Ölmarktanalysten verlieren die Zuversicht auf ein Wachstum der Ölnachfrage in China. Laut einer Bloomberg-Umfrage unter Analysten werden Chinas Rohölimporte in den letzten sechs Monaten des Jahres 2024 voraussichtlich stagnieren oder nur geringfügig höher sein als im Vorjahr. Das wäre eine Verbesserung gegenüber dem ersten Halbjahr, aber nicht genug, um das zusätzliche Angebot aufzufangen, da die OPEC+ versucht, den Markt wieder mit mehr Barrel zu versorgen. China hat sich in den letzten Jahren zum weltweit größten Ölimporteur entwickelt. Während es 2004 noch etwa 2.5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag (b/d) importierte, waren es im letzten Jahr 11.3 Millionen Barrel pro Tag – ein Anstieg, in dem sich das schnelle wirtschaftliche Wachstum und die zunehmende Energieanforderung des Landes widerspiegelt. Doch da die Wirtschaft des Landes zuletzt schwächelt, steigt auch die Sorge, ob die ursprünglichen Nachfrageprognosen nicht zu hoch angesetzt waren. Chinas Wirtschaft droht in einen deflationären Zyklus einzutreten, in dem die Preise aufgrund der sinkenden Nachfrage fallen werden, sagte Bob Yawger, Direktor für Energie-Futures bei Mizuho in New York. „Und das ist so ziemlich das schlimmstmögliche Szenario für ein Land, das der größte Importeur von Rohöl auf dem Planeten ist“, fügte er hinzu.
Prognosen gesenkt
Bereits im ersten Halbjahr gingen die Rohölimporte nach China um 2.3 Prozent zurück, was den größten Halbjahresrückgang seit der Covid19-Pandemie darstellte. Und während ursprünglich viele Analysten mit einer Erholung im zweiten Halbjahr rechneten, ging der Optimismus zuletzt zurück. Vier Ölmarktprognostiker wurden von der nordamerikanischen Nachrichtenseite Bloomberg zu ihren Erwartungen befragt. „Aufgrund der weiterhin schwachen Nachfrage im Downstream-Bereich bin ich geneigt, meine Prognose für die Rohölimporte in der zweiten Jahreshälfte nach unten zu korrigieren“, erklärte Amy Sun, Beraterin bei GL Consulting in Guangzhou. Suns Prognose von 11.4 Millionen Barrel pro Tag für die zweite Jahreshälfte ist die optimistischste unter den vier Schätzungen und basiert auf höheren Zuflüssen zur neuen Raffinerie der Shandong Yulong Petrochemical Co. Die pessimistischste Schätzung stammt von Kpler Ltd., die einen Importbereich von 10.7 bis 10.8 Millionen Barrel pro Tag angibt, wobei sich diese Zahl nur auf die Seetransporte bezieht. Zum Vergleich: In den letzten sechs Monaten des Jahres 2023 lagen die Importe Chinas bei 11.23 Millionen Barrel pro Tag, überwiegend per Schiff, einschließlich Lieferungen aus dem Iran und Russland.
Bloomberg-Umfrage unter Analysten zu den chinesischen Importen im zweiten Halbjahr 2024Eine schwächelnde Wirtschaft
Die China National Petroleum Corp., der größte Energieproduzent des Landes, erklärte Anfang des Jahres, dass “die chinesische Ölnachfrage in eine Phase mit geringem Wachstum“ eingetreten sei, da der Aufschwung nach der Pandemie nachlasse. Dies wird auch von Wirtschaftsdaten unterstreicht, die jüngst veröffentlicht wurden. Zwischen April und Juni ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt um etwa 4.7 Prozent gewachsen. Dies ist das langsamste Wachstum seit dem ersten Quartal 2023 und liegt unter der Konsensprognose von 5.1 Prozent. Auch im Vergleich zum Vorquartal, in dem das Wachstum noch 5.3 Prozent betrug, wuchs die chinesische Wirtschaft weniger schnell. „Insgesamt zeigen die BIP-Daten, dass der Weg zur Erreichung des Wachstumsziels von fünf Prozent schwierig bleibt“, sagt ING-Ökonom Lynn Song. Chinas verarbeitendes Gewerbe verzeichnete zuletzt sogar einen Rückgang. Laut einer Reuters-Umfrage vom Montag schrumpfte die Aktivität in Chinas Fabriken im Juli zum dritten Mal in Folge. Der offizielle Einkaufsmanagerindex (PMI) wurde mit 49.3 prognostiziert und lag damit unter dem Wert vom Juni (49.5), so die mittlere Prognose von 31 befragten Ökonomen. Die 50-Punkte-Marke trennt zwischen Wachstum und Schrumpfung der jeweiligen Aktivität.
Chinas Rolle im Ölmarkt
Chinas Ölnachfrage hat weltweite Implikationen. Schließlich machte das Land zuletzt einen Löwenanteil des globalen Nachfragewachstums aus. Als führender Ölimporteur beeinflusst China entscheidend die globalen Rohölpreise und die Strategien der großen Produzenten. Zuvor hatten die Vereinigten Staaten diese Rolle inne, doch 2017 zog China an den USA vorbei und wurde zum größten Importeur weltweit.
Entwicklung der Rohölimporte: Vergleich zwischen USA und China (2013-2023)Die anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die damit verbundenen Prognosekorrekturen zeigen, wie fragil die Dynamik an den globalen Energiemärkten derzeit ist. Wir analysieren die Rohölnotierungen Brent und WTI sowie den VanEck Oil Services ETF im Rahmen unseres Rohöl-Pakets, inklusive Einstiegsmöglichkeiten in beide Handelsrichtungen. Den chinesischen Markt decken wir zum einen mit unserer Analyse zum Hang Seng-Index ab, zum anderen analysieren wir in unserem China-Titans-Paket Aktien von 20 chinesischen Schwergewichten.




