Am Wochenende hat Javier Milei, der streitbare Präsident von Argentinien, einen Memecoin auf seinem X-Account beworben. Das Solana-Meme mit dem Namen LIBRA schoss innerhalb weniger Minuten auf eine Marktkapitalisierung von mehr als vier Milliarden US-Dollar, Milei bezeichnete das Projekt als Promo-Kampagne für den argentinischen Mittelstand. Wenige Minuten nach Handelsstart brach der LIBRA-Kurs ein, der Token verlor rund 99 Prozent an Wert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Milei seinen Post schon wieder gelöscht und erklärt, er wäre selbst getäuscht worden. Am Montag gab einer der Entwickler von LIBRA und dem Memecoin von Donald Trumps Frau Melania zu, die Preise beider Memes mithilfe von Insider-Kapital künstlich nach oben getrieben zu haben.
Natürlich könnte man diesen Fall in die Reihe vieler anderer Memecoin-Launches stellen, bei denen Kleinanleger Millionen verloren haben. Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn Javier Mileis LIBRA steht sinnbildlich für das, was im Kryptomarkt gerade schiefläuft. Dabei muss man eine Sache verstehen: Memecoins sind zwar ein großes Problem für den Altcoin-Sektor, weil sie Aufmerksamkeit und Liquidität aufsaugen, gleichzeitig aber mit zahllosen Betrugsgeschichten das breite Vertrauen in den Kryptomarkt zerstören. Trotzdem sind sie eigentlich nur das Symptom einer viel größeren Krankheit des Altcoin-Sektors, die dafür verantwortlich ist, dass kleine Kryptowährungen seit Monaten so schlecht performen. Diese Krankheit hat sich tief ins Selbstverständnis des Kryptomarktes und seiner Teilnehmer gefressen – und dieses Selbstbild gefährlich verzerrt.
Das Spiel ist manipuliert
Stellen Sie sich vor, Sie treffen sich mit Freunden zum Fußballspielen, haben aber zu wenig Leute. Fünf gegen fünf wäre toll, allerdings sind nur sieben Kicker gekommen. Was also tun? Auf dem Platz nebenan spielen drei Leute Frisbee. Die haben von Fußball zwar keine Ahnung, aber das ist ja eigentlich auch ganz gut – schließlich kann man mehr Tore schießen, wenn die Gegner gar nicht so genau wissen, wie das Spiel funktioniert. Also fragen Sie die Frisbee-Typen und zeigen ihnen gemeinsam mit Ihren Kicker-Kollegen, wie viel Spaß es macht, Tore zu schießen. Die neuen Frisbee-Freunde sind Feuer und Flamme, wollen es auch ausprobieren und schießen den Ball ein paarmal ins leere Tor. Auf diese Weise begeistert, erklären sie sich bereit, mitzuspielen.
Am Freitag postete Javier Milei die Ankündigung des LIBRA-Memecoins auf X und fügte die Kontrakt-Adresse auf Solana an.
Nun ergibt sich aber das nächste Problem. Zwei müssen mit den drei Frisbee-Typen spielen, um ein Fünfer-Team zu stellen. Alle gelernten Kicker wollen aber so oft wie möglich gegen die ungeschickten Frisbee-Freaks spielen, um viele Tore zu schießen. Außerdem will niemand öfter als nötig auf der absehbaren Verliererseite stehen. Denn dass die Drei vom Nebenfeld verlieren werden, ist völlig offensichtlich (wenn auch nicht für die Frisbee-Freunde selbst, die noch ganz berauscht sind von ihrem Erfolg vor dem leeren Tor). Um alle Kicker-Kollegen zufriedenzustellen, einigen Sie sich darauf, diejenigen auszulosen, die mit den drei Frisbee-Freaks spielen müssen. Aber auch dieses Glücksspiel ist nicht fair. Denn Sie haben die Lose manipuliert. Auf diese Weise landen immer dieselben zwei Kicker-Kumpels bei den ungeschickten Frisbee-Fans und verlieren ein Spiel nach dem anderen.
Kurz darauf löschte er seinen ersten Tweet und schrieb stattdessen, dass er selbst die betrügerischen Details des Projekts nicht gekannt habe.
Sie und Ihre vier Fußballer-Kollegen, die immer gewinnen, schießen zunächst viele Tore, lange aber hält der Spaß nicht an. Denn sowohl die Frisbee-Freaks als auch Ihre eigenen Kicker-Kollegen merken schnell, dass sie vom Gewinner-Team übers Ohr gehauen wurden. Wer will schon immer verlieren? Oder – noch schlimmer – als Kicker immer mit den ausgenutzten Neulingen im Loser-Team sein? Nach drei Matches hauen die Frisbee-Freaks ab und auch Ihre zwei geprellten Kicker-Kumpels ziehen murrend von dannen. Übrig bleiben Sie und Ihre Mitverschwörer. Aber zu fünft können Sie nicht mehr vernünftig spielen. Wäre also wohl schlauer gewesen, die anderen von vornherein fairer zu behandeln. Dann hätte man den ganzen Nachmittag Spaß haben und trotzdem viele Tore schießen können – auch, wenn man den Frisbee-Typen ein paar mehr Erfolgserlebnisse gegönnt hätte.
Altcoins sind zu unfair geworden
War’s das wert? Die paar Tore und dafür sowohl die Frisbee-Freaks als auch die eigenen Kollegen zu vergraulen, ohne die man überhaupt nicht spielen kann? Genau diese Frage sollte sich der Altcoin-Sektor in der aktuellen Situation stellen. Anstatt nachhaltige und technisch innovative Projekte aufzuziehen, dreht sich in diesem Krypto-Zyklus alles darum, wie man möglichst schnell Kleinanleger zurück in den Markt bringt, an die man wertlose Coins überteuert verschachern kann.
Schnelles Geld spielte auch in früheren Krypto-Zyklen eine große (wenn nicht sogar zentrale) Rolle, keine Frage. Aber derart auf die Spitze wurde es bisher nie getrieben. Man gibt sich gar nicht mehr die Mühe, so zu tun, als würde man etwas entwickeln – und verwendet das dann auch noch als Verkaufsargument. Die neuen Anleger von außen werden – wie die Drei vom Nebenfeld in unserem Beispiel – nur angelockt, um sofort ausgenommen zu werden.
Onchain-Analysten schätzen das Volumen aller betrügerischen Coins im Solana-Ökosystem auf rund 5.6 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Die bisherigen Zuflüsse aller US-Ethereum-ETFs belaufen sich auf gut 3.1 Milliarden.
Von Anfang an dominierten Memecoins diesen Bullenmarkt. Das Prinzip dahinter: Keinerlei technologischer Wert, billige Lockstrategien für neue Investoren mit fingierten Geschichten von Über-Nacht-Millionären – und in den meisten Fällen werden Unwissen und falsche Hoffnung der Neuen ebenso rasch wie schamlos ausgenutzt. Memecoin-Insider ziehen Kleinanleger ebenso ab wie die Kicker vom Anfang ihre Frisbee-Freaks. Dabei verlieren nicht nur die Kleinanleger die Freude an Krypto, sondern auch die erfahrenen Investoren, die sich auf das Spiel eingelassen haben, aber schnell merken, dass sie wegen unfairer Spielregeln immer wieder im Verliererteam landen.
Auf diese Weise büßt der Kryptomarkt nicht nur das immer wieder kurz aufflammende Interesse neuer Teilnehmer ein, sondern verliert auch an Vertrauen in seinen innersten Zirkeln – also unter Anlegern, die schon lange dabei sind. Memecoins sollten das Allheilmittel gegen große Blockchain-Projekte sein, haben aber genau das Gegenteil erreicht. Ursprünglich entstand der Memecoin-Hype aus der Frustration über große Altcoin-Projekte, die ihre Coins im geschlossenen Vorverkauf an institutionelle Wagniskapitalgeber verscherbeln. Wurden die Kryptowährungen dann zum öffentlichen Verkauf freigegeben, saßen die frühen Investoren auf horrenden Gewinnen und verkauften sofort an ahnungslose Kleinanleger, auf Englisch nennt man das Exit-Liquidität.
Memecoins versprachen, dieses Problem durch faire Verteilung der Tokens von Beginn zu lösen. Die vermeintlich große Vision lautete, der Krypto-Community die Macht über die Projekte zurückzugeben. Ein Frosch-Meme oder ein Hund mit Hut, die mehrere Milliarden Dollar an Marktwerten erreichen, sollten ein Protest sein gegen Insider-Handel bei großen Altcoin-Protokollen. Ein Symbol für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Nach Monaten der Memecoin-Manie sieht man: Das Gegenteil ist der Fall. Denn die meisten Memecoins sind keinen Deut besser als die verhassten VC-Projekte (von Venture Capitalist, also Wagniskapitalgeber).
Seit dem Launch der Meme-Plattform Pump.fun ist der gespeicherte Wert auf Solana (lila) explodiert, andere Altcoins (schwarz) fielen in Relation zu Bitcoin ab...
Meme-Betrügereien sind sogar noch schlimmer. Bei VC-Projekten ist (in den meisten und seriösen Fällen) wenigstens öffentlich ersichtlich, wer große Anteile an den jeweiligen Coins oder Tokens hält und wann diese VC-Bestände zum Verkauf freigeschaltet werden (wann also starker Abgabedruck einsetzen dürfte). Bei Memecoins wie LIBRA halten Insider heimlich große Bestände, pumpen den Preis künstlich nach oben und verkaufen an der Spitze mit massigem Profit, während die angelockten Frisbee-Freaks und zusätzlich die betrogenen Kicker-Kollegen alles verlieren.
Das ist nicht fair, aber um Fairness geht es beim Investieren ja ohnehin nicht. Schließlich ist der Kryptomarkt seit jeher ein Spiel, bei dem jeder gegen jeden spielt und nur zum Ziel hat, spekulative Wertgegenstände zu überhöhten Preisen zu verkaufen. Fairness sollte man also nicht erwarten. Das Problem ist nur: Spielt man allzu unfair (und das auch noch so offensichtlich wie bei LIBRA und Co.), laufen einem die potenziellen Gegner weg. Dann kann man gar keine Tore mehr schießen.
War’s das wert?
Genau das ist der Punkt: Es ist zu unfair geworden. Nicht, weil der Markt intransparent ist und jeder auf seinen Vorteil aus ist, das war schon immer so. Sondern, weil es die allermeisten Marktteilnehmer schon gar nicht mehr darauf anlegen, technische Innovation zu schaffen, um daran (spekulativ) zu partizipieren. Es geht nicht mehr darum, nachhaltigen Mehrwert für den Blockchain-Sektor zu generieren, sondern nur noch um künstlich aufgeblasene Preise. Das betrifft nicht nur Memecoin-Betrüger, sondern fast alle Marktteilnehmer. Denn von vornherein stand dieser Zyklus unter dem Motto, möglichst schnell und überteuert an neue Kleinanleger – die Frisbee-Freaks – zu verkaufen. Nicht umsonst ist die große Frage seit Monaten: „Wann kommt der Retail endlich zurück“.
... aber nicht einmal Solana konnte davon nachhaltig profitieren. Hier der Solana-Kurs im Verhältnis zu Bitcoin (SOL/BTC).
Memecoins sind das Sinnbild des schnellen Geldes auf Kosten der Neuen. Genau das aber sollte der Kryptomarkt langfristig nicht sein. Im Interview mit der bekannten Analyseplattform Coinbureau sagte einer der LIBRA-Entwickler: „Preismanipulation durch die Teams hinter Memecoins sind notwendig, um Volumen zu kreieren. Memecoins gehen so schnell hoch und runter, die können in zwei Tagen sterben. Die einzige Hoffnung ist, als Entwickler den Preis durch eigene Liquidität selbst oben zu halten.“ In Insider-Kreisen auf Solana sei dies regelmäßig Thema und quasi Konsens.
Die Aussage des LIBRA-Entwicklers fasst alle Probleme zusammen, die der kranke Altcoin-Sektor gerade hat: Wertlose Projekte treiben ihre Preise künstlich nach oben, damit die Frisbee-Freaks kommen und die betrügerischen Kicker-Kumpels sie ausnutzen können. In diesem Zyklus scheint es nicht mehr darum zu gehen, etwas mit echtem Wert zu schaffen. Man will die Frisbee-Typen mit ein paar Trading-Erfolgen anfixen und anschließend ausnehmen. Das gilt mittlerweile – wenn wir ehrlich zu uns selbst sind – für die allermeisten Altcoin-Investoren. Wer hat noch auf echte Utility Coins gesetzt, als Memes links und rechts explodiert sind? Wer ist hier, um langfristig zu investieren?
Die Quittung bekommt der Markt aktuell: Die Frisbee-Freaks sind weg, viele werden nicht mehr zurückkommen. Zahlreiche Krypto-Fans haben den Glauben an jenes Versprechen verloren, das den Kryptomarkt zu dem gemacht hat, was er heute ist: die Vision, den Finanzmarkt zu revolutionieren. Wir haben den Spaß am Match für die Tore geopfert, die wir jetzt gar nicht mehr schießen können. Haben die Frisbee-Freaks verscheucht, die wir eigentlich willkommen heißen und für Blockchain-Technologie begeistern sollten. Vielleicht war der Meme-Wahnsinn aber auch nötig, um den Fokus im Kryptomarkt zurück auf fundamental starke Altcoin-Projekte zu lenken. Aktuell mag der Markt kaputt erscheinen, vergangene Zyklen aber haben uns gezeigt, wie schnell sich das ändern kann. Die Stimmung muss erst am Tiefpunkt ankommen, bevor große Rallyes beginnen können.




