Die Stimmung der Verbraucher in Deutschland ist seit Monaten verhalten. Hohe Inflation und Rezessionssorgen haben die Konsumlaune gedämpft, obwohl sich die Lage zuletzt leicht aufhellt. Gleichzeitig sieht sich der deutsche Einzelhandel – vom Innenstadthändler bis zum heimischen Online-Shop – einem wachsenden Druck durch Billigimporte aus China ausgesetzt. Plattformen wie Temu und Shein locken mit unschlagbar günstigen Preisen und erobern Marktanteile, während viele Ladenbesitzer hierzulande ums Überleben kämpfen.
In dieser Gemengelage fordert der Handelsverband Deutschland (HDE) nun Zölle gegen China, um die Flut an Billigwaren einzudämmen und faire Wettbewerbsbedingungen herzustellen. Doch würden solche Importzölle der EU den erhofften Befreiungsschlag bringen – oder drohen Gegenschläge, die der angeschlagenen Stimmung und der exportorientierten Wirtschaft schaden?
Verbraucher wollen sparen, Konjunktur bleibt schwach
Aktuelle Umfragen zeigen: Die Konsumlaune der Deutschen ist zwar nicht mehr im freien Fall, aber von echter Kaufeuphorie weit entfernt. Das HDE-Konsumbarometer erreichte im Juli den höchsten Wert seit einem Jahr – allerdings nur durch kleine Schritte aufwärts. Das Statistische Bundesamt meldete zudem einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0.1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, und das Wachstum im ersten Quartal wurde von 0.4 auf 0.3 Prozent nach unten korrigiert.
Arbeitslosigkeit steigt, Sparsamkeit überwiegt
Der Arbeitsmarkt entwickelt sich ebenfalls zum Problem. Im Juli stieg die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit den 31. Monat in Folge, mit 2.97 Millionen registrierten Arbeitslosen. Dies sind rund 750.000 mehr als während der Tiefststände im Frühjahr 2019. Erst 2026 soll es für diese Arbeitslosigkeit eine mögliche Verbesserung geben, so die Bundesagentur für Arbeit erwartet. Des Weiteren betont Arbeitsministerin Bärbel Bas, dass die Regierung mit Investitionsmaßnahmen die Grundlage für die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen gelegt habe. Doch es bleibt weiterhin unklar, wann diese Maßnahmen ihre Wirkung entfalten werden.
Hinzu kommt eine ausgeprägte Konsumzurückhaltung. Die hohe Sparquote – befördert durch attraktivere Zinsen und anhaltende Unsicherheit – bleibt ein Bremsklotz für den Konsum. Ökonomen verweisen darauf, dass die Deutschen traditionell vorsichtig agieren, wenn die Zukunft ungewiss scheint. So dürften z.B. die Diskussionen über eine mögliche Rezession, Energieengpässe oder auch weltweite Krisen (von US-Bankenturbulenzen bis China-Konflikten) mit dazu beitragen, dass trotz gefüllter Geldbeutel Zurückhaltung geübt wird.
Handel unter Druck – Billigplattformen verstärken Krise
Während die Konsumenten zögern, spitzt sich die Lage im deutschen Einzelhandel weiter zu. Ultra-billige Direktimporte aus China überschwemmen den Markt und setzen die Preise unter Druck. Plattformen wie Temu und Shein wachsen rasant, indem sie Mode, Elektronik-Zubehör oder Haushaltswaren zu Dumpingpreisen direkt aus chinesischen Lagern an hiesige Kunden liefern.
Allein Temu erzielte nach HDE-Angaben im vergangenen Jahr etwa 3 Milliarden Euro Umsatz in Deutschland – doppelt so viel wie im Vorjahr. Täglich kommen etwa 400.000 Pakete aus China bei deutschen Konsumenten an. Die Branche spricht von einem enormen Preisdruck: Lokale Händler können mit den Mini-Preisen oft nicht mithalten, zumal sie im Gegensatz zu den Online-Giganten sämtliche hiesigen Standards und Abgaben einhalten müssen.
Zölle gegen chinesische Billigimporte?
Angesichts dieser Entwicklung schlägt der Handelsverband Deutschland Alarm. HDE-Chef Stefan Genth fordert ein entschiedenes Einschreiten der Politik gegen die chinesischen Billig-Plattformen. „Wir brauchen Zölle gegen chinesische Billigimporte nach dem Vorbild der USA“, so Genth klar und deutlich. In einem Interview betonte er, dass die EU viel entschlossener handeln müsse, um die Wettbewerbsverzerrung durch Temu, Shein und ähnliche Anbieter zu beenden.
Konkret stört den Handelsverband, dass Direktimporte aus Drittstaaten bislang von einigen Abgaben und Pflichten ausgenommen sind. Zwar fällt seit 2021 auch für Kleinsendungen unter 22 Euro Umsatzsteuer an, doch es gibt weiterhin eine Zollfreigrenze von 150 Euro – unterhalb dieses Warenwerts werden keine Einfuhrzölle erhoben. Diese Regel nutzen die Billiganbieter gezielt aus, indem sie Millionen Kleinstpakete ins EU-Land schicken. Für Genth ist das ein klarer Nachteil für hiesige Händler: „Unsere Händler erfüllen hohe Standards und haften für alles, was sie verkaufen. Bei Direktimporten aus Drittstaaten gibt es keine effektive Haftung“, kritisiert er.
EU greift durch: Neue Regeln gegen Billigimporte
Tatsächlich hat die EU-Politik die Problematik erkannt und bereits Schritte eingeleitet. Im Rahmen einer umfassenden Zollreform ist vorgesehen, die €150-Freigrenze für Warensendungen aus Drittstaaten abzuschaffen – spätestens bis 2028. Auch soll das gesamte Zollverfahren digitalisiert und effizienter gestaltet werden, um der Paketflut Herr zu werden. Doch vielen geht das nicht schnell und weit genug.
Neben Zöllen und Gebühren geht die EU auch regulatorisch gegen die Billiganbieter vor. So hat die Kommission im Frühjahr 2025 Verfahren gegen Shein und Temu wegen Verbraucherrechtsverstößen gestartet. Den Plattformen wurde klargemacht, dass sie haftbar sind, wenn unsichere oder regelwidrige Produkte an EU-Kunden verkauft werden. Sollten sie die Mängel (etwa bei Produktsicherheit, falschen Rabattversprechen oder Widerrufsrechten) nicht abstellen, drohen Strafen in empfindlicher Höhe.
Faire Handelspolitik oder Konsum-Push?
Die Debatte um Zölle gegen China im Kontext der schwachen Verbraucherstimmung zeigt die verzwickte Lage: Deutschlands Binnenkonsum schwächelt, und ausgerechnet in dieser Phase strömen billige Importprodukte ins Land, die den heimischen Handel zusätzlich belasten. Der Ruf nach Gegenwehr – durch Zölle, Gebühren und strengere Regeln – ist nachvollziehbar, doch die Umsetzung verlangt Fingerspitzengefühl.
Makroökonomisch gilt es zu vermeiden, dass ein Handelskonflikt mit China die konjunkturelle Erholung abwürgt. Private Konsumausgaben sind eine tragende Säule der Wirtschaft; sie weiter anzukurbeln, hat Priorität. Gleichzeitig muss die Politik glaubwürdig darlegen, dass Regeln für alle Marktteilnehmer gelten – auch für Online-Giganten aus Fernost.




