Die europäische Raumfahrt steht an einem kritischen Punkt. Nach jahrelangen Verzögerungen absolvierte die Ariane 6 im Juli 2024 ihren Erstflug, doch Startprobleme und finanzielle Herausforderungen belasten das Programm. Airbus als Hauptakteur im Ariane-Projekt steht im direkten Spannungsfeld zwischen hohen Investitionen und internationaler Konkurrenz – insbesondere durch SpaceX. Welche finanziellen Perspektiven bietet die Raumfahrtsparte von Airbus, und wie beeinflusst sie die strategische Zukunft Europas im All gegenüber Elon Musks SpaceX, bei dem alle drei bis fünf Tage die Rakete Falcon 9 erfolgreich startet?
Start der Ariane 6 am 9. Juli 2024: Europas neue Trägerrakete hebt erstmals erfolgreich ab.
Europas neue Trägerrakete Ariane 6 ist am 9. Juli 2024 mit ihrem langersehnten und erfolgreichen Erstflug und einem Militärsatelliten CSO-3 am Bord gestartet. Doch statt Euphorie herrscht Skepsis – nicht nur an den Finanzmärkten, sondern auch an der technologischen Entwicklung des Projekts. Eigentlich ein Triumph für Airbus und die europäische Raumfahrtindustrie – doch nun in Zahlen gefasst, eine Ernüchterung: Die Kosten der Ariane 6 sollten gegenüber der Vorgängerin Ariane 5 um 50 Prozent sinken. Jüngste Berichte zeigen jedoch, dass die Einsparungen dieses Ziel wohl nicht erreichen. Die Startkosten liegen zwischen 77 Millionen Euro für die kleinere Ariane 62 mit zwei Boostern und bis zu 126 Millionen Euro für die Ariane 64 mit vier Boostern.
Das sind zwar deutliche Einsparungen gegenüber Ariane 5 mit ihren 150 Millionen Euro pro Start, aber sie verblassen im Vergleich zu SpaceX’ Falcon 9-Rakete, die mit rund 60 Millionen US-Dollar pro Flug deutlich günstiger und dank wiederverwendbarer Booster auch effizienter operiert. Hinzu kommen Verzögerungen und steigende Investitionen, die Airbus finanziell unter Druck setzen. Bereits im Jahr 2022 hatte Airbus aufgrund der Ariane-6-Verzögerungen Wertminderungen verbuchen müssen. Jetzt fließen erneut EU-Subventionen in Höhe von bis zu 340 Millionen Euro pro Jahr, um den Betrieb der Rakete überhaupt wettbewerbsfähig zu halten.
Europas Raumfahrtindustrie reagiert mit teilweise wiederverwendbaren Systemen und methanbetriebenen Triebwerken auf den Wettbewerb mit SpaceX.
Airbus will jetzt auch recyceln
Fünf Starts sind für 2025 geplant, in den folgenden Jahren sollen neun bis zehn Flüge pro Jahr erreicht werden. Die Auftragslage ist schwierig, denn Amazon hat alleine 18 Ariane-6-Starts für sein Kuiper-Programm gebucht und insgesamt stehen bereits 29 Starts fest. Institutionelle Kunden wie das Galileo-Navigationssystem und Copernicus-Erdbeobachtungsmissionen sichern Airbus zusätzliche und verlässliche Einnahmen. Die überraschendste Entwicklung aber ist die plötzliche Offenheit für teilweise Wiederverwendung – ein Bereich, in dem SpaceX schon seit Jahren dominiert.
Airbus arbeitet mit Hochdruck an der Entwicklung von Prometheus, einem kostengünstigen, methanbetriebenen und wiederverwendbaren Triebwerk. Ergänzt wird dies durch den wiederverwendbaren Booster Adeline, der zwischen 2025 und 2030 einsatzbereit sein soll. Das signalisiert ein Umdenken bei Airbus. Man erkennt nun offensichtlich, dass es nicht mehr genügt, lediglich auf klassische Technologien zu setzen, um im harten Wettbewerb mit SpaceX und zukünftigen Konkurrenten bestehen zu können.
Doch warum diese plötzliche Kehrtwende? Die Antwort liegt in der geopolitischen Realität, denn die Europäische Union ist entschlossen, ihre Unabhängigkeit im Zugang zum Weltraum sicherzustellen. Seit dem Verlust russischer Soyuz-Raketen nach dem Ukraine-Krieg 2022 hängt Europa zunehmend von US-Firmen wie SpaceX ab – eine Situation, die Brüssel und Paris um jeden Preis vermeiden wollen. Gleichzeitig steht Airbus trotz Verzögerungen im Wasserstoffflugzeugprojekt wirtschaftlich gut da. Der Umsatz im Raumfahrtsegment stieg zuletzt wieder leicht an. Airbus verfügt damit über genügend finanzielle Stabilität, um strategische Investitionen wie die Ariane 6 langfristig zu stützen.
Die Gratwanderung der Ariane
Der Fokus von Airbus auf ihre Raumfahrt-Operationen war zu lange auf traditionellen Technologien gelegen, während SpaceX längst Fakten mit der Weiterentwicklung ihrer Triebwerke namens Raptor und den wiederverwendbaren Boostern, die wieder zur Erde zurückkommen und landen können, geschaffen hat. Die Falcon 9 startet mittlerweile durchschnittlich jeden dritten Tag und kontrolliert rund 90 Prozent des kommerziellen Marktes – ein Monopol, das Airbus gemeinsam mit den Partnern Thales und Leonardo nun dringend brechen möchte.
Symbol für die rasante technologische Entwicklung bei wiederverwendbaren Raketenantrieben gebaut von SpaceX.
In diesem Kontext gewinnt die Entscheidung, verstärkt in innovative Technologien zu investieren, besondere Bedeutung. Die Einführung von Prometheus und die teilweise Wiederverwendbarkeit sollen die Ariane 6 indessen endlich wettbewerbsfähig machen. Doch dies könnte zu spät kommen: Die USA und private Raumfahrtunternehmen setzen längst auf vollständig wiederverwendbare Systeme. Die Wettbewerbsverzerrung durch massive staatliche Subventionen für Ariane 6 wird daher kontrovers diskutiert, wobei Airbus und die ESA argumentieren, dass es weiterhin um strategische Autonomie gegenüber den USA und anderen Ländern und geopolitische Sicherheit geht.
Aktuell steht die Ariane 6 symbolisch für Europas Raumfahrtambitionen: strategisch unverzichtbar, wirtschaftlich herausfordernd, und technologisch im Wettlauf gegen die Zeit und SpaceX. Der Start ins All ist gelungen – doch der Kampf um Wettbewerbsfähigkeit und langfristigen Erfolg im Orbit hat gerade erst begonnen, und SpaceX ist der Konkurrenz in allen Belangen meilenweit voraus.



