Die Macht der sozialen Medien: Warum ein Post reicht, um Panik auszulösen
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Die Macht der sozialen Medien: Warum ein Post reicht, um Panik auszulösen

Author

Esma Sakalli

Stellen Sie sich vor: Es ist Freitagabend, Sie sitzen gemütlich auf Ihrem Rolf Benz-Sofa und öffnen ihr Handy, um auf sozialen Medien Zeit zu vertreiben. Plötzlich sehen Sie einen Beitrag mit der Überschrift „Achtung, Ihre Bank geht insolvent!“. Darauf folgt eine WhatsApp-Nachricht ihres besten Freundes „Hast du schon gelesen, was mit der Bank passiert?“. Was löst dieser Post bei Ihnen aus? Panik? Sorge? Oder bleiben Sie erstmal ruhig und fokussiert, weil Sie erstmal selbst die Fakten checken wollen?

Wenn Sie sich für die letztere Emotion entschieden haben, Hut ab! Dann gehören Sie zu den wenigen Menschen, die sich durch soziale Medien nicht oder nur wenig unter Druck setzen lassen. Bei den meisten anderen lösen solche Posts allerdings eine Panikreaktion aus. Und das führt in der Finanzwelt zu einem gewaltigen Problem.

Es ist in nur 48 Stunden passiert 

So kam es auch im März 2023 zu einem Bank-Run bei der Silicon Valley Bank (SVB). Eine Nachricht machte schnell die Runde: Die Bank hatte einen Verlust von 1.8 Milliarden Dollar erlitten und brauchte dringend frisches Kapital. In der eng vernetzten Tech- und Start-up-Szene jedoch verbreitete sich diese Neuigkeit wie ein Lauffeuer – über Social Media, Chats und Telefonate. Die Sorge wuchs: Ist unser Geld noch sicher?

Innerhalb nur eines Tages zogen Kunden insgesamt 40 Milliarden Dollar von ihren Konten ab. 48 Stunden später stand fest: Die Bank hatte nicht mehr genug Geld, um ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Am Ende des zweiten Tages war die SVB so gut wie pleite – ein Bank-Run im digitalen Zeitalter.

Das Besondere an dieser Krise war, wie stark soziale Medien die Panik beschleunigten. Twitter-Posts und WhatsApp-Nachrichten reichten in vielen Fällen aus, um viele Menschen in Panik zu versetzen. Investoren warnten online lautstark, man solle sein Geld von der SVB abheben. Und genau das taten Kunden letzten Endes auch und beschleunigten damit einen Teufelskreis. Was auf sozialen Medien als eine potenzielle Empfehlung diskutiert wurde, löste in der Realität eine Kettenreaktion aus. Nach nur zwei Tagen war die Insolvenz der Bank nicht mehr vermeidbar.

Warum wir in Panik verfallen

Dieses Verhalten ist kein Zufall, sondern folgt psychologischen Mustern, die schon lange erforscht werden. In der Finanzpsychologie gibt es mehrere Gründe dafür, warum Menschen in Krisen oft unvernünftig handeln. Laut der sogenannten Prospect Theory führt die Unsicherheit, ob man etwas gewinnt oder verliert, bei den meisten Menschen zu starker Verlustangst.

Die Angst, etwas verlieren zu können , verleitet den Menschen dazu, irrationale und übereilte Entscheidungen zu treffen. Kunden oder Anleger ziehen in so einer Lage oft schnell ihr Geld ab – selbst dann, wenn die Faktenlage das nicht rechtfertigt. Warum? Weil sich Verluste psychologisch deutlich schmerzhafter anfühlen als gleich große Gewinne Freude bereiten. Genau deshalb neigen Menschen bei drohenden Verlusten sogar zu riskanterem Verhalten: Sie greifen zu drastischen Maßnahmen, um einen Verlust sofort zu verhindern – wie im Fall der SVB, als massenhaft Einlagen gleichzeitig abgezogen wurden.

Wir verlieren die Kontrolle

Bei der Silicon Valley Bank führte das zu einer klassischen Kettenreaktion: Erste Anleger, alarmiert durch Posts auf X und WhatsApp, zogen Geld ab. Diese Abhebungen wurden online sichtbar, verstärkten die Panik und überzeugten dann weitere Kunden, ebenfalls schnell zu handeln. Innerhalb von zwei Tagen war so viel Kapital abgezogen, dass die Bank zahlungsunfähig wurde – und das nicht, weil alle Kunden berechtigte Sorgen hatten, sondern weil die Angst vor einem möglichen Verlust alle zu extremen Schritten trieb.

Hinzu kommt der Faktor FOMO: Fear of Missing Out, was auf gut Deutsch die Angst beschreibt, etwas zu verpassen. Unter Jugendlichen zeigt sich diese Angst, wenn sie an einem Samstagabend zuhause bleiben, obwohl in der Stadt gerade die vermeintlich größte Party des Jahrhunderts stattfindet. Unter Anlegern wiederum ist es die Angst, zu spät zu reagieren. Diese Angst wiederum führt dann dazu, dass man overtradet – aus Sorge, der Letzte im Spiel zu sein, der am Ende alles verliert, nur weil er zu spät gehandelt hat. Doch nicht nur zu voreiliges Handeln kann gefährlich sein. Auch das Festhalten aus den falschen Gründen kann teuer werden.

Liebe macht blind

Wie oft hat man diesen Spruch in seinem Leben wohl schon gehört. Einige öfter als andere. Aber wir alle wissen, was der Satz auf sich hat; man soll loslassen, wenn etwas nicht mehr gut für einen ist. Und genau dasselbe gilt auch beim Investieren: Don’t marry your bags – verliebe dich nicht in deine Investments. Denn genauso wie es kritisch ist, zu schnell zu reagieren und aus Panik sein Geld abzuheben (oder Aktien zu verkaufen), ist es ebenso kritisch, an etwas festzuhalten, obwohl es einem (logisch betrachtet) keinen Mehrwert mehr bringen wird.

Wenn eine Investition gut läuft, neigen die meisten Anleger dazu, diesem Investment irrational viele positive Attribute zuzuschreiben, der sogenannte Halo-Effekt. Die Spotify-Aktie verzeichnet starke Zuwächse? Da ist viel mehr Potenzial nach oben! Ich habe schon einen fünffachen Gewinn aus meinem Investment? Ich warte noch auf die nächste Verdopplung! Diese verzerrte Wahrnehmung führt dazu, dass Anleger ihre Assets viel länger halten als optimal wäre – und häufig zwischenzeitliche Kursgewinne wieder einbüßen.

Der Spruch Don’t marry your bags kommt aus der Krypto-Branche, wo besonnenes und kalkuliertes Handeln wegen der hohen Volatilität besonders wichtig ist. Bauen wir gar eine emotionale Bindung zu unseren Positionen auf, fällt es uns viel schwerer, rational zu entscheiden – egal ob bei Gewinnen oder Verlusten. Das Resultat: Wir verkaufen viel zu spät, wenn die Kurse fallen oder wenn Gewinne realisiert werden sollten.

Emotionale Distanz ist die Lösung 

Fakt ist: Emotionen, soziale Medien und die menschliche Psychologie beeinflussen (fast) jeden von uns beim Handeln auf dem Finanzmarkt. Die Lösung hierfür ist die emotionale Distanz. Wer langfristig investiert und Gewinne machen möchte, der sollte sich nicht von jedem Beitrag in den sozialen Medien beeinflussen lassen. Ebenfalls sollte man nicht zulassen, dass Emotionen einen daran hindern, rational zu handeln. Rationales Handeln wiederum gelingt uns nur, wenn wir den Lärm um uns herum ausblenden und uns auf unsere eigene Strategie fokussieren – etwa auf technische Analyse.

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Esma Sakalli

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