„Eines der besten Dinge an Bitcoin ist, wie einfach er funktioniert“, schrieb der Ethereum-Gründer Vitalik Buterin am Samstag auf X, vormals Twitter, und fügte an: „Lasst uns die Vorzüge dieser Einfachheit auf Ethereum bringen!“ In den letzten Monaten ist der Druck auf Buterin von enttäuschten Anlegern und Entwicklern stetig gestiegen. Im Rennen mit deutlich schnelleren und effizienteren Blockchains wie Solana oder den Altcoin-Newcomer Sui geriet ETH zuletzt sowohl technisch als auch preislich ins Hintertreffen. Was aber will Buterin genau ändern, um Ethereum wieder konkurrenzfähig zu machen? Welche Rolle spielt dabei der Bitcoin? Und kommt die Rettung für Ethereum nach Monaten des kontinuierlichen Abwärtstrends vielleicht zu spät?
Ist Ethereum tot?
Seit dem Bullenmarkt 2017 ist Ethereum – zumindest nach Marktkapitalisierung und Gesamtwert der Blockchain – unangefochtener Marktführer im Altcoin-Sektor. Immer wieder traten in früheren Zyklen ambitionierte Konkurrenten auf den Plan und wurden als vermeintliche Ethereum-Killer gefeiert. Letztlich aber setzte sich stets das Original durch. Dabei half Ethereum sein Netzwerk-Effekt: Als erste Smart-Contrac-Plattform der Blockchain-Welt vereinigt die ETH-Blockchain so viele Entwickler und dezentrale Apps wie kein anderes Ökosystem im gesamten Kryptomarkt. Große Institutionen wie BlackRock nutzen Ethereum, der gespeicherte Wert auf der ETH-Chain übersteigt die Metriken von Verfolgern wie Solana, Sui oder Cardano um ein Vielfaches.
Ethereum hat in seiner Bitcoin-Bewertung den tiefsten Stand seit 2020 erreicht. Die bullische Divergenz beim Wochen-RSI wurde invalidiert (bärisches Signal).
An Ethereums Marktdominanz hat sich trotz des stetigen Preisverfalls der letzten Monate nicht viel geändert. Trotzdem scheinen die Aussichten für ETH aktuell düsterer als je zuvor. Selten schienen die erneut beschworenen Ethereum-Killer so übermächtig. Nie in den letzten Jahren machte Ethereum selbst einen so schwachen und überholten Eindruck. Das liegt an strukturellen Problemen der Blockchain-Architektur, die dazu führen, dass Transaktionen langsam und teuer sind. Hinzu kommt, dass Ethereum in seiner Entwicklung der vergangenen Jahre einen großen Fehler begangen hat, wie Cardano-Gründer Charles Hoskinson vergangene Woche auf Twitter verkündete.
Laut Hoskinson war es ein folgenschwerer Irrtum der Ethereum-Entwickler, verstärkt auf die Entwicklung von Layer-2-Blockchains zu setzen. Dabei handelt es sich um untergeordnete Bestandteile der Ethereum-Blockchain, die über eigene Betriebssysteme verfügen und Transaktionen deutlich schneller und effizienter abwickeln. Die Idee der Ethereum-Entwickler um Gründer Vitalik Buterin war, die langsame Haupt-Blockchain zu entlasten, indem der Großteil anfallender Transaktionen über diese Layer-2-Chains abgewickelt würde. Würde die Haupt-Blockchain weniger genutzt, so würden ihre Defizite in Sachen Effizienz nicht ins Gewicht fallen. So zumindest der Plan.
Ethereum soll wie Bitcoin werden
Laut ADA-Gründer Hoskinson ist die Layer-2-Strategie aber keine Lösung, sondern ein ganz neues, existenzgefährdendes Problem für die Haupt-Blockchain. Im Kern seien Layer-2-Blockchains nämlich nichts als „Parasiten“, erklärte Hoskinson kürzlich in einer Stellungnahme. Und tatsächlich widersprechen sich die Ziele von Ethereum und seinen untergeordneten Blockchains teilweise. So reduzieren günstige Transaktionsgebühren in Layer-2-Netzwerken die Nachfrage nach ETH-Coins. Während Transaktionen auf der Haupt-Blockchain mitunter mehrere US-Dollar kosten, erheben Layer-2-Chains oft nur Bruchteile eines Cents an Gebühren.
Die ETH/BTC-Bewertung korreliert stark mit der Bilanz der US-Notenbank Fed. Steigt die Bilanz (steigende Liquidität), fließt Geld in Ethereum.
Das zweite große Problem mit Layer-2-Netzwerken ist die Fraktionalisierung: Immer mehr Blockchains sammeln sich unter dem Dach der ETH-Hauptkette. Kritiker bemängeln, dass das Netzwerk dadurch
für Nutzer immer unübersichtlicher und komplizierter wird. Effizientere Blockchains wie Sui oder Solana können sämtliche Operationen auf ihrer Haupt-Blockchain ausführen und gelten deshalb als übersichtlicher und nutzerfreundlicher. So weit zumindest die Theorie. Denn in der Praxis hat Ethereums Beliebtheit kaum gelitten. Weiterhin dominiert das ETH-Ökosystem in Sachen Blockchain-Wert und Nutzung, sogar Coinbase entschied sich dafür, seine Base-Blockchain auf Ethereum zu launchen. Trotzdem soll die Haupt-Blockchain jetzt runderneuert werden.
Vitalik Buterin will Ethereum nicht nur schneller und günstiger machen – sondern auch deutlich einfacher. Denn: Die Komplexität des Netzwerks ist über die Jahre stark gewachsen. Das macht es schwer für neue Entwickle, mitzumachen, erhöht das Risiko für Fehler und verteuert die Wartung. Buterin argumentiert: Wenn wir Ethereum vereinfachen, wird es robuster, sicherer und langfristig besser skalierbar – ähnlich wie es Bitcoin heute schon ist. In einem langen Blog-Artikel schrieb der Ethereum-Gründer: „Ethereum wird in fünf Jahren so einfach sein wie Bitcoin.“
Buterin will Ethereum aufräumen
Um dieses Ziel zu erreichen, soll die Ethereum-Blockchain grundlegend vereinfacht werden. Das betrifft vor allem den sogenannten Konsensmechanismus, also das System, das regelt, wie sich alle Teilnehmenden auf den aktuellen Stand der Blockchain einigen. Das betrifft vor allem die Validierung und Freigabe von Transaktionen. Der neue Vorschlag ersetzt viele komplizierte Bausteine durch eine deutlich übersichtlichere Struktur namens 3-Slot Finalität. Diese neue Version braucht weniger Code, ist leichter zu verstehen und reduziert das Risiko für Fehler. Außerdem wird dadurch das Netzwerk effizienter und besser überprüfbar – ohne an Sicherheit zu verlieren.
Ethereum dürfte kurzfristig eine Erholungsrallye hinlegen, anschließend aber nochmal tiefer korrigieren. Neue Bärenmarkttiefs sind möglich.
Auch die Technik, mit der Smart Contracts ausgeführt werden, soll einfacher werden. Statt ständig neue Einzelteile zum bestehenden Betriebssystem EVM (Ethereum Virtual Machine) hinzuzufügen, schlägt Buterin einen radikalen Schnitt vor: Ein komplett neues, vereinfachtes System soll die EVM langfristig ablösen. Dieses neue Systeme soll viel leichter zu verstehen und schneller sein – besonders wichtig für neue Ethereum-Anwendungen. Alte Programme würden weiter funktionieren, damit es keine Unterbrechung oder Datenverluste gibt.
Zusätzlich empfiehlt Buterin, dass Ethereum intern mehr Standards nutzt. Heute arbeiten viele Komponenten nebeneinander, obwohl sie ähnliche Aufgaben erfüllen. Durch einheitliche Bausteine – zum Beispiel für Datenspeicherung oder Code-Strukturen – könnte das System deutlich einfacher und effizienter werden. So ließe sich unnötiger Code streichen, Tools besser teilen und die langfristige Wartung vereinfachen. Buterins Vision: Eine runderneuerte Ethereum-Blockchain, die nicht nur leistungsfähig ist, sondern auch klar strukturiert und damit robuster für die Zukunft.
Startet Ethereum die Altcoin-Season?
Die Upgrade-Pläne für die gesamte Ethereum-Blockchain sind gute Nachrichten für zweifelnde Anleger. Weniger begeistert ist die Community vom Zeitplan: Die fünf Jahre, die Buterin für die Neuausrichtung des Ökosystems veranschlagt, klingen im schnelllebigen Kryptomarkt wie eine halbe Ewigkeit. Entsprechenden Spott erntete der Ethereum-Gründer in Reaktion auf seine Twitter-Ankündigung. Ein Nutzer etwa kommentierte: „Nach Jahren der Entwicklung sind wir mit Ethereum jetzt da angekommen, wo Satoshi Nakamoto schon 2008 war“. Ein anderer schrieb: „Ihr wollt Ethereum wie Bitcoin machen – warum nutzen wir dann nicht gleich Bitcoin?“
Hat Ethereum die aktuelle Korrekturbewegung abgeschlossen, kann die Rallye auf neue Rekordstände starten. Das könnte die Altcoin-Season starten.
Und auch an den Handelsbörsen sorgten Buterins Pläne nicht sofort für Euphorie. Vielmehr befindet sich Ethereum weiterhin in seinem Abwärtstrend gegenüber Bitcoin, der nun schon mehr als zwei Jahre andauert. Auch in der US-Dollar-Bewertung ging es für Ethereum in diesem Jahr bisher ausschließlich bergab, rund zwei Drittel seines Kurswerts verlor der Altcoin-Marktführer zwischen
Mitte Dezember und Anfang April. Kurzfristig rechnen wir zwar mit einer kräftigen Gegenbewegung in Form einer zwischenzeitlichen Rallye zurück in Richtung der 3000 US-Dollar, neue Allzeithochs sollten vorerst aber nicht drin sein.
Vielmehr rechnen wir nach der aufwärtsgerichteten Gegenbewegung, die nun anstehen dürfte, mit einer Fortsetzung der übergeordneten Korrekturbewegung. Dabei könnten sogar neue Bärenmarkttiefs erreicht werden, bevor Ethereum der nächste nachhaltig bullische Richtungswechsel gelingt. Tot ist ETH deshalb aber noch lange nicht. Ist die derzeit übergeordnete Korrekturstruktur erst abgeschlossen so rechnen wir mit dem nächsten langen Aufwärts-Impuls, der auf neue Rekordstände führen dürfte. Dem restlichen Altcoin-Sektor dürfte dieser Neustart des Ethereum-Bullenmarktes sehr guttun. Vorerst aber bleibt die Stimmung bei Ethereum bärisch.




