Angst und Gier bei Börse und Bitcoin: Haben Sie Ihre Emotionen im Griff?
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Angst und Gier bei Börse und Bitcoin: Haben Sie Ihre Emotionen im Griff?

Author

Simeon Koch

Wann haben Sie sich das letzte Mal darüber geärgert, eine Aktie viel zu teuer gekauft zu haben, weil Sie Angst hatten, eine Rallye zu verpassen – nur um dann eine heftige Korrektur zu erleben? Wie hat es sich angefühlt, als Sie das letzte Mal verpasst haben, zu günstigeren Preisen nachzukaufen, weil Sie dachten, es fällt immer weiter – obwohl sich der Markt danach schnell erholte? Zunächst mal ist es nicht schlimm, diese Fehler zu machen oder solche Chancen zu verpassen. Ganz im Gegenteil: Es ist zutiefst menschlich. Und genau da liegt das Problem. Der Aktienmarkt ist nicht gemacht für Menschen, die allzu menschlich ticken. Das mag sich seltsam anhören, bezieht sich aber vor allem auf unsere emotionalen Reflexe. Wenn der Markt fällt, bekommen wir Panik. Wenn er steigt, werden wir gierig. Beides ist nicht gut fürs Portfolio. Und doch lassen wir uns immer wieder von der Stimmung der Mehrheit irreführen – weil der Mensch nun mal ein Herdentier ist. Trotzdem gelingt es manchen Investoren, diese emotionalen Muster zu entlarven und ihre potenziell verheerende Kraft zum eigenen Vorteil einzusetzen. Behilflich ist dabei der Fear and Greed-Index. Um ihn zu nutzen, muss man verstehen, was er eigentlich aussagt – und welche Komponenten seinen Wert bestimmen.

Handeln Sie rational oder emotional?

An der Börse sind Angst und Gier die Grundemotionen schlechthin. Sie beeinflussen das Verhalten von Investoren maßgeblich und spiegeln sich in der Einstellung der Masse. Angst und Gier wirken besonders in hektischen Marktmomenten stärker als rationale Überlegungen, was zu unvorhersehbaren Kursbewegungen führen kann. In Phasen der Gier lassen sich Anleger von der Aussicht auf hohe Gewinne leiten und investieren verstärkt, selbst wenn die Bewertungen bereits überhöht sind. In Krisenzeiten dominiert die Angst, was panikartige Verkäufe auslöst, oft auch bei soliden Unternehmen. Diese emotionalen Extreme führen dazu, dass die Marktbewegung von Fundamentaldaten abweicht. Besonders Kleinanleger, die oft unerfahrener sind und weniger Ressourcen haben, um rationale Entscheidungen zu treffen, sind anfällig für diese Emotionen. Große Marktteilnehmer, die über mehr Erfahrung und Zugang zu besseren Informationen verfügen, nutzen diese emotionale Volatilität der Kleinanleger gezielt aus, um ihre Gewinne zu maximieren.

Volatilität bedeutet Emotionalität. Deshalb schlägt auch der Fear and Greed-Index in volatilen Marktphasen besonders stark aus. Hier gemessen am S&P500.

Angst und Gier sind nicht nur Auslöser für extreme Volatilität, sondern auch der Grund dafür, dass Kleinanleger an der Börse meistens verlieren. In Bullenmärkten, in denen die Kurse steigen, dominiert die Gier. Anleger haben Angst, Gewinne zu verpassen, und springen oft spät auf den Zug auf, was die Bewertungen in die Höhe treibt und Blasen entstehen lässt. Wenn die Kurse jedoch fallen und ein Bärenmarkt eintritt, greift die Angst um sich. Anleger fürchten, dass die Verluste weiter steigen könnten, und verkaufen ihre Anteile oft panisch, wodurch die Kurse noch weiter gedrückt werden. Diese Muster sind gut dokumentiert und zeigen, wie stark Emotionen die Märkte beeinflussen können. Die Verhaltensweisen von Kleinanlegern verstärken diese Zyklen oft, da sie tendenziell eher in Boomphasen investieren und in Krisenzeiten verkaufen – also genau das Gegenteil von einer langfristig sinnvollen Strategie.

Wollen Sie für immer verlieren?

Kleinanleger sind besonders anfällig für diese emotionalen Zyklen, weil sie oft nicht über die notwendige Erfahrung und das Wissen verfügen, um emotionale Reaktionen zu kontrollieren. Zudem fehlt ihnen in aller Regel Insider-Wissen, das informierten Marktteilnehmern deutliche Vorteile bietet – ein häufig diskutiertes Problem ist etwa Insider-Handel einflussreicher Politiker. Große Marktteilnehmer wie Hedgefonds und institutionelle Investoren haben die Mittel, um antizyklisch zu handeln und von der Überreaktion der Kleinanleger zu profitieren. Sie kaufen oft dann, wenn Panik die Preise nach unten drückt, und verkaufen, wenn die Gier die Bewertungen in die Höhe getrieben hat. Dieser antizyklische Ansatz erfordert Disziplin und die Fähigkeit, gegen die Masse zu handeln – etwas, woran Kleinanleger oft scheitern. Das bedeutet, dass große Marktteilnehmer letztlich auf Kosten der Kleinanleger Gewinne erzielen, indem sie die emotionalen Schwächen der breiten Masse ausnutzen.

Angst und Gier können zerstörerisch wirken, wenn man sich von ihnen leiten lässt – und immense Chancen bieten, wenn man ihnen widersteht. Das Konzept des antizyklischen Handelns, also das Kaufen in Phasen der Angst und das Verkaufen in Phasen der Gier, ist eine der grundlegendsten Strategien für den Erfolg an der Börse. Dies erfordert jedoch Mut und die Fähigkeit, gegen den vorherrschenden Markttrend zu handeln. Während die meisten Anleger in der Angstphase verkaufen, erkennt der antizyklische Investor darin eine Möglichkeit, günstig einzukaufen. Ebenso wird er in Zeiten der Gier nicht zögern, Gewinne mitzunehmen, selbst wenn andere glauben, dass die Kurse weiter steigen werden. Die Rationalität dieser Strategie liegt darin, dass extreme Emotionen oft zu übertriebenen Kursbewegungen führen, die sich später wieder normalisieren, was dem antizyklischen Investor zugutekommt. Auch diese Strategie besitzt aber keine bedingungslose Gültigkeit. Die Kunst ist, Dips zu kaufen, aber nicht ins fallende Messer nachhaltiger Abschwünge zu greifen.

Es gibt keine Glaskugel. Aber den Fear and Greed-Index!

Ein hilfreiches Werkzeug, um die vorherrschende Marktstimmung zu messen, ist der Fear and Greed-Index, der vom Nachrichtenportal CNN entwickelt wurde. Dieser Index misst die Marktstimmung anhand von sieben verschiedenen Indikatoren, die zusammen einen Wert zwischen 0 und 100 ergeben. Ein niedriger Wert zeigt extreme Angst, während ein hoher Wert auf extreme Gier hinweist. Zu den Indikatoren gehört zunächst das Momentum der wichtigsten Aktienkurse und Indizes, das den Unterschied zwischen dem aktuellen Stand des S&P 500 und dessen gleitendem Durchschnitt der letzten 125 Tage misst. Ein positives Momentum signalisiert Gier, während ein negatives Momentum Angst signalisiert. Wenn der S&P über seinem langfristigen Mittelwert notiert, ist er tendenziell überbewertet, was mit der positiven Emotion im Markt und der Erwartung starker Entwicklung zu begründen ist. Das Gegenteil ist in Zeiten der Angst der Fall: Hier fällt der nordamerikanische Leitindex unter seinen 125-Tage-Durchschnitt und ist deshalb eher unterbewertet, weil der breite Markt mit weiteren Rücksetzern rechnet.

Für den Bitcoin gibt es einen eigenen Fear and Greed-Index. Im weitgehend unregulierten Kryptomarkt schwanken auch die Emotionen stark

Das Bild des Marktmomentums vervollständigt der zweite Indikator, der die Aktien nahe einem Jahreshoch ins Verhältnis zu jenen an neuen Tiefpunkten stellt. Berücksichtig werden dabei Wertpapiere, die an der New Yorker Börse (NYSE) gelistet sind. Bezeichnet wird dieser Indikator als Stock Price Strength, also Stärke der Aktienpreise oder einfach Marktstärke. Das Gegenstück dazu ist die Marktbreite, der dritte Indikator für den Fear and Greed-Index. Die Marktbreite misst das Verhältnis zwischen steigenden und fallenden Aktien. Wenn mehr Aktien steigen als fallen, deutet dies auf Gier hin, umgekehrt auf Angst. Wichtig ist in diesem Kontext als vierte Kennzahl der Volatilitätsindex (VIX), der die erwartete Schwankungsbreite des Marktes misst. Ein hoher VIX-Wert zeigt an, dass die Angst vor zukünftigen Schwankungen zunimmt, während ein niedriger Wert auf Gier hindeutet.

Gold für Angsthasen, Schrott für Zocker

Der Fear and Greed-Index gräbt aber noch tiefer, um den Markt in möglichst vielen Facetten abzubilden. Aufschlüsse über die Risikobereitschaft des durchschnittlichen Anlegers liefert der fünfte Indikator namens Junk Bond Demand. Er illustriert das Verhältnis von riskanten zu sicheren Anlagemöglichkeiten. Herangezogen wird dafür die Nachfrage nach sicheren Staatsanleihen im Vergleich zu risikoreicheren Unternehmensanleihen mit niedrigem Rating, auch Junk bonds (dt.: Schrott-Anleihe) genannt. Diese Hochzinsanleihen können von Unternehmen ausgegeben werden, um Kapital zu generieren, weil die Emittenten von Junk Bonds in der Regel über geringe Bonität verfügen und deshalb nur schwer Kredite bekommen. Das Ausfallrisiko, also die Gefahr, dass eine Anleihe nicht mehr ausgezahlt werden kann, weil der Herausgeber pleitegeht, ist hoch. Entsprechend fürstlich sind deshalb die angebotenen Zinsen, damit überhaupt irgendjemand die Anleihen kauft. Die Differenz zwischen den Renditen dieser Anleihen gibt ebenfalls Aufschluss über die Marktstimmung. Wenn Investoren verstärkt in sichere Anleihen flüchten, signalisiert dies Angst.

Eine ebenso große Vorsicht signalisiert ein hoher Wert des sechsten, sogenannten Safe-Haven-Indikators. Dieser vorletzte Baustein des Fear and Greed Index zeigt an, wie stark Anleger in sichere Anlageklassen wie Gold investieren. Gold gilt als Absicherung gegen eine mögliche Rezession, weshalb die Gold-Nachfrage in Krisenzeiten historisch gesehen steigt. Wenn also viel Gold gekauft wird, rechnet der breite Markt mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten. In bullischen Phasen steigen die meisten Investoren auf volatilere und risikoreichere Assets wie etwas Tech-Aktien oder Kryptowährungen um. Ob Anleger auf steigende oder fallende Märkte wetten, misst auch der siebte und letzte Indikator, der das Verhältnis von Call- und Put-Optionen liefert. Kurz gesagt handelt es sich dabei um Vereinbarungen, Aktien in Zukunft für einen bestimmten Preis kaufen oder verkaufen zu können – unabhängig vom tatsächlichen Marktpreis zu diesem Zeitpunkt. Setzen Anleger im Optionsmarkt vermehrt auf fallende Kurse, so deutet das auf Verunsicherung und Angst hin. Die Logik ist ähnlich wie beim Verhältnis von Long- oder Short-Positionen von Hebel-Tradern, ausgedrückt durch Funding-Rate und dem Open Interest.

Ein gutes Investment kann sich schrecklich anfühlen

Wenn Sie Ihre nächste Investment-Entscheidung treffen, sollten Sie also einen Blick auf den Fear and Greed-Index werfen. Reflektieren Sie über Ihre Emotionen: Sind Sie im Begriff, sich von massenhafter Euphorie blenden oder von kollektiver Panik betäuben zu lassen? Sind Aktien und Indizes überbewertet und viele Anleger in Zocker-Laune? Oder bietet die Panik von unerfahrenen Anlegern gerade günstige Einstiegschancen? Wir Menschen sind Herdentiere. Die Schwarm-Intelligenz richtet vor allem im Aktienmarkt aber mehr Schaden an, als dass sie nützt – zumindest, wenn man ihr unüberlegt folgt. Erkennt man hingegen ihre Irrtümer und bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung, so kann man ihre falschen Bewegungen für sich nutzen. Ein guter Zeitpunkt, um zu investieren, sieht meistens wie das genaue Gegenteil aus. Zumindest, wenn man die Dinge durch die emotionale Brille der Masse betrachtet. Denken Sie daran, dass Ihre Emotionen Ihnen gerne einen Streich spielen. Historisch ergaben sich die besten Kaufmöglichkeiten genau dann, wenn fast alle anderen von einem Kauf abrieten. Jetzt wissen Sie, warum.

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Simeon Koch

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