaftswachstum lag mit 2.2 Prozent höher, der Arbeitsmarkt zeigte sich robuster. Zwar war die Dynamik bei Neueinstellungen bereits gesunken, doch insgesamt sprach Powell damals von einer „starken Wirtschaft“ und einem hohen Vertrauen, dass sich die Inflation dauerhaft bei zwei Prozent einpendeln werde.
Liquidität verknappt: Bitcoin und Altcoins schwächeln
Im Vergleich zu 2024 sind die Vorzeichen für die Fed-Geldpolitik deutlich komplizierter. Während damals die Risiken für Inflation und Beschäftigung „in Balance“ erschienen, sieht die Fed heute klar steigende Gefahren: nach unten für Jobs, nach oben für Preise.
Entsprechend fällt die geldpolitische Haltung vorsichtiger aus – Zinssenkungen in kleineren Schritten, keine Hinweise auf ein Ende des Bilanzabbaus. Auch die Projektionen haben sich verschoben: Erwartet wird nun ein Leitzins von 3.6 Prozent Ende 2025 und 3.1 Prozent bis 2027. Für Bitcoin und Altcoins ist diese Aussicht wenig berauschend.
Liquidität ist der Schlüssel: Bitcoin reagiert historisch auf Ausweitungen der Geldmenge. Aktuell stagniert deren Wachstum nach der schärfsten Korrektur der letzten Jahre.
Seit Monaten wartet der Markt vergeblich auf Anzeichen geldpolitischer Lockerung durch eine neuerliche Aufstockung der Fed-Bilanz: Kauft die Fed Wertpapiere vom offenen Markt, so gibt sie Liquidität ins System. Das Gegenteil bleibt aber weiterhin die präferierte Marschrichtung: Wenn auch verlangsamt, baut die Fed ihre Wertpapier-Bilanz ab und zieht damit liquide Mittel aus dem Markt.
Hinzu kam in den letzten Monaten, dass das US-Finanzministerium den Treasury General Account (eine Art Notgroschen der Regierung) anzapfen musste, um den Staatshaushalt während der Verhandlungen um eine neue Schuldengrenze aufrecht zu erhalten.
Zwischen Februar und Juli ist der Treasury General Account von gut 800 auf weniger als 300 Milliarden geschrumpft. Jetzt muss er wieder aufgefüllt werden.
Mit Inkrafttreten der Big Beautiful Bill von Donald Trump wurde die US-Schuldengrenze im Juli von 36.1 Billionen Dollar auf 41.1 Billionen Dollar erhöht. Zuvor hatte sich die Regierung über mehrere Wochen am Treasury General Account bedient, der zwischen Februar und Mitte Juli von mehr als 800 auf unter 300 Milliarden Dollar schmolz.
Seitdem ist dieses Notfall-Konto wieder auf gut 750 Milliarden angewachsen, was über Verkäufe von Staatsanleihen und Wertpapieren finanziert wird. Die notwendige Liquidität für den Treasury General Account wird also zusätzlich zur (verlangsamten) geldpolitischen Straffung der Fed aus dem System gezogen, was Risiko-Assets belastet.
Erstmals seit 2011: Japan strafft die Geldpolitik
Zusätzliche Verunsicherung für den Kryptomarkt kam am Freitag aus Fernost: Die Bank of Japan hat ihren Leitzins zwar bei 0.5 Prozent belassen, gleichzeitig aber zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren begonnen, ebenfalls ihre Bilanz zu verkleinern (Quantitative Tightening).
Dafür verkauft die BoJ ihre Bestände an börsengehandelten Fonds (ETFs) und Immobilienfonds (REITs). Jährlich sollen rund 2.2 Milliarden Dollar an ETFs und 34 Millionen Dollar an REITs abgebaut werden. Damit verabschiedet sich die Notenbank von der ultralockeren Geldpolitik der vergangenen Jahre, in denen sie mit massiven Käufen (Quantitative Easing) die Märkte stabilisiert hatte.
Während die Fed mehrere geldpolitische Zyklen durchlaufen hat, ging die japanische Zentralbank-Bilanz immer weiter nach oben und stimulierte den Markt. Das hat jetzt ein Ende.
Schon in den letzten Monaten hatte der globale Markt nervös auf die japanische Geldpolitik geblickt, denn die BoJ ist in eine wirtschaftliche Zwickmühle geraten: Zwar wächst die japanische Wirtschaft moderat, doch Exporte und Industrie leiden unter den höheren US-Zöllen. Gleichzeitig belasten steigende Lebensmittelpreise wie bei Reis die Verbraucher. Die Inflation liegt mit zuletzt 2.7 Prozent über dem Zielwert, was für höhere Zinsen sprechen würde.
Gleichzeitig riskiert die japanische Zentralbank mit straffer Geldpolitik einen Kollaps des berüchtigten Yen-Carrytrade, dessen Implosion billionenschwere Verwerfungen an den weltweiten Aktienmärkten nach sich ziehen könnte. Erste Alarmzeichen wurden am Freitag bereits sichtbar. Die japanische Landeswährung Yen wurde wegen der absehbaren Straffungen stärker, während die Aktienkurse nachgaben.
Steigende Zinsen und ein festerer Yen machen es für internationale Investoren deutlich unattraktiver, Yen-Kredite aufzunehmen, um sie in westlichen Finanzmärkten zu investieren, wie es über die letzten zwei Jahrzehnte (bei ultralockerer japanischer Geldpolitik und billigem Yen) im großen Stil geschehen ist. Damit könnten Investoren in großem Stil riskante Anlagen verkaufen, um ihre Yen-Schulden rechtzeitig zu begleichen.
Rettet Stephen Miran die Altcoin-Season?
Die Angst vor massivem Verkaufsdruck aus Yen-Carrytrades lastet nun zusätzlich auf Risiko-Assets wie Bitcoin und vor allem Altcoins. Auch deshalb fällt die Reaktion im Blockchain-Sektor auf diese Woche voller wichtiger Zentralbank-Sitzungen sehr verhalten aus. Der Markt hatte mit zumindest einer Zinssenkung der Fed gerechnet und sie bereits eingepreist.
Positive Überraschungen wie etwa eine doppelte Kürzung um 50 Basispunkte, über die zwischenzeitlich spekuliert worden war, oder ein Ende des quantitativen Straffungsprogramms blieben beim FOMC-Meeting aus. Dass nun auch Japan beginnt, die Geldpolitik zu straffen, bereitet Risiko-Anlegern zusätzliche Sorgen.
US-Zinsen korrelieren mit der Risikofreude: Steigt der Zins, zieht die Bitcoin-Dominanz etwas später nach – Altcoins fallen. Kürzt die Fed ihre Zinsen weiter, haben kleine Kryptos gute Karten.
Hoffnung schöpfen vor allem Bitcoin und Altcoins aus Stephen Mirans neuer und kontroverser Rolle im Fed-Komitee. Zwar wurde der Trump-Vertraute bei seiner Forderung nach stärkeren Zinssenkungen vorerst überstimmt, sein Einfluss auf die US-Geldpolitik könnte in den nächsten Monaten aber sprunghaft ansteigen.
Wie das Wall Street Journal vor einigen Tagen berichtete, könnte Miran den aktuellen Fed-Vorsitzenden Powell beerben, sobald dessen Amtszeit im Mai 2026 endet. Freilich könnte Miran auch als neuer Fed-Chef nicht allein über Zinsen und Bilanzpolitik entscheiden, seine Vorliebe für quantitative Lockerung dürfte aber durchaus Einfluss auf den Kurs der Fed nehmen.
US-Zinsen korrelieren mit der Risikofreude: Steigt der Zins, zieht die Bitcoin-Dominanz etwas später nach – Altcoins fallen. Kürzt die Fed ihre Zinsen weiter, haben kleine Kryptos gute Karten.
Trumps Vertrauter Stephen Miran ist zwar erst seit diesem Monat Mitglied des Fed-Komitees, nachdem das US-Parlament ihn kurz zuvor bestätigt hatte. Sein Einfluss ist aber bereits zu spüren – auch, wenn er bei der aktuellen Zinsentscheidung klar überstimmt wurde. Der sogenannte Dotplot, also jenes Dokument, wo alle Fed-Gouverneure ihre Erwartungen für die Zinsentwicklung der nächsten Jahre festhalten, signalisiert wachsende interne Spaltung.
Insgesamt zeigt sich die Fed mit Blick auf die nächsten Jahre zurückhaltender bei Zinssenkungen als noch im September 2024 (ein Dämpfer für Bitcoin und Altcoins), Stephen Miran dürfte nun aber alles daran setzen, für einen lockereren Kurs zu werben. Vor allem dann, wenn Powell als Vorsitzender seinen Hut nimmt.
Ein weiteres Problem für Altcoins: Der Markt preist konservativere Fed-Geldpolitik ein, deshalb steigen 10-jährige Staatsanleihe-Zinsen wieder. Hohe Anleihe-Zinsen bedeuten Risk-Off.
Für alle, die sich lockere Geldpolitik wünschen, sind Mirans Ambitionen innerhalb der Fed eine gute Nachricht. Für die nächsten Monate aber bleibt Powell noch im Amt – und die Fed damit auf ihrem aktuellen Kurs, der eher konservativer als lockerer geworden ist.
Geldpolitische Straffung geht weiter und kommt jetzt auch in Japan, wo sich die Zentralbank ihrerseits auf Zinsanhebungen vorbereitet (auch, wenn der japanische Leitzins bei der heutigen Sitzung gleich geblieben ist). Stagnierende globale Liquidität, vorsichtige Geldpolitik und das Damoklesschwert des Yen-Carrytrades hängen also weiter wie drohende Gewitterwolken über dem Kryptomarkt.
Häufige Fragen zu FOMC und Altcoin-Season
Wann ist der nächste Zinsentscheid der Fed?
Der nächste geldpolitische Beschluss der US-Notenbank steht am 6. November 2025 an. An diesem Termin entscheidet das Federal Open Market Committee (FOMC), ob der Leitzins erneut angepasst wird oder unverändert bleibt. Märkte und Analysten achten besonders auf die Signale für die weitere Richtung der Geldpolitik.
Wie hoch ist der aktuelle Zinssatz der Fed?
Seit dem Beschluss im September 2025 liegt der Leitzins in einer Spanne von 4,0 bis 4,25 Prozent. Damit hat die Fed den Zins erstmals seit längerem gesenkt, nachdem er zuvor über viele Monate stabil geblieben war.
Wann gibt es Zinssenkungen in den USA?
Die Fed hat ihren Leitzins am 17. September um 0.25 Prozentpunkte gekürzt, die erste Zinssenkung 2025. Weitere Schritte hat sie nicht fest zugesagt, aber signalisiert, dass künftige Senkungen von den wirtschaftlichen Daten abhängen – vor allem von Inflation und Arbeitsmarkt.
Wie hoch sind die US-Zinsen?
Die Zinsen in den USA bewegen sich aktuell in einer Spanne von 4.0 bis 4.25 Prozent. Das ist für US-Verhältnisse ein relativ hohes Niveau, auch wenn es nach der jüngsten Senkung schon etwas niedriger liegt als zuvor.
Was ist ein Altcoin?
Altcoins sind alle Kryptowährungen außer Bitcoin und gelten damit als alternative Coins. Sie verfolgen oft eigene Ansätze – etwa schnellere Transaktionen, günstigere Gebühren oder neue Anwendungsfelder wie Smart Contracts und dezentrale Finanzanwendungen. Damit bilden sie das Innovationsfeld im Krypto-Sektor, unterscheiden sich aber stark in Reife und Akzeptanz.
Welcher Altcoin ist der beste?
Das hängt von Zielen und Risikoprofil ab, einen eindeutigen Sieger gibt es nicht. Ethereum ist Marktführer und Grundlage für viele Blockchain-Anwendungen. Solana punktet mit hoher Geschwindigkeit und einer aktiven Nutzerbasis, XRP mit Partnerschaften zu Banken, während Cardano, Hedera HashgraphundAvalanche als Verfolger mit eigenen technologischen Stärken auftreten.
Was sind die größten Altcoins?
Nach Marktkapitalisierung dominieren Ethereum, Solana, XRP, Binance Coin und Cardano. Sie prägen nicht nur die Kursentwicklung des Marktes, sondern setzen auch Maßstäbe für Innovation und Investoreninteresse. Institutionelle Anleger beobachten diese Projekte besonders genau, weil sie als Gradmesser für die Akzeptanz von Kryptowährungen gelten.
Was ist eine Altcoin-Season?
Unter Altcoin-Season versteht man Phasen, in denen Altcoins deutlich stärker steigen als Bitcoin. Häufig geschieht das, wenn Anleger bereit sind, mehr Risiko einzugehen und Kapital von Bitcoin in kleinere Projekte umschichten. Für Trader gilt diese Phase oft als Chance, kurzfristig hohe Renditen zu erzielen.
Wann kommt die Altcoin-Season?
Einen klaren Fahrplan gibt es nicht – sie tritt meist zyklisch auf. Typischerweise beginnt eine Altcoin-Season nach starken Bitcoin-Rallys, wenn Investoren Gewinne mitnehmen und in Altcoins umschichten. Ihr Beginn ist daher schwer vorherzusagen und hängt stark von Stimmung, Liquidität und makroökonomischen Trends ab. Eine typische Folgeerscheinung der Altcoin-Season ist eine scharfe Korrektur der Bitcoin-Dominanz.




