Ist es verwerflich, in Rüstungsunternehmen zu investieren oder für sie zu arbeiten? Ist es moralisch vertretbar, durch Kriege Geld zu verdienen? Kann man in einem bewaffneten Konflikt die richtige Seite unterstützen? Und gibt es die überhaupt? Diese Fragen schwirren seit Wochen um den Tech-Giganten Palantir. Palantir baut zwar keine Waffen – aber Software, die auf dem Schlachtfeld einen entscheidenden Vorteil bedeuten kann. Seit Beginn des bewaffneten Konflikts zwischen Israel und Palästina unterstützt die Firma das israelische Militär und macht keinen Hehl daraus. Gleich mehrfach unterstrich Geschäftsführer Alex Karp die Haltung des Unternehmens und nimmt dafür bereitwillig in Kauf, dass Angestellte ihm den Rücken kehren: „Wir haben Mitarbeiter verloren und ich bin mir sicher, wir werden weitere Mitarbeiter verlieren“, sagte Karp Mitte März. Die politische Positionierung sorgt aber nicht nur intern für Spannung: Vor wenigen Tagen protestierten Mitarbeiter der britischen Gesundheitsbehörde gegen die Zusammenarbeit mit Palantir, die vor einigen Wochen als größter Deal in der Geschichte des englischen Gesundheitswesens bekanntgegeben wurde. Auch vor dem Palantir-Hauptquartier fanden sich schon Demonstranten ein, Karp aber bleibt hart. Die Aufregung um Palantirs politische Position übertönt dabei wichtige technische Entwicklungen: Vor wenigen Tagen gab Palantir bekannt, gemeinsam mit dem Cloud-Dienstleister Oracle an Künstlicher Intelligenz für Unternehmen und Regierungen zu arbeiten – das Militär der Vereinigten Staaten hat schonmal eine Großbestellung aufgegeben.
„Shortseller wollen nur Kokain kaufen“
Alex Karp ist nicht auf den Mund gefallen und weiß Gott kein Kind von Traurigkeit. Selbst bei sensiblen Themen ist er selten um markige Worte verlegen. Angesprochen auf Shortseller, die an der Börse auf fallende Kurse setzen, polterte er Mitte März in einem Interview: „Leerverkäufer lieben es einfach, große amerikanische Unternehmen herunterzuziehen, um Geld zu verdienen und sich damit ihr Kokain zu kaufen“. Mit Blick auf Palantirs Überwachungs-Software schickte Karp scherzhaft hinterher: „Das Beste, was den Leerverkäufern passieren kann, ist, dass wir ihre Koksdealer zu ihren Häusern führen, nachdem sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können.“ Angst hat Karp vor Shortsellern aber ganz offenbar nicht, schließlich liegt Palantir mit seinen Produkten voll im Trend. Im vergangenen Geschäftsjahr schrieb Palantir zum ersten Mal seit seiner Gründung im Jahr 2000 Gewinn, der Milliardenumsatz war zu großen Teilen Regierungsorganisationen aus den Vereinigten Staaten zu verdanken. Beflügelt wurde die Euphorie um die Palantir-Aktie auch durch Karps Ankündigung, künftig verstärkt auf Künstliche Intelligenz zu setzen und dafür große Projekte zu planen. Diesen Worten ließ das Unternehmen nun erste Taten folgen.
Seit letzter Woche ist bekannt, dass Palantir mit dem Cloud-Riesen Oracle zusammenarbeiten wird, um „sichere Cloud- und KI-Lösungen anzubieten, die Unternehmen und Regierungen auf der ganzen Welt unterstützen“, wie es in der Pressemitteilung von Oracle heißt. Demnach werde „Oracles umfangreiche Cloud- und KI-Infrastruktur, kombiniert mit Palantirs führenden KI- und Entscheidungsbeschleunigungs-Plattformen Organisationen dabei helfen, den Wert ihrer Daten zu maximieren“. Gemeinsam werde man Kunden dabei helfen, „Effizienz zu steigern, die eigene Unabhängigkeit zu stärken und Konkurrenten zu überflügeln“. Konkret soll Palantirs Plattform Foundry, die für Unternehmen zugänglich ist, künftig auch über die Oracle-Cloud laufen. Weitere Integrationen sind für Gotham, die wichtigste Software für institutionelle Palantir-Kunden, und Palantirs KI-Sprachmodelle geplant, die in den letzten Monaten einen großen Beitrag zur Euphorie um die Aktie des Unternehmens geleistet hatten. Überraschend kam das für Alex Karp nicht: „Eines der wichtigsten Dinge, die in der Softwarebranche passiert sind, war, dass große KI-Modelle die Menschen davon überzeugt haben, dass man mit KI einen Mehrwert erzielen kann.“
„Westliche Welt verteidigen“: Karp erntet Kritik
Bisher arbeitete Palantir vor allem an KI-Anwendungen zur Terrorismusbekämpfung, für Nachrichtendienste und militärische Zwecke. Hauptabnehmer sind hierbei Regierungen, etwa jene der Vereinigten Staaten. Anfang März gab das nordamerikanische Militär bekannt, einen Zwei-Jahresvertrag mit einer Tochtergesellschaft von Palantir abgeschlossen zu haben, um ein Waffensystem weiterzuentwickeln, das Künstliche Intelligenz zur Zielerfassung nutzt. Palantir aber will vor allem weiter in den zivilen Markt vorstoßen, wobei die Partnerschaft mit Oracle helfen soll. Schließlich habe die aktuelle technische Entwicklung den Menschen laut Karp „gezeigt, dass Software kein Luxusprodukt, sondern alltäglich geworden ist. Software muss funktionieren und den Menschen dienen. Früher wurde sie für viel Geld verkauft, ohne zwangsläufig auch immer viel Mehrwert zu bieten – hier findet nun eine große Veränderung statt.“ Ganz ohne Nebengeräusche ging aber auch die Verlautbarung der Oracle-Kooperation nicht über die Bühne, die beiden Protagonisten des Deals ließen sich die Möglichkeit eines wirkungsstarken politischen Statements nicht nehmen: „Palantir und Oracle sind beide entschlossen, westliche Interessen und Institutionen auf der ganzen Welt zu verteidigen“, wurde Palantirs Vize-Präsident Josh Harris in einer offiziellen Stellungnahme zitiert und klang damit fast schon wie sein Chef Alex Karp. Der musste sich in den letzten Wochen und Monaten mit einer Kündigungswelle herumschlagen, die infolge der militärischen Zusammenarbeit mit Israel über das Unternehmen geschwappt war.
Erhebliche Teile der Belegschaft scheinen mit dem Kurs des Unternehmens unzufrieden – für Karp ist das aber kein Grund, einzulenken, wie der CEO in einem Interview betonte: „Wenn Sie eine Position vertreten, bei der Sie nie einen Mitarbeiter verlieren, ist das keine Position.“ Und seine eigene Position machte Karp bei dieser Gelegenheit auch gleich klar. Palantir werde „seine Produkte nur an westliche Verbündete liefern“ und dabei gehe es „nicht nur um Israel“: „Glauben Sie an den Westen? Glauben Sie nicht, dass der Westen eine überlegene Lebensweise geschaffen hat? Sind Sie bereit zuzugeben, dass Sie das glauben?“ Karps markige Worte blieben nicht lange ohne öffentliche Reaktion. Vergangene Woche blockierten hunderte Mitarbeiter des britischen Gesundheitsdienstes (engl.: National Health Service; kurz: NHS) den Eingang zur englischen Zentrale der Behörde, um gegen die Zusammenarbeit mit Palantir und Waffen-Exporte der englischen Regierung zu demonstrieren. Kurz vor Weihnachten hatten Demonstranten mit ähnlicher Botschaft das englische Hauptquartier von Palantir selbst umringt. Karp ließ das kalt, vielmehr kündigte er an, mit der Palantir-Software „den Lauf der Geschichte“ zu ändern. Ob die Palantir-Aktie diese großen Versprechen halten kann, erfahren Sie in unserem beliebten TECH33-Paket. Dort analysieren wir neben Palantir weitere Technologie-Giganten wie Nvidia, Apple, Microsoft oder Google.



