Die Geldmenge in der Eurozone ist im vergangenen Juli (im Vergleich zum Vorjahresmonat) das erste Mal seit 13 Jahren geschrumpft. In Anbetracht der immer noch hohen Inflation ist das eine interessante Entwicklung. Ökonomen sehen darin sogar einen Indikator dafür, dass der Inflationsdruck in Europa möglicherweise nachlässt.
Welche Geldmenge?
„Eine Menge Geld“ ist immer Definitionssache. Im vorliegenden Fall ist die Definition die sogenannte Geldmenge M3, die als wichtiger geldpolitischer Indikator festgehalten und beobachtet wird (sie beträgt übrigens ungefähr 16€ Billionen). Diese M3-Geldmenge umfasst nicht nur Bargeld und Einlagen auf Girokonten, sondern darüber hinaus auch bestimmte Geldmarktpapiere und Schuldverschreibungen. Insgesamt spielt sie aufgrund ihrer Aussagekraft als Indikator für die gesamtwirtschaftliche Lage eine wichtige Rolle in der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese Menge Geld jedenfalls ist im Juli um 0.4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gesunken. Damit ist etwas passiert, was es seit 2010 in der Eurozone nicht mehr gegeben hat.
Was bedeutet das?
Zu den Gründen für das Schrumpfen der M3-Geldmenge kann beispielsweise gezählt werden, dass mittlerweile deutlich weniger Kredite vergeben werden als noch vor wenigen Jahren. Ebenso haben die kurzfristigen Einlagen abgenommen. Dies wiederum ergibt sich wohl daraus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins zuletzt deutlich angehoben hatte. Bis 2022 lag dieser noch bei null Prozent, mittlerweile ist er bis auf 4.25 Prozent angestiegen. Im Grunde könnte man sagen, dass mit der jetzt rückläufigen Geldmenge ein wichtiges Zwischenziel der EZB erreicht wurde – oder sich die Maßnahmen der Geldpolitik zumindest bemerkbar machen. Nach eigenen Angaben besteht das vorrangige Ziel der EZB darin, „Preisstabilität zu gewährleisten, also den Wert des Euro zu wahren“. Nach den hohen Preisanstiegen der letzten Zeit reagierte die EZB mit den Leitzinserhöhungen, mit dem Ziel, die Güternachfrage zu reduzieren und die Inflation zu bekämpfen.
Wie geht es weiter?
Wurde der Leitzins schon ausreichend erhöht oder soll er noch weiter angehoben werden? – Das ist die geldpolitische Frage, die sich jetzt stellt. Erste Anzeichen eines nachlassenden Inflationsdrucks treten auf, wie zuletzt beispielsweise die fallenden Erzeugerpreise und nun eben das Schrumpfen der M3-Geldmenge. Es ist aber natürlich trotzdem denkbar, dass die Zentralbank den Leitzins noch weiter anhebt. Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, äußerte hinsichtlich des künftigen geldpolitischen Kurses zuletzt, sowohl weitere Zinserhöhungen als auch eine Zinspause seien möglich. Im Prinzip geht es hier um eine geldpolitische Grundsatzdiskussion – welche von Falken und Tauben geführt wird.
Falken und Tauben
Quasi analog zu Bullen und Bären in den Märkten sind in geldpolitischer Hinsicht sozusagen die Falken und die Tauben relevant. Daher ergibt sich hier die Dichotomie zwischen hawkish und dovish. Falken (hawks) verfolgen das geldpolitische Primärziel einer stabilen Inflation. Das Mittel hierzu ist eine Erhöhung der Zinssätze und eine Verringerung der verfügbaren Geldmenge. Tauben (doves) hingegen verfolgen ein anderes geldpolitisches Primärziel: nämlich die Sicherung von Arbeitsplätzen, Stabilität der Wirtschaft bzw. Wirtschaftswachstum allgemein. Daher präferieren sie, die Zinssätze rasch zu senken und der Wirtschaft mehr bzw. „günstigeres“ Geld zur Verfügung zu stellen. Welcher Seite die EZB aktuell mehr zugeneigt ist, wird sich wohl am 14. September herausstellen. Wie es dann weiter geht mit dem Leitzins – darüber wolle man datenabhängig entscheiden, betonte neulich Christine Lagarde.


