Seit Jahren legt China einen strategischen Fokus auf den Aufbau einer eigenständigen Luftfahrtindustrie. Im Zentrum dieses Unternehmens steht der staatliche Flugzeugbauer Comac (Commercial Aircraft Corporation of China), der 2008 in Shanghai gegründet wurde. Ende Dezember 2009 erfolgte der erste Spatenstich für den Produktionsstandort der C919, dem ersten vollständig in China hergestellten Verkehrsflugzeug. Dabei handelt es sich um ein direktes Konkurrenzmodell zur Boeing 737 und zum Airbus A320. Allerdings ist Comac derzeit noch von westlichen Zulieferern abhängig, vor allem im Bereich der Triebwerkstechnologie. Derzeit werden die Strahlentriebwerke vom französisch-amerikanischen Hersteller CFM International geliefert.
In den letzten Jahren hat Comac bedeutende Fortschritte gemacht und seit über einem Jahr befördert die 39 Meter lange C919 innerhalb Chinas Passagiere durch den Luftraum. Daher streben die Chinesen nun auch eine europäische Zulassung an. Jedoch gibt es einige Diskrepanzen zwischen der chinesischen Luftfahrtbehörde CAAC und der europäischen Flugsicherheitsbehörde EASA, da die Chinesen abweichende Standards und Methodiken nutzen, was eine Zertifizierung erschwert und in die Länge zieht. Zwar hoffen die Chinesen schon nächstes Jahr auf eine positive Rückmeldung, aber Vertreter der EASA bremsen solche Erwartungshaltungen bisher ein.
Die Zukunftsaussichten für Comac sind dennoch alles andere als mager. Bereits jetzt gibt es über 1000 Bestellungen für die C919 und der schnell wachsende chinesische Luftfahrtmarkt braucht weitere Flieger. Ebenso wie die Schwellenländer und deren Fluggesellschaften. Boeing und Airbus allein können das nicht bewerkstelligen und in genau diese Lücke könnte Comac jetzt hineinstechen und von der Schwäche der westlichen Konkurrenten profitieren. Denn an gleich mehreren Fronten muss sich Boeing nun beweisen und zeigen, dass sie in der Lage sind, die Fragilität ihrer Qualitätsstandards in den Griff zu bekommen und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Darüber hinaus haben die Familien der Opfer der Flugzeugabstürze im Zusammenhang mit den 737 Max-Flugzeugen zahlreiche Klagen eingereicht, ebenso wie einige unzufriedene Aktionäre, die dem amerikanischen Hersteller immer noch Probleme bereiten können. Für Airbus ist das im Grunde eine günstige Ausgangsposition, doch auch der europäische Konzern sieht sich in den vergangenen Monaten mit einigen Problemen konfrontiert. Fachkräftemangel und immer noch anhaltende Lieferkettenprobleme verzögern die Auslieferungen der Maschinen, wodurch die Wartezeiten immer länger werden. Als Ausweichmöglichkeit blieb wohl oder übel bisher nur Boeing übrig. In absehbarer Zeit könnte sich das jedoch ändern. Zum Beispiel dadurch, dass sich die Entwickler der C919 bei dem Entwurf des Cockpits vorausschauend von jenem des A320 haben inspirieren lassen, wodurch eine Umschulung von dem A320 auf die C919 in nur drei Tagen möglich sein soll.
Die langfristigen Ambitionen der Chinesen werden auch dadurch deutlich, dass Comac am Bau eines Langstreckenflugzeugs arbeitet, welches bis zu 280 Passagiere fassen und über eine Reichweite von 12 000 Kilometern verfügen soll. Das Projekt trägt den Namen C929 und auch für eine Erweiterung mit dem Namen C939 liegen schon die ersten Entwürfe in der Schublade. Dieser Flieger soll sich später sogar mit annähernd 400 Fluggästen in die Lüfte schwingen können.
Somit dürfte klar sein, dass Comac langfristig plant, auf dem globalen Markt Fuß zu fassen. Wofür das Unternehmen aber nicht nur das Zutrauen, sondern auch die Akzeptanz der internationalen Fluggesellschaften gewinnen muss, besonders in Bezug auf Sicherheitsstandards, Wartungsnetzwerke und Betriebskosten. Schaffen es die Chinesen jedoch, ihre Produktion zu skalieren und die Qualität ihrer Flugzeuge weiterhin voranzutreiben, haben sie nicht nur das Potenzial, sich neben Airbus und Boeing dauerhaft zu etablieren, sondern darüber hinaus auch die Möglichkeit das Kräfteverhältnis in der globalen Luftfahrtindustrie zu verschieben. Gerade die aufstrebenden Schwellenländer dürften ein Interesse an günstigeren Alternativen zu der 737 und dem A320 haben, was den westlichen Herstellern einiges an Marktanteilen kosten könnte. Darüber hinaus kann sich auf lange Sicht auch ein Preiskampf entwickeln, der Boeing und Airbus dazu zwingt, ihre Strategien anzupassen, sowohl im Bereich der Preise als auch im Hinblick auf Anreize, was letztlich die Gewinnmargen belasten könnte.




