Schweizer Konzerne wie ABB und Kühne+Nagel richten ihren Blick verstärkt auf Indien. Das Land wird zunehmend interessant, seit die Europäische Freihandelsassoziation im März ein Abkommen mit der wachsenden Wirtschaftsmacht auf dem Subkontinent unterzeichnet hat. Sobald dieses Abkommen in Kraft tritt, wird es Investitionen aus der Schweiz weiter ankurbeln: Zölle auf Schokolade, Uhren und Maschinen werden deutlich sinken. Indien bietet den Unternehmen aber nicht nur wegen der Handelsvorteile Chancen. Der Markt wächst rasant, und ABB, Spezialist für Elektro- und Industrieautomation, verzeichnet seit drei Jahren jährliche Wachstumsraten von 27 Prozent bei den Aufträgen für indische Produktionsstandorte.
Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, hat ABB in Indien kräftig investiert: Fabriken, Büros und Ausstellungsräume wurden errichtet, und die Belegschaft ist seit 2020 von 6000 auf 10 000 Mitarbeiter angewachsen. Seit 2023 wurden bereits acht neue Projekte abgeschlossen. Kühne+Nagel konnte seine Belegschaft im Land seit 2019 von 2850 auf 4800 erhöhen und in diesem Jahr neue Logistikzentren in Chennai, Gurugram und Kalkutta eröffnen. Der Schritt nach Indien zeigt zugleich eine Entwicklung, die viele europäische Firmen prägt: Sie suchen alternative Handelspartner, um ihre geografische Abhängigkeit von China zu verringern und breiter aufgestellt zu sein.
Der Handelspakt
Im März unterzeichnete Indien ein Freihandelsabkommen mit vier europäischen Staaten – der Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein. Diese Länder, vereint in der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA), schlossen damit ein Abkommen, das Zölle senkt und den Weg für mehr Investitionen ebnet. Indien rechnet in den kommenden 15 Jahren mit $100 Milliarden an Investitionen, die besonders den Sektoren Automobil, Lebensmittelverarbeitung, Eisenbahn und Finanzwesen zugutekommen sollen. Für die EFTA-Länder öffnet sich durch das Abkommen ein Markt mit 1.4 Milliarden Menschen. Schweizer Unternehmen erwarten hier besonders große Chancen, vor allem Hersteller von Maschinen, Luxusartikeln wie Uhren und Transportsystemen.
Indien hat Schweizer Transportunternehmen ausdrücklich eingeladen, in den Schienenverkehr zu investieren und so die Infrastruktur des Landes mitzugestalten. Auch die indische Exportwirtschaft hofft auf starke Impulse. Das Abkommen könnte die Ausfuhr von Pharmazeutika, Chemikalien und Maschinen ankurbeln. Gleichzeitig erhalten verarbeitete Lebensmittel und technische Produkte aus den EFTA-Staaten durch niedrigere Zölle einen leichteren Zugang zum indischen Markt. Auch die Pharma- und Medizintechnikbranche rechnet mit Wachstumschancen und sieht im Handelspakt eine große Möglichkeit, ihre Position im indischen Gesundheitswesen weiter auszubauen.
Europäische Unternehmen wenden sich von China ab
Lange galt China als Ziel Nummer eins für Schweizer Direktinvestitionen. Doch im Zeitraum 2021 bis 2022 übernahm Indien die Führung, wie Daten der Schweizerischen Nationalbank zeigen. „Geschäfte in China sind schwieriger geworden – die Wirtschaft schwächelt, und es drohen Konflikte, wirtschaftliche oder andere“, erklärt Philippe Reich, Vorsitzender der Handelskammer Schweiz-Indien, der das neue Handelsabkommen als „bahnbrechend“ bezeichnet. Bereits rund 350 Schweizer Unternehmen sind in Indien aktiv, die Zahl wächst stetig. Der Trend, sich von China abzuwenden, zeigt sich in ganz Europa. Auch Länder ohne Anteil am neuen Handelsabkommen mit Indien (wie etwa Deutschland) suchen nach Alternativen.
IWF-Prognosen für China und Indien für 2024 und 2025
Kürzlich reisten hochrangige Vertreter der Bundesregierung zur Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft nach Indien. In Neu Delhi sprachen Bundeskanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck mit ihren indischen Kollegen, um Indien als Standort für die Logistik- und Automobilindustrie zu stärken und die Abhängigkeit von China zu verringern. Ausschlaggebend für diesen Wandel sind die qualifizierten, jungen Arbeitskräfte in Indien, die niedrigeren Kosten und die optimistischen Wirtschaftsprognosen.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für die indische Wirtschaft dieses Jahr mit einem Wachstum von 7 Prozent und für 2025 mit 6.5 Prozent – deutlich über den Prognosen für China mit 4.8 Prozent und 4.5 Prozent. Laut IWF wird sich dieser Trend bis Ende des Jahrzehnts fortsetzen. Der indische Markt dürfte sich dank dieser positiven Aussichten auch künftig gesteigerten Interesses seitens westlicher Firmen erfreuen.




