Im Wesentlichen gibt es zwei Arten von Anlegern: die risikoaffinen und die risikoaversen. Wer sich nicht groß mit Geldanlage beschäftigen möchte oder zu große Angst hat, sein Kapital in volatilen Phasen schrumpfen zu sehen, lehnt sich gemütlich zurück und investiert langfristig in ETFs. All jene, denen ETFs zu langsam wachsen oder zu langweilig sind, klettern die Risikoleiter weiter hoch und investieren in volatilere Assets. Risiko-Investoren, die ihr Kapital mit kleinen Aktien oder Kryptowährungen in kurzer Zeit zu vervielfachen versuchen, belächeln Index-Käufer gerne als rückständig und ängstlich. Umgekehrt halten die meisten traditionellen ETF-Börsianer jeden Altcoin-Enthusiasten für einen hoffnungslosen Zocker.
Der emotionale Graben scheint kaum überwindbar und mindestens so breit wie die Risikoleiter im Finanzmarkt lang ist. Dabei trennt die traditionelle Welt der Indizes gar nicht so viel vom schillernden Kryptomarkt, dem exaltierten Inbegriff des Risiko-Investments. Das wird deutlich, wenn man etwa den Bitcoin-Chart mit dem Preisverlauf von Gold vergleicht. Noch frappierender sind die Parallelen zwischen dem US-Index Russell 2000 mit der Wertentwicklung des gesamten Altcoin-Sektors.
Traditionelle und Risiko-Investments gehen gerade Hand in Hand und zeigen ein seltenes Paradoxon im Finanzmarkt: Aktuell mischt sich Hoffnung auf eine weiche Landung der kriselnden Wirtschaft mit der Angst vor neuen monetären Katastrophen – beides tut Risiko-Assets gerade nicht gut. Warum aber sind Altcoins und kleine Aktien gerade schwach? Und was sagt uns das über die Zukunft?
Risiko-Investments brauchen die Krise
Allgemein gilt: Je kleiner die Marktkapitalisierung (also der Gesamtwert eines Assets), desto volatiler ist der Preis. Gold hat eine geschätzte Marktkapitalisierung von 17 Billionen US-Dollar, da ist ein Preissprung um zehn Prozent innerhalb weniger Wochen schon eine Sensation. Schließlich bedeuten zehn Prozent Wertsteigerung bei Gold eine Zunahme des finanziellen Gesamtgewichts um fast zwei Billionen Dollar. Das ist fast die Hälfte des deutschen Bruttoinlandsprodukts.
Der US-amerikanische Leitindex S&P500 hat sogar eine Marktkapitalisierung von mehr als 40 Billionen US-Dollar, dagegen wirkt Bitcoin mit seinen rund zwei Billionen fast schon winzig. Ganz zu schweigen von manchen Altcoins, die oft nur wenige Milliarden oder gar nur ein paar Dutzend Millionen Marktkapitalisierung aufweisen. Solche kleinen Assets sind mit verhältnismäßig wenig Geld sehr leicht im Preis zu bewegen. Das ist ganz einfache (Finanz-)Physik: Ein E-Roller lässt sich ja auch deutlich leichter schieben als eine Lokomotive.
Das ist aber nur die erste Regel der Finanz-Physik. Die zweite lautet: Ein schweres Asset setzt sich nur langsam in Bewegung, lässt sich, wenn es einmal in Fahrt ist, aber auch nur schwer wieder bremsen. Diese Trägheit sorgt dafür, dass die kurzfristige Volatilität bei großen Assets gering ist. Kleine Altcoins oder Aktien können im Gegensatz zu einem Index plötzliche Kurssprünge oder Richtungswechsel vollziehen. Das birgt Gefahren kurzfristiger Kapitalverluste – kann aber auch zu sprunghaften Rallyes und damit zu deutlich höheren Gewinnen als bei Index-ETFs führen.
Eine Eigenheit kleiner, volatiler und deshalb risikoreicher Assets ist, dass sie am besten performen, wenn die Risikoaffinität im Markt am größten ist. Was sich anhört wie ein Zirkelschluss, ist eine der wichtigsten Lektionen überhaupt im Finanzmarkt. Denn die Risikoaffinität ist nicht einfach ein Gefühl, das Investoren verspüren. Risikobereitschaft wächst im Finanzmarkt, wenn die Geldpolitik der Zentralbanken lockerer wird. Das passiert meistens, wenn es der Wirtschaft nicht besonders gut geht und frisches Geld notwendig ist, um eine Rezession abzuwenden.
Die wichtigste Zutat für jeden Bullrun
Den Versuch, eine Krise durch Lockerung der Geldpolitik abzuwenden sehen wir auch aktuell: Die Zentralbank der USA, die Federal Reserve (Fed), hat die Zinsen jahrelang hochgehalten, um die Inflation der Corona-Zeit einzufangen. Darunter leidet die Wirtschaft, weil Unternehmen keine günstigen Kredite aufnehmen können und die Investitionen zurückgehen, wenn wenig billiges Geld im Umlauf ist.
Irgendwann aber sind die Zentralbanken gezwungen, den Zinshebel wieder umzulegen und die Geldpolitik durch niedrige Zinsen wieder zu lockern. Fließt frisches Geld in die Wirtschaft, kann sie durch neue Investitionen wieder wachsen. Davon profitieren vor allem Risiko-Assets. Das liegt auch an den Zinsen auf Staatsanleihen. Anleihezinsen, insbesondere bei kurzfristigen Laufzeiten, orientieren sich eng an den Leitzinsen der Zentralbank, da diese die Kosten für kurzfristige Kredite im gesamten Finanzsystem beeinflussen.
Steigen die Zinsen, wachsen auch die Renditen der Anleihen. In Hochzinsphasen halten Großanleger ihr Kapital in solchen Anleihen, da sie eine konstant hohe Rendite versprechen – bei gleichzeitig minimalem Risiko. Wenn eine Firma pleitegeht, kollabiert ihre Aktie. Wenn allerdings ein Staat wie die USA für eine Anleihe bürgen, ist das Ausfallrisiko gleich null. Bei hohen Zinsen wandert also viel Kapital in sichere Assets wie große Aktien, Edelmetalle oder Staatsanleihen.
Werden die Zinsen gesenkt, steigen immer mehr große Investoren aus Anleihen aus, weil auch dort die Rendite schwindet, und schichten in riskantere Assets um. Kleinere Anleger und Unternehmen haben durch die Lockerung der Geldpolitik mehr Geld zum Investieren, was die Nachfrage und damit die Kurse nach oben treibt.
Altcoins und Smallcaps: Tanz auf der monetären Rasierklinge
Zinssenkungen treten also eine positive Investment-Spirale für volatilere Assets los, je lockerer die Geldpolitik, desto weiter geht es die Risikoleiter hoch. Und genau darin liegt die Gemeinsamkeit zwischen dem klassischen Aktien- und dem Kryptomarkt. Beide haben ihre großen Flaggschiffe: Indizes wie der S&P500 und der Nasdaq-100 auf der traditionellen, Bitcoin auf der Blockchain-Seite.
Und in beiden Märkten kann man die Risikoleiter nach oben klettern: Wer mehr Potenzial nach oben möchte, kann von großen Indizes und Einzelaktien auf kleine Titel im Russell 2000 umsteigen. Wem der Bitcoin zu langsam läuft, der wird in den deutlich kleineren und volatileren Altcoins finden, was er sucht. Die Logik der Risiko-Spirale ist in beiden Märkten dieselbe: Wird die Geldpolitik gelockert, haben volatilere Assets eine gute Zeit.
Dass eine geldpolitische Lockerung aber oft die letzte Maßnahme am Rande der Krise ist (vergleiche etwa die Corona-Pandemie), steigert das Risiko dieser kleinen Assets: Sie performen erst so richtig gut, wenn die Wirtschaft mit frischem Geld gerettet werden muss. Geht das gut, haben Risiko-Investoren besonderen Grund zum Feiern. Bleibt die weiche Landung aus, trifft es die volatilsten Werte am heftigsten, weil sie im Krisenfall zuallererst abverkauft werden.
Warum Altcoins und kleine Aktien gerade leiden
Woran aber liegt es jetzt, dass sich Altcoins und kleine Aktien gerade schwertun, trotz Zinssenkungen in die Gänge zu kommen? Der Grund dafür liegt in den aktuell gemischten Gefühlen des Marktes. Einerseits hoffen Risiko-Investoren gerade auf Zinssenkungen, damit frisches Kapital die Risikoaffinität der breiten Masse steigert und damit die Nachfrage nach kleinen Aktien und Altcoins steigt. Andererseits sorgt die aktuell hartnäckige Inflation in den USA für Sorgen, dass weitere Zinssenkungen und geldpolitische Lockerungen hinausgezögert werden könnten. Schließlich hat die Federal Reserve die Zinsen ja erst so stark angehoben, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen.
Das zweite Problem sind die Arbeitslosenzahlen in den Vereinigten Staaten: Wie auch in Europa kriselt die Wirtschaft in vielen Bereichen, die Beschäftigung sinkt und der Zuwachs an neuen Stellen stagniert. Das ist einerseits ein Grund für die Fed, die Wirtschaft mit neuem Geld zu stimulieren (positiv für Risiko-Investments), aber gleichzeitig auch ein Grund zur Sorge: Schwächelt die Wirtschaft bei gleichzeitig steigender Inflation, ist die Rezession nur eine Frage der Zeit. Und wenn die Krise wirklich kommt, ist der Tanz auf der Rasierklinge zuallererst für Risiko-Assets wie kleine Aktien oder Altcoins beendet.
Die Situation ist paradox: Risiko-Assets können aufatmen, wenn niedrige Inflationszahlen gemeldet werden und damit positive Zeichen aus der Wirtschaft kommen. Zu positiv darf es aber auch wieder nicht sein, sonst kürzt die Fed ihre Zinsen ja nicht. Auf der anderen Seite bekommen Risiko-Investoren Hoffnung auf eine Lockerung der Geldpolitik, wenn der Arbeitsmarkt schwächelt. Zu schlecht darf es ihm aber auch nicht gehen, denn sonst droht die echte Krise, die Altcoins und kleine Aktien zuallererst und am heftigsten trifft.
Der Tanz auf der Rasierklinge ist aktuell also gerade eingefroren und wartet auf Neuigkeiten. Die kommen übrigens schon diese Woche, wenn die Fed und die Bank of Japan ihre Zinsentscheidungen bekannt geben. Bis dahin herrscht Unsicherheit und darauf reagiert der Markt bekanntlich sehr allergisch – besonders in seinen volatilsten Sektoren.


Indizes und Krypto haben mehr gemeinsam, als man denkt: Der Russell 2000 (kleine US-Aktien) bewegte sich in den letzten Jahren wie die Market Cap der Altcoins.
Risiko-Assets sind sowohl in Krypto als auch im Aktienmarkt von der Geldpolitik abhängig: Russell 2000 und Altcoins steigen und fallen mit der globalen Liquidität.
Wenn der Markt Zukunftsangst hat, sind kurzfristige Anleihen lukrativer als langfristige (dunkelblau). Aktuell ist die Zinskurve unentschlossen (schwarz), die Unsicherheit schadet Risiko-Assets. Normalerweise steigt die Zinskurve (hellblau).

