Die goldene Regel im Finanzmarkt lautet: Willst du im Bärenmarkt die besten Kurse erwischen, dann kaufe, wenn die anderen aussteigen. Und für kaum ein Asset gilt das so wortwörtlich wie für Uran. Anfang kommender Woche jährt sich die Reaktor-Katastrophe im ehemaligen japanischen Atomkraftwerk Fukushima zum dreizehnten Mal. Damals war die Kühlung der Uran-Brennstäbe nach einem verheerenden Tsunami ausgefallen und hatte zu einem katastrophalen Atomunfall geführt, der an die Explosion im europäischen Kernkraftwerk Tschernobyl vor etwa vierzig Jahren erinnerte. Unmittelbar nach der Kernschmelze in Fukushima, bei der rund 22 000 Menschen starben und fast eine halbe Million evakuiert werden musste, sprachen sich zahlreiche Nationen weltweit gegen die zivile Nutzung von Atomenergie aus, Deutschland versprach einen restlosen Atomausstieg, den man vor einigen Monaten mit Abschaltung der letzten drei deutschen Kernkraftwerke finalisierte. Die internationale Skepsis gegenüber Atomkraft setzte dem Kurs für Uran – eines der wichtigsten Rohstoffe bei der Erzeugung von Atomstrom – erheblich zu: Von $144 im Jahr 2007 fiel der Preis für ein Pfund des radioaktiven Metalls bis Anfang der 2020er auf unter $30. In den letzten Monaten setzte dann aber eine plötzliche Erholung ein, die sich in einen regelrechten Bullenmarkt verwandelte: Seit Anfang letzten Jahres konnte sich der Uranpreis mehr als verdoppeln und notiert aktuell im Bereich um $100, was ein 15-Jahreshoch bedeutet. Befeuert wurde diese Rally von umfangreichen neuen Atomkraftplänen auf der ganzen Welt – und stark sinkendem Angebot.
Vereinigte Staaten bezahlen Milliarden für Russlands Uran
Vom schmutzigen Buhmann unter den Metallen zur schillernden Zukunftshoffnung – ein so plötzlicher Imagewandel wie jener, den Uran in den letzten Jahren hingelegt hat, ist auf den konservativen Rohstoffmärkten selten zu bewundern. Es ist noch nicht lange her, da wurde Verfechtern von Atomkraftwerken eine ganze Palette negativer Beweggründe vorgeworfen, die von naivem Leichtsinn bis hin zur absichtlichen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit reichte. Angesichts wachsender Bedenken bei fossilen Brennstoffen hat sich diese Sichtweise in den politischen Machtzentren und auch in den Medien grundlegend geändert – und das sogar dort, wo die Wunden nach der Fukushima-Katastrophe am tiefsten sind: Japan bezieht bisher nur rund sieben Prozent seiner Energie aus Kernkraft, bis zum Jahr 2030 will man diesen Anteil aber wieder verdreifachen. Damit steht Japan in einer Reihe mit gleich mehreren großen Industrienationen, die sich auf der Weltklimakonferenz in Dubai im Dezember letzten Jahres dazu verpflichtet haben, den Klimawandel durch eine deutliche Steigerung ihrer Kernenergie-Kapazitäten zu bekämpfen. Dazu zählen etwa Kanada, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Südkorea und die Vereinigten Staaten.
Um trotz der zunehmenden Verknappung am Uran-Markt an den unverzichtbaren Rohstoff für dieses Vorhaben zu gelangen, werden selbst grundlegende politische Grundsätze aufgeweicht: So importierten die Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr trotz der strengen Wirtschaftssanktionen so viel Uran aus Russland wie nie zuvor. Rund 700 Tonnen kaufte die nordamerikanische Regierung dem Kreml in den zurückliegenden zwölf Monaten ab und bezahlte dafür stolze rund $1.2 Milliarden. Ein Jahr zuvor waren es noch gut $800 Millionen gewesen. Seit 2022 haben die Vereinigten Staaten ihre allgemeinen Importe aus Russland von rund $14 Milliarden jährlich auf zuletzt rund $4.5 Milliarden reduziert, die Restriktionen gelten allerdings nicht für kritische Rohstoffe wie atomare Brennstoffe oder Metalle der Platingruppe, um die zuletzt ein internationales Wettrennen zwischen dem Westen und China ausgebrochen ist. Die nordamerikanische Regierung um Joe Biden steht dabei doppelt unter Druck: Erstens kontrolliert Russland fast die Hälfte der globalen Kapazitäten zur Anreicherung von Uran – ein Verfahren, das für die industrielle Nutzung in Kraftwerken notwendig ist –, zweitens hat sich das Land seit der Amtszeit von Präsident Barack Obama bei der Energiewende stark abhängig vom Atomstrom gemacht.
Auch Europa von russischer Nuklear-Industrie abhängig
Mittlerweile ist Uran für mehr als die Hälfte der emissionsfreien Energie verantwortlich, die in Nordamerika produziert wird. Zwar sind viele Kernkraftwerke gebaut worden, Einrichtungen zur Anreicherung von Uran fehlen allerdings weitgehend, weshalb eine Abnabelung vom Branchenführer Russland kaum möglich ist. Zwar wurde im nordamerikanischen Parlament im Dezember ein Verbot für den Import von russischem Uran beschlossen, um den Sanktionsdruck zu erhöhen, allerdings enthält der Beschluss für den Fall ernsthafter Versorgungsschwierigkeiten eine Klausel, um das Gesetz zu umgehen. 2024 sollen noch rund 480 Tonnen Uran aus Russland gekauft werden, bis 2027 will Washington die Importe auf knapp 460 Tonnen reduzieren. Etwa ein Viertel des industriell in den 93 nordamerikanischen Atomkraftwerken genutzten angereicherten Urans stammte zuletzt aus Russland, aus Deutschland kamen rund zwölf Prozent. Die Vereinigten Staaten selbst produzierten 27 Prozent ihres national verwendeten Urans. Um dabei autark zu werden, will die US-Regierung ihre verkümmerte Industrie in dieser Sparte wiederbeleben. Namhafte Investoren wie der OpenAI-CEO Sam Altman und Microsoft-Gründer Bill Gates investieren in Startups, die innovative Kernreaktoren entwickeln. Die internationale Kritik an den Uran-Handelsbeziehungen zwischen Russland und den USA wird dabei immer lauter. Schließlich fließen die amerikanischen Zahlungen für Uran-Importe über russische Staatsunternehmen offenbar in großem Umfang in den Militärapparat, gegen den die Ukraine gerade mit Waffen kämpft, die ebenfalls aus Amerika finanziert oder geliefert werden.
Der russische Energiekonzern Rosatom stellt laut einem Bericht des österreichischen Umweltbundesamtes rund 15 Prozent des global verfügbaren Urans her, was Russland hinter Kasachstan zum zweitgrößten Uranproduzenten der Welt macht. In den nächsten Jahren will Russland diese Dominanz ausbauen, das Geld dafür kommt auch aus Europa, wo Uran ebenfalls nicht auf der Sanktionsliste steht und Staaten wie Tschechien, Ungarn oder die Slowakei technisch bei ihren Atomkraftwerken ebenfalls von Russland abhängig sind. Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch innerhalb der Europäischen Union werden Stimmen immer lauter, die eine Ausweitung der Sanktionen auf Uran und kritische Rohstoffe fordern, um dem russischen Militär die milliardenschweren Geldhähne aus dem Westen zuzudrehen. Helfen könnte bei einer Emanzipation von der russischen Nuklear-Industrie, dass die Uranproduktion in diesem Jahr laut Schätzungen um rund zwölf Prozent steigen soll. Verantwortlich dafür sind Ausweitungen der Kapazitäten in Kanada und Kasachstan, laut Experten wird es aber noch Jahre dauern, bis Europa und die Vereinigten Staaten ihren Bedarf an industriell nutzbarem Uran ohne Rückgriff auf Russland decken können.
Uran wird weltweit knapp – steigen die Preise weiter?
Die Nachfrage also übersteigt das Uran-Angebot momentan drastisch – ein Trend, der im Widerspruch zum Überangebot in den letzten Jahren steht und sich weiter verschärft. Zu den weltweit rund 440 Atomkraftwerken kommen gerade 60 neue hinzu. Auch deshalb positionieren sich schon jetzt Investmentbanken wie Goldman Sachs und einflussreiche Hedgefonds, um von künftig steigenden Preisen zu profitieren, die aktuell einer ganzen Branche neues Leben einhauchen: Jahrelang stillgelegte Uran-Minen werden etwa in den nordamerikanischen Provinzen Wyoming, Texas oder Utah wieder geöffnet. Die Internationale Atomenergie-Behörde geht davon aus, dass global bis 2040 rund 100 000 Tonnen Uran pro Jahr gebraucht werden – dafür müsste die aktuelle weltweite Produktion verdoppelt werden. Laut Branchekennern bemüht sich gerade besonders China, dessen Wirtschaft massiv von der rasanten Entwicklung nachhaltiger Branchen wie Solarenergie profitiert, seine Uranreserven aufzustocken. Wer von den Entwicklungen am Uran-Markt auch privat profitieren möchte, dem sei unsere tägliche Uran-Analyse ans Herz gelegt. Dort beobachten haben wir Preisbewegungen permanent und geben Signale für lukrative Handelsmöglichkeiten in Echtzeit.



