Angebot und Nachfrage
#Global Markets

Angebot und Nachfrage

Author

Emre Şentürk

Das Feld der Wirtschaft als Wissenschaft, Handelsplatz und Arbeitsmarkt ist bereits in seinen theoretischen Zügen gigantisch. Teilweise sind die jeweiligen Bereiche so ausgedehnt, dass einige Wissenschaftler eines Bereiches nichts von den Arbeiten in den anderen Bereichen mitbekommen. Auch wenn wir oft die Kapitalmärkte leicht gesondert betrachten und diese nicht direkt mit Mikro- und Makroökonomie gleichsetzen, unterliegen die globalen Finanzmärkte auch Dynamiken ebendieser übergeordneten Konzepte – logisch, schließlich ist ja alles aus der Hand des Menschen geschaffen, dessen Natur ja konstant ist.

Um auch den Kapitalmarkt umfassender zu verstehen, ist es nie eine schlechte Idee, sich ebenfalls dem theoretischen Teil der Wirtschaft zu widmen. Deshalb möchte ich Sie auf eine kleine Tour mitnehmen und zwei grundlegende ökonomische Ansichtsweisen miteinander vergleichen: die angebotsorientierte und nachfrageorientierte Sichtweise. Angefangen mit der angebotsorientierten Seite, ist es zunächst einmal wichtig zu wissen, dass diese Sichtweise die ältere ist und deshalb auch lange Zeit das theoretische Gerüst in vielen Wirtschaften war. Besonders prägend waren dabei die Arbeiten von Adam Smith und John Stuart Mill jeweils aus dem 18. und 19. Jahrhundert, durch die das Konzept von „Classical Economics“ entstand, worauf die angebotsorientierte Wirtschaftslehre basiert. Man könnte beide Konzepte fast schon als identisch bezeichnen. Im Kern verteidigen die angebotsorientierten Wirtschaftswissenschaftler, dass Wirtschaften sich selbst regulieren. Laut Sayschem Theorem gilt demnach folgender Grundsatz: „Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst“.

Das bedeutet, dass man dabei davon ausgeht, dass je weniger die Produktion vom Angebot kostet, die Rendite der Unternehmen umso mehr steigt. Durch diese Rendite kann das Angebot erweitert und verbessert werden, was neue Arbeitsplätze schafft und die Investition der Unternehmen in die Wirtschaft fördert. Das wiederum soll den nationalen Aufschwung beflügeln, weil man im Grunde davon ausgeht, dass die Unternehmen der treibende Faktor von Wirtschaft und Fortschritt sind. Um das zu erreichen, plädieren die Experten aus dieser Ecke für niedrige Steuern und kaum staatliches Einmischen in die Wirtschaft. Extremisten dieser Sichtweise würden am liebsten gar keine steuerlichen Abgaben zahlen und auch keine staatliche Einmischung erwünschen. Das Argument für die selbstregulierende Dynamik der Märkte würde wohl alle anderen aushebeln, da es das ultimativ effizienteste System ist, was es gibt – so die Verfechter dieser Ansicht.

Auf der anderen Seite stehen die nachfrageorientierten Wirtschaftswissenschaftler, die die Nachfrage als treibende Kraft wirtschaftlichen Geschehens sehen. Entstanden ist diese theoretische Strömung durch die Auswirkungen der Börsenkrise im Jahr 1927 und geht auf den Briten John Maynard Keynes zurück, der die Krise den strukturellen Defiziten der „Classical Economics“ zuschrieb und ein Gegenargument schaffte. Wer den oberen Teil aufmerksam gelesen hat, dem ist aufgefallen, dass die angebotsorientierte Ansicht stark davon ausgeht, dass Unternehmen mit steigenden Erträgen auch mehr investieren – ob es in Technologie, Humankapital oder die Gesellschaft ist, ist egal. Aber was ist, wenn das nicht passiert? Was ist, wenn Unternehmen irrational handeln und nicht das Geld in einer Form zurück in die Wirtschaft führen – wie zum Beispiel dadurch, dass sie versuchen Produktions- und Arbeitskosten weiter zu drücken, weil sie zunehmend stärker werden und günstiger Arbeitskraft erwerben können?

Die Nachfrage-Ecke meint, dass der Staat solchen Entwicklungen entgegenwirken muss und die Schwächen der nackten Marktwirtschaft auszugleichen hat. Deshalb sind Steuern und Gesetze wichtig. Arbeitslosengeld, zum Beispiel, trägt dazu bei, dass die Nachfrage weiterhin konstant bleibt, auch wenn temporär größere Massen an Menschen arbeitslos werden. Oder wenn wir an den Mindestlohn denken, so sehen wir, dass dieser den Effekt hat, dass die Nachfrage von Arbeitern in unterbezahlten Branchen ansteigt.

Natürlich scheiden sich die Geister darüber, welches System denn jetzt besser ist. Fakt ist aber, dass in keinem Lebensbereich und zu keinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte Ideen und Herangehensweisen endlos und universell anwendbar waren. Kein Reich, kein politisches System und auch sonst keine andere Sache hat sich am Leben halten können, indem sie durchgehend gleich angewandt oder gelebt wurde. Dasselbe sollte auch bei wirtschaftlichen Sichtweisen der Fall sein. Dementsprechend könnte eine Hybridanwendung beider Systeme zu jeweils passenden Zeitpunkten sinnvoll sein.

Die beiden Beschreibungen der konkurrierenden Wirtschaftsansichten sind natürlich starke Vereinfachungen von zwei sehr tiefgründigen Schulen, die über Jahrzehnte die Lehren weiterentwickelt haben. Vor allem wird interessant sein, wie die Wirtschaftswissenschaft die Aspekte der neuen Wirtschaft aufgreift, wie beispielsweise die Globalisierung, das Null-Zins-Umfeld und die aktuelle Geldpolitik. Ein spannendes und tiefes Thema bleibt das alles in jedem Fall!

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Emre Şentürk

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