Das Wichtigste in Kürze:
- Seit Aristoteles wird diskutiert, ob Geld den Charakter verdirbt.
- Mehrere Studien zeigen, dass Reichtum egoistisches Verhalten begünstigen kann.
- Doch Geld verstärkt meist nur das, was bereits im Menschen angelegt ist.
Ein Vorurteil mit jahrtausendealter Geschichte
Geld verdirbt den Charakter. Ein Satz, den jeder von uns bestimmt schon einmal in seinem Leben gehört hat. Doch wie viel Wahrheit steckt wirklich in diesem Satz? Und noch viel wichtiger: Woher kommt dieser Glaubenssatz überhaupt? Schauen wir uns dafür einmal die Geschichte der Menschheit an.
Aristoteles und die Kirche: Warum Geld (nicht) böse ist
Warum gilt Geld? Diese Frage haben sich bereits zwei große griechische Denker Platon und Aristoteles gestellt. Laut Platon ist Geld ein Symbol, das den Warentausch schlicht vereinfacht. Für Aristoteles war Geld nur ein Tauschmittel, das selbst auch nur als Ware gelten sollte. Das heißt, Geld sollte nur als Mittel zum Tausch nutzen (oikonomia), nicht etwa in der Form, in der Geld um seiner selbst willen vermehrt wird (chrematistiké).
Trifft das Letztere zu, also das Streben nach Geld, um mehr Geld zu haben (nicht etwa, weil man mehr braucht), so würde laut Aristoteles auch die moralische Haltung des Menschen in Gefahr geraten. So seien insbesondere Zinsen unnatürlich, da sie keinen Tausch bzw. Mehrwert mit sich bringen.
Dasselbe philosophische Prinzip konnte man Jahre später im Mittelalter wiederfinden: das Verbot von Zinsen. Die Kirche verurteile das Zinsnehmen beim Geldverleih als unchristlich und so entstand ein wirtschaftliches Dilemma. Der Bedarf an Krediten verschwand nämlich nicht. Und so nahmen vor allem Juden die Rolle als Geldverleiher an. Grund dafür war, dass ihnen viele Berufe verwehrt waren und sie nicht dem kirchlichen Zinsenverbot unterlagen. Klischees entstanden, die sich hartnäckig bis heute halten.
Luxusautos bestimmen deinen Charakter?
Die Idee, dass Geld den Charakter des Menschen verdirbt, wird auch heute noch in der Forschung empirisch untersucht. Es gibt mehrere Studien, die zu messen versucht haben, wie sich Wohlstand und Besitz auf das Verhalten eines Menschen auswirkt. Dabei entstanden Ergebnisse, die das jahrhundertealte Vorurteil zumindest teilweise bestätigten.
Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2012 untersuchte, wie der soziale Status eines Autofahrers seine Moral beeinflusste. All die am Experiment teilnehmenden Fahrer hatten unterschiedliche Automarken, -modelle sowie unterschiedliche Baujahre. Diese Informationen dienten als Indikatoren für den sozialen Status eines Fahrers.
Für den ersten Teil des Experiments schauten sich die Forscher an, wie sich Fahrer an Kreuzungen mit vier gleichberechtigten Zufahrten verhielten. Laut den Daten fuhren insgesamt 12.5 Prozent der Fahrer über die Kreuzung, ohne dass sie den Vorfahrtsberechtigten Vorrang gewährten. Die Fahrer mit teureren Autos schnitten mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent den Weg der anderen Autofahrer ab.
Im zweiten Teil ging es um die Frage, ob Autofahrer für Fußgänger an Zebrastreifen anhalten würden. Auch hier war das Ergebnis eindeutig: Je teurer das Auto war, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass der Fahrer für den Fußgänger stehen blieb. Insgesamt hielten 46 Prozent der Fahrer mit luxuriösen Autos nicht an, während es bei Fahrern mit normalen Autos nur 35 Prozent waren. Und das trotz gesetzlicher Vorgaben am Studienort, an Zebrastreifen zu halten.
Zu viel Macht im Monopolyspiel
Unter demselben Forschungsteam wurde eine weitere, ähnliche Studie durchgeführt. Dafür wurden 100 Paare aufgefordert, zusammen Monopoly zu spielen. Ein Münzwurf entschied darüber, welche Personen als reiche Spieler starten durften. Diese erhielten zu Beginn des Spiels doppelt so viel Geld, bekamen beim Fahren über das Startfeld ein doppeltes Gehalt und durften sogar mit zwei Würfeln spielen statt nur mit einem.
Auch hier waren die Ergebnisse verblüffend: Die reichen Spieler bewegten ihre Spielfiguren lauter, schlugen sie regelrecht über das Spielbrett und aßen sogar mehr Salzbrezeln aus einer Schüssel am Rand als die Spieler, die die arme Rolle zugeteilt bekommen hatten. Außerdem wurden die reichen Spieler unhöflicher gegenüber den anderen und sprachen am Ende des Spiels davon, ihren Erfolg verdient zu haben. Obwohl das Spiel offensichtlich manipuliert war.
Die mit weniger Geld spenden mehr
Man kann dasselbe Beispiel auch anhand des Gehalts der Menschen durchspielen. Im Jahr 2012 untersuchte eine US-amerikanische Universität die Steuerunterlagen von Amerikanern, die im Jahr 2008 mindestens 50 000 US-Dollar verdienten. Anschließend schaute man sich die Spendenbereitschaft dieser Menschen an.
Und tatsächlich: Diejenigen, die weniger hatten, gaben mehr von ihrem Besitz für den guten Zweck. Haushalte mit einem Einkommen zwischen 50 000 und 75 000 US-Dollar spendeten im Durchschnitt 7.6 Prozent ihres Einkommens für wohltätige Zwecke, während Haushalte mit einem Einkommen von 100 000 US-Dollar oder mehr nur 4.2 Prozent spendeten.
Verdirbt Geld den Charakter oder zeigt es ihn nur?
Doch bevor man nun voreilige Schlüsse aus solchen Ergebnissen zieht, stellt sich eine grundlegende Frage: Was bedeutet überhaupt ein guter oder schlechter Charakter? In den genannten Studien wurde Moral anhand konkreter Regeln gemessen, wie z.B. Verkehrsregeln, Fairness im Monopolyspiel oder Spendenbereitschaft. Aber nicht jeder, der viel spendet, ist automatisch ein guter Mensch. Genauso wenig wie wenig jemand ein schlechter Mensch ist, wenn er dies nicht tut.
Für Aristoteles war Geld an sich weder gut noch böse. Entscheidend war allein, wozu es genutzt wurde. Auch in den Studien wird sichtbar, dass nicht Geld den Menschen böse macht, sondern der Umgang mit Macht offenlegt, was bereits im Charakter angelegt ist. Geld wirkt dabei also vielmehr als Katalysator denn als Ursache. Ähnlich wie Alkohol enthemmt das Gefühl, sich wegen finanzieller Macht mehr erlauben zu können.
Moralposten an der Börse
Menschen, die an der Börse Geld verdienen wollen, müssen sich also erstmal keine Sorge machen. Mehr Geld macht einen nicht zwangsläufig zu einer schlechteren Person. Es wird seinen Besitzern lediglich neue Möglichkeiten geben, das zu tun, was man ohnehin tun will. Wer von vornherein gute Motive und eine gesunde Moral hat, wird sie wahrscheinlich auch behalten, wenn mehr Geld verfügbar ist.
Investieren heißt nicht, um jeden Preis Geld zu verdienen. Sondern, dass man etwas Sinnvolles aus seinem Geld macht. Am Ende zählt also nur ein Gedanke, den Aristoteles gewiss auch unterschrieben hätte: Nicht das Geld entscheidet über den Charakter eines Menschen, sondern der Charakter entscheidet darüber, was aus dem Geld wird.
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Studien zeigen, dass Menschen mit höherem sozialen Status im Schnitt häufiger egoistisches oder regelwidriges Verhalten zeigen – etwa im Straßenverkehr.
In einer Monopoly-Studie wurden zufällig bevorteilte „reiche“ Spieler schnell rücksichtsloser und hielten ihren unfairen Erfolg trotzdem für verdient.
Geld ist weder gut noch böse – es wirkt vielmehr als Katalysator und verstärkt den Charakter, der bereits vorhanden ist.

