Das Wichtigste in Kürze
- Warsh signalisiert eine straffere Geldpolitik und will weniger in den Anleihemarkt eingreifen.
- Bessent setzt dagegen auf höhere Anleihekäufe, um langfristige Renditen zu drücken.
- Je länger sich dieser Konflikt hinzieht, desto nervöser dürfte der Markt werden.
Guten Morgen!
Washington hat ein Problem: Die zwei wichtigsten Männer der US-Wirtschaft stehen beim Thema Geldpolitik auf Kriegsfuß. Fed-Chef Kevin Warsh deutet auf eine straffere Geldpolitik, hohe Zinsen und eine kleinere Fed-Bilanz. Finanzminister Scott Bessent versucht dagegen, durch Interventionen im Bond- und Währungsmarkt die Anleiherenditen zu drücken. Beide haben dasselbe Problem: Der schwindelerregende Schuldenberg lastet immer schwerer, während die Inflation hartnäckig hoch und die Konjunktur schwächlich bleibt. Aber Warsh und Bessent arbeiten in entgegengesetzten Richtungen. Was, wenn der Streit eskaliert?
Warsh gegen Bessent: Wer bestimmt den Preis des Geldes?
Mit dem Jackson-Hole-Symposium ist der wichtigste Termin des Sommers für Bitcoin und Aktien gerade mal drei Tage her. Doch der Markt ist kein Stück schlauer - und das macht Anleger weltweit nervös. Aber von Anfang an. Das jährliche Symposium in Wyoming gilt als einer der wichtigsten Termine für die globale Geldpolitik. Zum ersten Mal sprach dort Kevin Warsh als Fed-Chef. Anleger wollten wissen, ob er an seiner zurückhaltenden Kommunikation festhält – und vor allem, wie ernst er es mit der Bekämpfung der Inflation meint.
Kevin Warsh und Scott Bessent haben dasselbe Problem, ziehen daran aber aus entgegengesetzter Richtung. Der Markt wird immer nervöser, je länger der Kleinkrieg anhält.
Die Antwort fiel überraschend deutlich aus. Warsh stellte die Zwei-Prozent-Inflationsrate in den Mittelpunkt und machte klar, dass weitere Zinserhöhungen nicht vom Tisch sind. Die Märkte reagierten prompt: Die Wahrscheinlichkeit einer Anhebung um 25 Basispunkte im September stieg laut CME FedWatch auf rund 60 Prozent. Gold geriet unter Druck, während kurzfristige Anleiherenditen stiegen, weil der Markt zeitnah höhere Leitzinsen erwartet.
Damit erwies Warsh dem US-Finanzministerium einen Bärendienst. Denn Finanzminister Scott Bessent versucht gerade, den Anleihemarkt zu beruhigen und schlägt dafür den entgegengesetzten Weg ein. Erst vergangene Woche kündigte Bessent an, die Rückkäufe länger laufender US-Staatsanleihen mindestens zu verdoppeln – und schickte Bitcoin damit auf die stärkste Rallye des Jahres. Offiziell geht es Bessent um die Funktionsfähigkeit des Marktes.
Viele Anleger vermuten hinter Bessents Vorstoß aber den ersten Schritt in Richtung aktiver geldpolitischer Lockerung im großen Stil. Das wäre für Risiko-Assets wie etwa Kryptowährungen historisch gesehen sehr bullish - aber eben ein krasser Widerspruch zu Kevin Warshs Fed-Plänen. Denn Warsh macht die lockere Geldpolitik vergangener Jahre für hohe Inflation und die finanziellen Probleme in der US-Mittelschicht verantwortlich und will die Bilanz der Notenbank langfristig reduzieren. Das bedeutet: weniger Anleihekäufe, weniger künstliche Unterstützung der Märkte und weniger billiges Geld wie etwa in der Corona-Krise.
"Schulden-Überschwemmung" oder "Mega-Wachstum": Was jetzt?!
Das Problem dahinter ist gewaltig: Die USA haben mittlerweile 40 Billionen Dollar Schulden und müssen immer neues Geld aufnehmen, um Verbindlichkeiten umzuschichten oder Anleihezinsen zu zahlen. Je höher diese Zinsen für neu ausgegebene Anleihen werden (aktueller Anleihemarkt), desto schneller dreht sich die Schuldenspirale.
Die (Aktien-) Märkte haben Sorgen wegen der möglichen geldpolitischen Straffung, die Warsh andeutet. Viel schwerer wiegt aktuell aber die Ungewissheit.
Bessent will deshalb niedrigere langfristige Renditen. Das würde Hypotheken, Unternehmenskredite und die Finanzierung des Staates verbilligen. Warsh betrachtet dagegen gerade die Zinsen als wichtiges Signal des Marktes – und hält an der Möglichkeit weiterer Straffung fest, wenn die Inflation nicht ausreichend zurückgeht. Damit geraten Finanzministerium und Fed tatsächlich aneinander. Wenn Bessent langfristige Anleihen kauft, verändert er genau den Markt, dessen Signale Warsh stärker für die Geldpolitik nutzen möchte.
Warshs Rede in Jackson Hole hat deshalb eine andere Botschaft ausgesendet als Bessents Anleihekäufe: Der Fed-Chef signalisiert eher Straffung, der Finanzminister eher Entlastung. Beim G20-Treffen in Asheville wurde dieser Gegensatz besonders deutlich. Bessent sagte, die Welt sei „überschwemmt mit Schulden“ und müsse sich aus dieser Lage herauswachsen. Warsh sprach dagegen von einer neuen Ära des „Jahrhundert-Wachstums“ und von einem globalen Investitionsboom. Beide setzen auf Wachstum – doch Warsh will die Geldpolitik stärker auf Preisstabilität ausrichten, während Bessent günstigere Finanzierungskonditionen anstrebt.
Der Markt hat Angst (und das könnte erstmal so bleiben)
Nach Jackson Hole wird eine Zinserhöhung im September mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit erwartet. Gleichzeitig bleibt Bessent bei seinem Kurs, langfristige Renditen drücken zu wollen. Je länger beide Richtungen auseinanderlaufen, desto schwieriger wird es für Anleger, aus den US-Anleihemärkten ein klares Signal über die künftige Geldpolitik abzulesen. Das Problem ist dabei nicht nur die Aussicht auf geldpolitische Straffung, die eine konjunkturelle Erholung und die Tech-Rallye bedrohen könnte. Sondern vor allem die Unsicherheit mit Blick in die Zukunft. Denn Unsicherheit kann der Markt am allerwenigsten leiden.
Entsprechend nervös ist die Börse auch am heutigen Dienstag. Der S&P 500 stagniert seit Ende vergangener Woche nahe 7700 Punkten und schloss gestern knapp darunter. Der Nasdaq-100 blieb mit 29 456 Punkten leicht im Plus. Bitcoin kletterte am Dienstagmorgen zwischenzeitlich auf 79 000 Dollar, Ethereum bleibt unter 2500 Dollar. WTI-Öl hält sich nach neuen Iran-Drohungen Donald Trumps über 86 Dollar. Gold ringt nach der hawkischen Warsh-Rede mit der Marke von 4500 Dollar.
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