Bitcoin dominiert, Altcoins bluten: So lässt sich der Krypto-Bullrun bisher zusammenfassen. Seit Monaten warten Altcoin-Investoren auf die Kapitalrotation von Bitcoin und Ethereum in kleinere Kryptowährungen – bislang vergeblich. Die neuesten Handelsdaten von Coinbase deuten nun aber darauf hin, dass sich die Aufmerksamkeit des Marktes zusehends in Richtung Altcoins verschiebt. Ein Vorzeichen für eine nahe Altcoin-Season? Nicht ganz. Denn gleichzeitig geht das Handelsvolumen an breiter Front zurück. Auch deshalb fiel das zweite Quartal für Coinbase ernüchternd aus. Dabei stehen neue Großprojekte gerade erst in den Startlöchern. Etwa die neue „Krypto-Super-App“.
Dank Stablecoins: Dickes Plus beim Gewinn
Coinbase erzielte in den drei Monaten von April bis Juni einen Gesamtumsatz von 1.5 Milliarden US-Dollar. Der Nettogewinn belief sich auf beeindruckende 1.4 Milliarden US-Dollar. Allerdings wurde dieser Gewinn maßgeblich durch Sondereffekte beeinflusst: Dazu zählen ein Profit von satten 1.5 Milliarden US-Dollar aus strategischen Investitionen – insbesondere aus der Neubewertung der Beteiligung am Stablecoin-Giganten Circle, dessen Börsengang vor wenigen Wochen zum historischen Erfolg wurde – sowie 362 Millionen US-Dollar aus der Bewertung von Krypto-Vermögenswerten.
Auf den ersten Blick sehen die Coinbase-Quartalszahlen ziemlich gut aus. Das Problem: Umsatz und Handelsvolumen enttäuschten.
Ohne diese Einmaleffekte lag der bereinigte Nettogewinn bei 33 Millionen US-Dollar und damit ungefähr auf dem Niveau des Vorjahresquartals. Der bereinigte Gewinn je Aktie betrug 1.96 US-Dollar, vor Abzügen ergab sich ein Wert von etwas mehr als fünf Dollar. CEO Brian Armstrong zeigte sich zufrieden und sprach von „soliden finanziellen Ergebnissen im zweiten Quartal“.
Auch das bereinigte EBITDA lag mit 512 Millionen US-Dollar trotz eines Umsatzrückgangs von 26 Prozent zum Vorquartal auf solidem Niveau. EBITDA steht für Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization und bezeichnet den operativen Gewinn eines Unternehmens vor Zinsen, Steuern sowie Abschreibungen, also eine Kennzahl zur Beurteilung der operativen Ertragskraft.1.4 Milliarden Dollar Gewinn bei 1.5 Milliarden Umsatz: Selbst für den Kryptomarkt ist so ein Umsatz-Gewinn-Verhältnis beachtlich.
Mit den 1.5 Milliarden Dollar Umsatz lag Coinbase vor allem wegen rückläufiger Handelsvolumina unter den Erwartungen der Wallstreet von 1.59 Milliarden. Stark wuchs dagegen das Stablecoin-Geschäft: Der Umsatz aus Stablecoin-Aktivitäten stieg im Jahresvergleich um 38 Prozent auf 332.5 Millionen US-Dollar.
Das durchschnittlich in Coinbase-Produkten gehaltene USDC-Volumen lag bei 13.8 Milliarden US-Dollar – ein Plus von deutlichen 13 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Coinbase profitiert hier stark von einem lukrativen Revenue-Sharing-Abkommen mit Circle. Dabei darf Coinbase alle Einnahmen behalten, die mit USDC auf der eigenen Plattform erwirtschaftet werden.
Coinbase geht viral: Base soll "Super-App" werden
Zu einem der Highlights der zurückliegenden Monate zählt die Präsentation der neuen Base-App. Sie basiert auf der firmeneigenen Layer-2-Blockchain Base Chain und soll zur zentralen Plattform für alle Onchain-Aktivitäten werden. Die App befindet sich derzeit in der offenen Beta-Phase und verzeichnet bereits über 700 000 Interessenten auf der Warteliste. Laut Coinbase vereint die Anwendung Trading, Zahlungen, Social Media, Messaging und Mini-Apps in einem einzigen Interface. Besonders hervorzuheben ist die Integration einer Social Feed-Funktion, mit der Nutzer Inhalte posten, monetarisieren und vollständig selbst verwalten können.Hohe Gewinne und die Base-App hin oder her: An der Börse ging es für Coinbase deutlich bergab. Die Korrektur dürfte sich erstmal fortsetzen.
Darüber hinaus beinhaltet die App einen smarten Wallet-Service (Base Account), Express-Checkouts für USDC-Zahlungen sowie Mini-Apps für Onchain-Spiele und Finanztools. Diese Produktvielfalt soll sowohl Endkunden als auch Entwickler anziehen. Coinbase erhofft sich von der App neue Erlösquellen und bewirbt sie breitenwirksam. Zwar sind die Einnahmen aus der App selbst aktuell noch nicht quantifiziert, doch das Unternehmen dürfte durch Transaktionsgebühren, Token-Listings sowie Social- und Payments-Funktionalitäten mittelfristig an den Umsätzen partizipieren. Der strategische Fokus ist klar: „Wir wollen die Super-App für Krypto bauen,” erklärte COO Emilie Choi.
Parallel zum App-Launch hat Coinbase die Base-Blockchain weiter skaliert. Mit einer Transaktionsgeschwindigkeit von 200 Millisekunden und Gebühren im Bereich von 0.0005 US-Dollar pro Transaktion gehört sie zu den leistungsfähigsten Layer-2-Lösungen auf Ethereum. Die Base Chain konnte im zweiten Quartal bedeutende Partnerschaften verkünden – darunter ein Pilotprojekt von JPMorgan mit einem USD-gestützten Stablecoin. Coinbase nutzt die Base Chain außerdem als Rückgrat für Stablecoin-Zahlungen in Shopify-Stores und für seine eigenen Finanzdienstleistungen wie die neue Kreditkarte Coinbase One Card.
Handelsvolumen geht zurück: Altcoin-Season abgesagt?
Während Coinbase im Plattform- und Servicebereich zulegen konnte, verzeichnete das Kerngeschäft mit dem Krypto-Handel deutliche Rückgänge. Das gesamte Handelsvolumen sank im Quartalsvergleich um 40 Prozent auf 237 Milliarden US-Dollar. Besonders betroffen war der Privatkundenbereich: Das Retail-Trading-Volumen fiel um 45 Prozent auf 43 Milliarden US-Dollar – deutlich unter den Erwartungen von Analysten, die mit gut 48 Milliarden US-Dollar gerechnet hatten. Die Umsätze aus dem Privatkundengeschäft beliefen sich auf 650 Millionen US-Dollar, ein Rückgang von 41 Prozent gegenüber dem ersten Quartal.Trotz der kurzfristigen Turbulenzen zeigt der Trend für Coinbase aufwärts. Halten die Unterstützungen, dürften neue Allzeithochs nur eine Frage der Zeit sein.
Institutionelle Kunden handelten mit einem Volumen von 194 Milliarden US-Dollar (auch hier ein deutlicher Rückgang von 38 % im Quartalsvergleich), die zugehörigen Umsätze beliefen sich auf 61 Millionen US-Dollar. Coinbase betont, dass ein Großteil des Rückgangs auf eine bewusste Preisänderung im Stablecoin-Trading zurückzuführen sei. Diese Maßnahme habe vor allem den volumenstarken Advanced-Trading-Bereich getroffen, der ohnehin unter der sinkenden Marktvolatilität gelitten habe.
Das Retail-Geschäft bleibt für Coinbase das profitabelste Segment – und das volatilste. Im Gegensatz zum institutionellen Handel, bei dem Margen niedriger sind, lassen sich im Privatkundensegment deutlich höhere Provisionssätze erzielen. Daher ist die Entwicklung im Retail-Bereich besonders relevant für die Gesamtrentabilität des Unternehmens. Trotz des Rückgangs um 45 Prozent im Quartal liegt das Handelsvolumen im Jahresvergleich immerhin 16 Prozent höher.
Laut Geschäftsführung wird gleichzeitig fleißig diversifiziert: „Während der Handel für Privatkunden und institutionelle Anleger das Kerngeschäft von Coinbase ist, sind wir gerade dabei, das Engagement der Verbraucher durch neue Produkte und Dienstleistungen zu verstärken“ – etwa durch die Base-App.
Das Handelsvolumen von Privatanlegern blieb nahezu konstant, bei den institutionellen Käufern setzte es einen deutlichen Rückgang.
Auch wenn die Handelsumsätze nachließen, blieben die Erlöse aus wiederkehrenden Dienstleistungen bemerkenswert stabil. Die Subscriptions- und Service-Umsätze beliefen sich auf 655.8 Millionen US-Dollar – ein Plus von neun Prozent im Jahresvergleich. Innerhalb dieses Segments nahm der Stablecoin-Umsatz um zwölf Prozent gegenüber dem Vorquartal zu und lag mit 332.5 Millionen US-Dollar nahe den Erwartungen. Stablecoins entwickeln sich also weiter zu einem tragenden Pfeiler im Coinbase-Geschäftsmodell. Mit der Einführung der Base-App und der Bezahlfunktion Base Pay für Onlineshops entstehen außerdem neue Anwendungsbereiche.
Altcoins werden beliebter – ABER…
Auch im zweiten Quartal war Bitcoin (mit Ausnahme der Stablecoins) die meistgehandelte Kryptowährung auf Coinbase. Ganze 30 Prozent entfielen auf den Martkführer, nach 27 Prozent im ersten Quartal. Ethereum kletterte von elf Prozent im Frühjahr auf nun 15 Prozent. Auffällig war der Zugewinn des Altcoin-Sektors, der von 38 Prozent Volumenanteil im ersten Quartal auf beträchtliche 55 Prozent stieg. Damit sind kleinere Kryptowährungen auf Coinbase aktuell deutlich beliebter als noch im Bärenmarkt 2022 (+67 Prozent im Vergleich zu Q4 2022), an die Nachfrage im Bullenmarkt 2021 kommen sie aber noch nicht heran (-19 Prozent im Vergleich zu Q4 2021).
Im abgelaufenen Q2 war Bitcoin mit 30 Prozent des Handelsvolumens dominant. Ethereum legte etwas zu, Altcoins gewannen deutlich hinzu. Die Euphorie fehlt weiterhin.
Der Trend zeigt also in Richtung Altcoins – auch, wenn die Bitcoin-Dominanz vorerst hoch bleibt. Der BTC-Anteil am Coinbase-Volumen liegt noch immer rund 88 Prozent über den Werten aus dem Bullenmarkt 2021, während die Altcoin-Popularität deutlich unter dieser letzten großen Euphorie-Phase liegt. Die Botschaft ist klar: Die Risikofreude im Kryptomarkt ist noch nicht auf dem Top-Niveau angelangt, das die Endphase des Bullruns 2021 kennzeichnete. Für Altcoins scheint mittelfristig also noch Luft nach oben zu sein – zumindest hinsichtlich des Handelsvolumens und der Nachfrage.
In Q1 waren der BTC- und ETH-Anteil niedriger. Das Handelsvolumen lag dafür deutlich höher.
Dass eine Altcoin-Season unmittelbar bevorsteht, zeigen die Coinbase-Daten aber nicht. Vor allem eine Metrik ist angesichts des drohenden Sommerlochs Grund zur Sorge: Das gesamte Handelsvolumen auf Coinbase stieg zwar im Jahresvergleich um knapp fünf Prozent auf 237 Milliarden Dollar, sackte im Vergleich zum ersten Quartal aber deutlich ein.
Institutionelle und private Käufe sanken noch weiter unter die Bullenmarkt-Werte von 2021 als im Vorquartal, vor allem Privatinvestoren schienen den Markt zuletzt zu verlassen: Die 43 Milliarden Dollar Retail-Volumen liegen satte 76 Prozent unter den Werten von 2021, die institutionellen 194 Milliarden immerhin 48 Prozent. Bevor der nächste Altcoin-Boom starten kann, muss sich zunächst diese Nachfrage erholen.




