Der Bitcoin ist am gefährlichsten Punkt seit Monaten. Zum fünften Mal versucht er, aus dem Abwärtskanal auszubrechen, durch den er seit Anfang März irrt. Die letzten vier Male ist er krachend gescheitert und korrigierte jedes Mal tiefer: 18 Prozent beim ersten Scheitern im März, 22 Prozent beim zweiten im April, im Juli ganze 25 Prozent und sogar 30 Prozent im August nach dem bisher letzten erfolglosen Test der Oberkante. Aktuell notiert Bitcoin so nah an dieser Oberkante wie selten im letzten halben Jahr. Trotzdem oder genau deshalb kehrt nach den starken vergangenen Tagen die Angst in den Markt zurück. Und diese Angst wirkt am stärksten auf Ethereum und die Altcoins. Dennoch könnten kleinere Kryptos bald aus ihren monatelangen Korrekturphasen ausbrechen. Erste Hinweise geben Muster vergangener Zyklen und drei wichtige Charts.
Warum fallen Altcoins plötzlich?
Als der Bitcoin Anfang der Woche deutlich anstieg, zog er die meisten Altcoins mit. Als er sich dann aber der Oberkante seines Abwärtskanals näherte, schwächelten kleinere Kryptowährungen plötzlich und verkauften teils stark ab – und das, obwohl Bitcoin weiter stieg. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist auf den zweiten und angesichts der emotionalen Lage des Marktes nur logisch. Krypto-Anleger haben Angst. Angst vor einem weiteren tiefen Abverkauf, sollte der Bitcoin ein weiteres Mal beim Versuch scheitern, aus seinem Abwärtskanal auszubrechen. Dass der Kurs rund um die $70 000 ernste Probleme bekommen würde, war aber schon lange vorher klar. Schließlich hält diese Marke den Bitcoin nun schon seit einem halben Jahr zurück.
Die Regel der vergangenen Monate war: Wenn Bitcoin steigt, ziehen die Altcoins nur halbherzig nach. Wenn der Krypto-Marktführer aber fällt, trifft es kleinere Coins umso heftiger. Um sich gegen mögliche erneute Bitcoin-Abverkäufe abzusichern, stoßen viele Investoren ihre Altcoins vorsorglich ab. Das setzt eine Dynamik in Gang, die sich selbst verstärkt – zum Nachteil kleinerer Kryptowährungen: Investoren sehen, dass Bitcoin am besten performt und schichten Geld von Altcoins in Bitcoin um. Das schwächt kleinere Kryptos und stärkt den Bitcoin, was die Tendenz des Marktes, stärker in Bitcoin zu investieren, weiter verstärkt. Dass Altcoins fallen, während Bitcoin steigt, ist in der Frühphase starker Bullenmarkt-Rallyes nicht ungewöhnlich. Ganz im Gegenteil: Vergangene Zyklen durchliefen ganz ähnliche Muster, bevor die Altcoin-Season begann.
Ethereum vs. Bitcoin: Endet die Schwächephase?
Um Altcoin-Zyklen zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf den Altcoin-Marktführer Ethereum. Der Vergleich mit dem Branchen-Primus Bitcoin verdeutlicht, in welcher Zyklusphase sich die Altcoins befinden. Seit bald zwei Jahren befindet sich ETH im Verhältnis zu Bitcoin in einem stetigen Abwärtstrend. Ende 2022 erreichte Ethereum in dieser Metrik sein letztes lokales Top bei knapp 0.09 BTC. Zu diesem Zeitpunkt bekam man für einen Bitcoin also gut elf ETH. Aktuell notiert Ethereum bei 0.038 BTC, ein Bitcoin ist mittlerweile also stolze 26 ETH wert. Auch im letzten Bullenmarkt 2021 wertete Ethereum über längere Phasen kontinuierlich gegenüber Bitcoin ab.
Zwar geschah dies nicht in einem einzigen Abwärtskanal, die Tendenz aber war über lange Phasen ähnlich. Auffällige Parallelen ergeben sich ausgerechnet zur finalen Korrekturphase vor der großen Rallye im Frühjahr 2021. Aktuell befindet sich Ethereum im Verhältnis zu Bitcoin auf einem wichtigen Preisniveau, das in den vergangenen Jahren mehrfach als Widerstand fungierte, bevor Ethereum im letzten Bullenmarkt darüber ausbrach. An dieser Marke dürfte in den kommenden Tagen und Wochen die Entscheidung fallen, ob Ethereum in seiner BTC-Bewertung endlich der Ausbruch aus seinem jahrelangen Abwärtstrend gelingt oder die Abwertung weitergeht.
Kleine Altcoins leiden unter BTC-Dominanz
Auf einer ähnlich wichtigen Marke im Verhältnis zu Bitcoin sitzt aktuell die Marktkapitalisierung der kleineren Altcoins außerhalb der Top-10. Die Marke um rund drei Millionen BTC war vor den Bullenmärkten 2017 und 2021 wichtiger Widerstand, über den die Marktkapitalisierung der Small-Cap-Altcoins jeweils im Frühjahr des entsprechenden Bullenmarkt-Jahres ausbrachen. Diese Ausbrüche gingen jeweils mit einer scharfen Korrektur in der Bitcoin-Dominanz einher. Stieg der Marktanteil des Bitcoin wiederum, fiel der kumulierte BTC-Wert der kleineren Kryptowährungen. Die zuletzt stetig steigende BTC-Dominanz erklärt daher auch, warum der Small-Cap-Sektor – ähnlich wie Ethereum – im Verhältnis zu Bitcoin in einem anhaltenden Abwärtstrend steckt.
Im Verhältnis zu Bitcoin zeigen sowohl Ethereum als auch die kleineren Altcoins, dass der Rest des Kryptomarktes bei starken Bitcoin-Bullenrallyes zunächst nur hinterherlaufen konnte. Im vergangenen Zyklus stieg der BTC-Wert von Ethereum nach dem Mid Cycle Top des Bitcoin im Frühjahr 2021 noch mehrere Wochen lang an – einfach gesagt: Ethereum “überflügelte” Bitcoin deutlich und über mehrere Wochen hinweg. Ähnliches geschah beim finalen Bullenmarkt-Top im November 2021. Noch etwas länger stiegen damals die Small-Cap-Altcoins in ihrer BTC-Bewertung. Und auch das ist ein gängiges Phänomen während Bullenmärkten: Neue Investoren kaufen zunächst Bitcoin und treiben den Kurs des Marktführers in der frühen Phase der großen Bullenrallye nach oben. Danach fließt das Kapital die Risikoskala aufwärts – und am oberen Ende warten Coins mit kleiner Marktkapitalisierung, die deshalb für gewöhnlich kurz vor Ende des Bullenmarktes ihre Tops erreichen.
Wie 2021: Stehen die Top-Altcoins vor dem Ausbruch?
Betrachtet man die 125 größten Altcoins (exklusive Bitcoin und Ethereum), so zeigt sich auch hier eine aktuelle Konsolidierung auf wichtigen Preislevels. Ähnlich wie bei den Small-Cap-Coins und Ethereum fungierte die im Bild rot hervorgehobene Linie in den letzten beiden Bullenmärkten als Widerstand, seit dem fulminanten Ausbruch 2021 aber als Unterstützung. Spannend ist hierbei, wie stark die Korrekturphase vor der Altcoin-Season 2021 der aktuellen Konsolidierung ähnelt. Beide Male durchlief die kumulierte Marktkapitalisierung der Top-125-Altcoins im Verhältnis zu Bitcoin einen absteigenden Kanal, in den der Kurs nach einem letzten Hoch im Jahr vor dem Halving eintrat.
Im letzten Zyklus korrigierten die Altcoins ebenfalls heftig, als der Bitcoin (blau im unteren Teil des Charts) seine erste große Bullenmarkt-Rallye startete. Während BTC neue Allzeithochs erreichte, fiel der Altcoin-Sektor in seiner Bitcoin-Bewertung drastisch, erreichte die Unterkante des absteigenden Kanals und ging anschließend in die Altcoin-Season über. Auch in diesem Zyklus könnte sich dieses Muster wiederholen. Aktuell sehen wir bereits, dass der Bitcoin sich seinem Allzeithoch nähert, während Altcoins kaum vom Fleck kommen oder sogar korrigieren, wodurch die kumulierte Altcoin-Marktkapitalisierung im Verhältnis zu Bitcoin fällt. Sollte Bitcoin endlich aus seinem sechsmonatigen Abwärtskanal ausbrechen, könnte er den Altcoins also wieder mal davonziehen. Läuft es so wie im letzten Zyklus, ist die Altcoin-Season danach aber nur eine Frage der Zeit.


Die BTC-Bewertung von Ethereum liegt auf einer wichtigen Unterstützung. Hält diese Linie, kann ETH bald nach oben aus dem Abwärtskanal ausbrechen.
Während die BTC-Dominanz (orange) seit bald zwei Jahren steigt, werten kleinere Altcoins kontinuierlich gegen BTC ab. Auch hier ist eine wichtige Unterstützung erreicht.
Wiederholt sich das Muster der letzten Zyklen, könnten die Top-Altcoins nochmal deutlich gegenüber BTC abwerten, bevor sie in eine mögliche Altcoin-Season starten.

