Chinas Immobilien-Riese Evergrande wird aufgelöst
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Chinas Immobilien-Riese Evergrande wird aufgelöst

„Genug ist genug“, sagte Richterin Chan, als sie verkündete, dass der zuletzt massiv strauchelnde Immobiliengigant Evergrande nun tatsächlich aufgelöst werden soll. Vorausgegangen war ein Prozess, angestoßen durch einen Off-Shore-Gläubiger. Ziel war die Einigung über eine etwaige Restrukturierung. Evergrande sitzt auf Schulden in Höhe von rund $333 Milliarden und kommt bereits seit Dezember 2021 seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nach, der Vorsitzende Hui Ka Yan muss sich derzeit wegen mutmaßlicher Straftaten verantworten. „Das Unternehmen hat es immer noch nicht geschafft, einen konkreten Restrukturierungsplan vorzulegen“, begründete Chan die Entscheidung, die zuvor bereits mehrfach vertagt worden war. Das Gericht ernannte das Beratungsunternehmen Alvarez & Marsal zum Liquidator, die Firma ist spezialisiert auf Krisenmanagement bei großen Unternehmen und soll die umfängliche Restrukturierung von Evergrande anleiten.

Lässt Peking sich das Urteil gefallen?

Es dürfte der Beginn eines langwierigen Verfahrens sein, welches aufgrund der vielen beteiligten Behörden auch eine politische Dimension hat. Es wird sich in diesem Rahmen nämlich unter anderem zeigen, wie chinesische Behörden ausländische Gläubiger “behandeln”. So befindet sich ein Großteil der Evergrande-Vermögenswerte in Höhe von rund $240 Milliarden auf dem chinesischen Festland und es bleibt fraglich, ob die Offshore-Gläubiger deren Verkauf überhaupt beantragen können. Sollten die chinesischen Behörden den Liquidationsbeschluss aus Hongkong nicht anerkennen, könnten die Gläubiger lediglich die Liquidation der Vermögenswerte in Hongkong beantragen. Die Situation sei sehr kompliziert, sagt Simon Lee, Finanzanalyst und Evergrande-Experte von der Chinesischen Universität Hongkong: "Wann immer es einen solchen Rechtsstreit gibt, sind die Gerichtsbarkeiten in Hongkong und auf dem Festland involviert”. Bei einer angeordneten Liquidierung sei es äußerst schwer vorherzusagen, wie das Ganze “auf dem chinesischen Festland umgesetzt wird".

Schließlich widerspricht die Entscheidung des Hongkonger Gerichts den Vorstellungen des chinesischen Präsidenten Xi Jinping über die Konsolidierung der kriselnden Immobilienbranche – zumindest, wenn man politischen Beobachtern Glauben schenkt. Die Regierung der Volksrepublik stellte erst kürzlich milliardenschwere Subventionsprogramme für verschuldete Bauunternehmen in Aussicht und will die Gesamtwirtschaft durch ein staatlich koordiniertes Liquiditätsprogramm inklusive gelockerter Geldpolitik stimulieren. Diese zentral veranlassten Pläne durchkreuzt der Urteilsspruch aus der Sonderverwaltungszone, deren demokratische Privilegien schon vor einiger Zeit stark eingeschränkt wurden. Trotzdem gilt hier noch das Recht aus der Zeit britischer Besatzung, die Gerichte genießen eine gewisse Autonomie und opponieren indirekt gegen die Staatsführung in Peking, indem sie Evergrande über die Insolvenz-Planke gehen lassen. Erst kürzlich hatte die chinesische Regierung Großaktionäre bestimmter Unternehmen dazu aufgerufen, vorerst nicht zu verkaufen und schränkte erst vor einigen Tagen Leerverkäufe regulierter Aktien ein, um den Abgabedruck auf dem nationalen Finanzmarkt einzudämmen. Die umfangreichen Konjunkturprogramme sollen helfen, Stabilität, Anlegervertrauen und schließlich auch wieder rasantes Wachstum zurück auf die chinesischen Märkte zu bringen. Präsident Xi stellte erst kürzlich weitere starke Wachstumswellen der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft in Aussicht.

Evergrande-Kollaps “vergleichsweise unproblematisch”

Einst war der Immobiliensektor der Wachstumsmotor der Volksrepublik, machte er doch bis zu einem Drittel der landesweiten Wirtschaftskraft aus. Seit einigen Jahren hat die Branche aber mit Widrigkeiten zu kämpfen. Hohe Investitionen flossen in den Bausektor, auch aus privater Hand, starke Landflucht schien eine schier unstillbare Nachfrage nach Wohnraum in neu entstehenden urbanen Räumen zu schaffen. Mit der Verschärfung der Vorschriften seitens der chinesischen Regierung im Jahr 2020 gerieten zahlreiche Immobilienunternehmen in Zahlungsverzug – unter anderem auch Evergrande. Riesige Wohnbauprojekte wurden vorübergehend auf Eis gelegt, hochrangige Führungspersönlichkeiten wichtiger Immobilien- und Investmentfirmen wegen unlauteren Geschäften oder fahrlässiger Finanzplanung verhaftet – auch im berüchtigten chinesischen Schattenbank-Sektor, dessen teils fragwürdige Praktiken bei Investitionen zur Destabilisierung des Immobiliensektors beitrugen.

Das Urteil dürfte Auswirkungen auf die gebeutelte Branche haben, die Untergangsprognosen seien allerdings überzogen, stellte der deutsche China-Wissenschaftler und Ökonom Markus Taube klar: “Ich sehe das ganz große Drama momentan noch nicht”. Natürlich gebe es “ein beträchtliches Ausmaß an Verschuldung der chinesischen Unternehmen, aber ich halte das für vergleichsweise unproblematisch”. Zwar ist davon auszugehen, dass das Vertrauen in den Immobiliensektor Schaden genommen hat, was auch die Investitionsfreude der Festlandbewohner auf dem Immobilienmarkt beeinträchtigen könnte – große Kreise sollte die Angelegenheit aber nicht ziehen. Grund dafür ist das weitgehend nach außen abgeschottete chinesische Finanzsystem, das sich schon vor Jahren nach grenzüberschreitenden Krisen im asiatischen Raum aus Sicherheitsgründen vom Ausland abnabelte. Außerdem sei laut Markus Taube “ein Großteil der Schulden bei inländischen Gläubigern und nicht im Ausland platziert”.

Evergrande geht von der Börse  der Markt wird bereinigt

Die an der Hongkonger Börse gelistete Evergrande-Aktie reagierte auf die Nachricht am Montag mit einem über 20-prozentigen Kurssturz, woraufhin der Handel des Wertpapiers vorläufig ausgesetzt wurde. Angesichts der nun feststehenden Insolvenz ist eine Panikreaktion an den Börsen nicht ungewöhnlich, das Wertpapier war ohnehin schon länger ein Hochrisiko-Investment – die Pleite von Evergrande war ja schon seit Monaten abzusehen. Der Hang Seng-Index, der 82 chinesische Unternehmen abbildet und den wir für unsere Kunden täglich analysieren, blieb zu von größeren Kursverlusten verschont. Negativprognosen, die China eine zwei Jahrzehnte lange Rezession wie in Japan nach dem Platzen der dortigen Immobilienblase Ende der 1990er prophezeien, hält der Ökonom Markus Taube für unbegründet. China sehe “keinen so riesigen Einbruch” wie damals in Japan, im chinesischen Immobiliensektor sei zudem deutlich weniger Kapital aus anderen Wirtschaftszweigen gebunden als im Vergleichsfall des benachbarten Inselstaats. Taube geht “daher nicht davon aus, dass die chinesische Volkswirtschaft kollabiert”.

Dass Hongkong mit der Verurteilung von Evergrande vorangeprescht sei, könne zwar politische Spannungen nach sich ziehen, habe aber auch sein Gutes, betont Andrew Collier von Orient Capital Research, einem Hong Konger Analysehaus. Er erklärte in einer Stellungnahme, dass China keinen Lehman-Moment fürchten müsse, anspielend auf die Finanzkrise 2008, ausgelöst durch die Pleite der nordamerikanischen Lehman Brothers-Bank. Definitiv beweise China Entschlossenheit bei der Bekämpfung der wirtschaftlichen Turbulenzen, die von den Fehlkalkulationen des Bausektors ausgelöst wurden: “Die Liquidierung von Evergrande ist ein Zeichen, dass China bis zum Äußersten geht, um die Immobilienblase in den Griff zu bekommen. Das ist langfristig gut für die Konjunktur, kurzfristig aber sehr schwierig”. Das Evergrande-Aus könnte auf lange Sicht also einen reinigenden Effekt für Wirtschaft und Finanzmarkt im Reich der Mitte haben. Apropos langfristig: Wer vom Potenzial der größten chinesischen Unternehmen, den Wachstumstreibern eines der nach wie vor weltweit vielversprechendsten Märkte profitieren will, der findet alle nötigen Informationen zu Kursprognosen, lukrativen Einstiegen und Investitionsmöglichkeiten täglich und topaktuell in unserem China Titans-Paket.

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