Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Mark Zuckerberg, einer der einflussreichsten Unternehmer weltweit, jeden Tag dasselbe T-Shirt und dieselbe Hose trägt? Oder warum Steve Jobs fast ausschließlich in schwarzen Rollkragen-Pullovern zu sehen war? Ganz zu geschweigen von Warren Buffet, der trotz seines immensen Vermögens vergleichsweise bescheidene Autos fährt.
Es ist einer der merkwürdigsten Widersprüche unserer Zeit: Je reicher manche Menschen werden, desto weniger sieht man es ihnen an. Auf der anderen Seite scheint es so, als würden gerade diejenigen, die weniger besitzen, umso mehr prahlen wollen mit dem, was sie (vermeintlich) haben: teure Autos, Luxus-Klamotten, auffällige Marken.
Warum sieht man diese Accessoires so selten an Superreichen?
Psychologie beweist: Entscheidungsenergie spart Erfolg
Auf den ersten Blick mag es langweilig wirken, jeden Tag ein graues T-Shirt und eine Jeans zu tragen. Doch bei näherer Betrachtung entpuppt sich dieses Verhalten als ziemlich raffinierter Trick. Auf die Frage, warum Mark Zuckerberg immer nur dasselbe Outfit anhat, antwortete er im Business Insider wie folgt: „Ich streiche Unwichtiges aus meinem Leben, damit ich mich auf alle nötigen Entscheidungen konzentrieren kann, die dem sozialen Netzwerk dienen.“
Er spart seine mentale Energie also für wichtigere Entscheidungen – solche, die tatsächlich Erfolg ins Leben bringen können. Ob man dabei ein T-Shirt oder einen ausgefallenen Anzug trägt, ist letztlich egal. Was wirklich zählt, ist das Ergebnis der eigenen Arbeit. Und je mehr Zeit und Energie man in dieses Ergebnis investieren kann, desto besser kann es am Ende werden – so die ziemlich erfolgreiche Rechnung von Zuckerberg und Co.
Der versteckte Preis hinter jeder Entscheidung
Allein ist Mark Zuckerberg mit dieser Strategie nicht. Auch andere einflussreiche Persönlichkeiten wie Barack Obama, der fast ausschließlich graue oder blaue Anzüge trägt, folgen demselben Prinzip.
In einem Interview mit Vanity Fair erklärte der ehemalige US-Präsident, warum er möglichst wenige Entscheidungen im Alltag treffen wolle: „Ich möchte keine Entscheidungen darüber treffen, was ich esse oder trage. Denn ich muss viel zu viele andere Entscheidungen treffen.“
Wir halten fest: Zu viele Entscheidungen ermüden. In der Psychologie gibt es dafür sogar einen festen Begriff – die Entscheidungsmüdigkeit (Decision fatigue). Je mehr Entscheidungen ein Mensch im Laufe des Tages treffen muss, desto stärker ermüdet das Gehirn.
Infolgedessen sinkt die Qualität der getroffenen Entscheidungen. Warum? Weil die kognitive Belastung massiv steigt – und zwar bei jeder einzelnen Entscheidung, selbst bei den scheinbar unwichtigen.
Kluge Köpfe leben bewusst nach diesem Prinzip
Nun mag man sich denken: „Wenn ich ein wichtiger Unternehmer wäre und ein Firmen-Imperium führen würde, dann sollte die Wahl meiner Kleidung doch das geringste Problem sein. Oder nicht?“.
An dieser Stelle muss man bedenken: Ein durchschnittlicher Mensch trifft oft zwischen 20 000 und 35 000 Entscheidungen am Tag. Bei Obama kamen zusätzlich unzählige Entscheidungen in seinem Amt hinzu. Selbst wenn diese nur aus Stimme zu oder Stimme nicht zu bestanden.
Selbst triviale Entscheidungen wie die Kleiderwahl fallen in solchen Fällen negativ ins Gewicht – und zwar so sehr, dass andere, weitaus wichtigere Entscheidungen darunter leiden. Erfolgreiche Menschen konzentrieren sich daher bewusst auf das Wesentliche und blenden alles aus, was unnötig Energie kostet. Dazu zählt in vielen Fällen die Auswahl des Outfits.
Warum das nur funktioniert, wenn man reich ist
Doch nun kommt der entscheidende Punkt: Understatement funktioniert nur, wenn man sich Überstatement leisten kann. Das bedeutet: Mark Zuckerberg kann es sich leisten im grauen T-Shirt aufzutauchen. Er darf es sich auch leisten, unscheinbar auszusehen, weil er durch seine Persönlichkeit und Bekanntheit bereits Status besitzt. Er muss mit seinem Äußeren niemanden beeindrucken.
Für Menschen, die dieses Level noch nicht erreicht haben, spielt Kleidung weiterhin eine enorm wichtige Rolle – vor allem in unserer Gesellschaft. Sicherlich hat man schon einmal die Redewendung Kleider machen Leute gehört: In einer Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller wird ein armer Schneidergeselle für einen reichen Grafen gehalten – allein aufgrund seiner Kleidung.
Dieses Missverständnis verschafft ihm Ansehen, Wohlstand und sogar Liebe. Nicht wegen seines Charakters, sondern wegen eines vornehmen Mantels. Auch psychologisch ergibt das Sinn: Der allererste Eindruck, den wir von einer Person gewinnen, kann sich nur auf das Äußere stützen.
Auch wenn in einer idealen Wellt die inneren Werte immer siegen sollten, prägt Kleidung vor allem den ersten Eindruck. Dieser erste Eindruck entsteht meist unbewusst und entscheidet innerhalb von Sekunden darüber, ob wir einen unbekannten Menschen interessant oder unsympathisch finden.
Warum „arm aussehen“ manchmal sogar gefährlich ist
Für Nicht-Millionäre kann Understatement daher durchaus negative Folgen haben. Wer sich zu schlicht oder unauffällig kleidet läuft als weniger kompetent oder weniger wertvoll wahrgenommen zu werden. Selbst dann, wenn die Leistung stimmt.
Auch in einer Befragung der Hochschule von Fresenius aus dem Jahr 2019 kam man zu derselben Erkenntnis: Personen in formeller Kleidung wurden nicht nur für intelligenter, sondern auch für mächtiger gehalten. Selbst wenn alle anderen Faktoren wie das Aussehen, Alter und der Status konstant gehalten wurden.
Das wiederum kann dazu führen, dass man weniger Vertrauen erhält. In einer Befragung von Howlett et al. wurde anhand von Fotografien beobachtet, wie unterschiedliche Kleidungsstile die ersten Eindrücke beeinflussen. Das Ergebnis war eindeutig: Kleidung allein – selbst bei minimalen Unterschieden und ohne sichtbares Gesicht – reichte aus, um einer Person mehr oder weniger zu vertrauen.
Warum Äußerlichkeiten im Alltag doch zählen
Ist das fair? Absolut nicht. Kommt es trotzdem vor? Leider viel zu häufig. Eine Befragung unter Paulins et al. untersuchte zum Beispiel, wie das äußere Erscheinungsbild von Kunden das Verhalten von Servicepersonal beeinflusst. Und tatsächlich werden Kunden je nach Kleidungsstil unterschiedlich behandelt. Dabei geht ein als weniger wertvoll eingestufter Auftritt mit geringerer Aufmerksamkeit und niedrigerer Servicequalität einher.
Der Minimalismus-Stil der Tech-Milliardäre ist also kein allgemeingültiges Prinzip, sondern ein Privileg. Ein Privileg, das sich die meisten nicht leisten sollten.
Das heißt aber nicht, dass man auf schlichte Kleidung verzichten muss: Wer bewusst auf einfache, gut aufeinander abgestimmte Kleidung setzt, kann sich im Alltag viele Entscheidungen sparen und dennoch professionell wirken. Am Ende entscheidet jeder selbst, welcher Stil zu einem passt – wichtig ist nur, dass er dabei die gewünschte Wirkung erzielt.
Die Wahrheit hinter dem Mythos: Kleidung macht immer noch Leute
Fazit: Zuckerberg kann jeden Tag dasselbe T-Shirt tragen, weil er eben Mark Zuckerberg ist. Die meisten von uns leben aber in einer Welt, in der Kleidung Teil unserer sozialen Sprache bleibt – und diese Sprache spricht lauter, als uns lieb ist.


Erfolgreiche Menschen reduzieren bewusst Alltagsentscheidungen, um mentale Energie zu sparen und bessere Entscheidungen zu treffen.
Understatement funktioniert nur, wenn der eigene Status bereits feststeht – für alle anderen prägt Kleidung den ersten Eindruck entscheidend.

