Damit hätte letzten Sommer kaum jemand gerechnet: Netflix hat gestern ein überraschend starkes Umsatzplus für das vergangene Jahr vermeldet – und einen Rekordzuwachs an neuen Nutzern. Noch vor wenigen Monaten wurde in der Szene eine akute Krise heraufbeschworen, Zweifel kamen auf am Geschäftsmodell, das fast eine Dekade lang geboomt hatte und nun zu wanken schien: Serienflops, rückläufige Nutzerzahlen nach dem Pandemie-Hype und eine Streikserie einflussreicher Drehbuchautoren machte den On-Demand-Giganten das Leben schwer. Neue Konkurrenz kam für die etablierten Player außerdem von traditionellen Produktionshäusern wie Disney oder Paramount, immer mehr Kontrahenten balgten sich um ein überdrüssig scheinendes Publikum. Denn plötzlich begannen Netflix und Co. die Schlagzahl der Neuerscheinungen zu senken, Gebühren zu erhöhen und Werbung zu schalten. Experten waren sich einig: Der Streaming-Blase geht die Luft aus.
Netflix sticht Konkurrenz aus
Hinein in diesen Pessimismus platzte Netflix gestern mit überraschend starken Geschäftszahlen für das letzte Quartal des vergangenen Jahres: Mit gut 13 Millionen neuen Nutzern verzeichnete der Streamingdienst so starke Zuwächse wie noch nie, das Plus war um knapp die Hälfte größer als erwartet. Der Umsatz stieg verblüffend kräftig auf rund $9 Milliarden, was einem Plus von gut zwölf Prozent zum Vorjahresquartal entspricht. Einen beträchtlichen Sprung machte auch der Nettogewinn: Nach $55 Millionen im Vergleichszeitraum 2022 ließen die letzten drei Monate des letzten Jahres die Kassen mit knapp $940 Millionen lautstark klingeln. Auch verzeichnete Netflix die geringste Abwanderungsquote des gesamten Sektors. Dazu beigetragen hat laut Marktbeobachtern das attraktive Programm, zahlende Zuseher wurden mit Serienhits wie dem Biopic The Crown über Prinzessin Diana oder eine Reality-TV-Variante der südkoreanischen Serie Squid Game bei der Stange gehalten. Laut Jessica Reif Ehrlich, Analystin der Bank of America, werde durch die kürzlichen Erfolgsmeldungen „immer deutlicher, dass Netflix die Streaming-Kriege gewonnen hat“.
Mit einem kumulierten Jahresgewinn von ganzen $5.4 Milliarden steht Netflix im starken Kontrast zum holprigen Geschäft anderer Streaming-Dienste, die häufig rote Zahlen schreiben. Und das trotz einer riskanten Wette im vergangenen Jahr: Rund 100 Millionen Haushalte nutzten das Programm ohne eigenes Abo, streamten also über geteilte Konten. Netflix veränderte die Abo-Struktur, um diesem Trittbrettfahren ein Ende zu setzen und handelte sich Kritik ein für neue Abos mit Werbeeinschaltungen, die dafür aber günstiger waren. Am Ende behielt der Konzern recht, denn in den zwölf Märkten mit der günstigeren Werbe-Version entschieden sich 40 Prozent der neuen Kunden dafür. Gleichzeitig werden werbefreie Abos deutlich teurer. Während das kommende Quartal etwas schwächer ausfallen soll, wurde für das gesamte kommende Jahr ein neuerlich starkes Wachstum im zweistelligen Prozentbereich in Aussicht gestellt. In einer Stellungnahme des Brancheführers hieß es: „Trotz der Streiks der US-Drehbuchautoren und Schauspieler im letzten Jahr, die einige Premieren verzögerten, haben wir für 2024 Großartiges in petto.“
Serienhits gehen weiter – Milliardendeal für Live-Wrestling
Und das für ein kontinuierlich wachsendes Publikum: Mittlerweile wird Netflix in über 260 Millionen Haushalten weltweit geschaut, die nächsten Zuschauermagneten stehen schon in den Startlöchern. Neben der Fortsetzung historischer Erfolgsserien will Netflix nun auch ins Live-Fernsehen einsteigen. Wie unlängst bekannt wurde, wird Netflix 2024 die zweite Staffel des weltweiten Serienerfolgs Squid Game veröffentlichen, auf die viele Fans gespannt warten. Der südkoreanische Thriller von 2021 gilt auf der Plattform bis heute als meistgeschaute Serie überhaupt. Außerdem soll das beliebte Historiendrama Bridgerton weitergehen, das ebenfalls Millionen Zuseher vor die Bildschirme oder überhaupt erst zu Netflix lockte. Gleichzeitig hat Netflix sich die Rechte an der wöchentlichen Wrestling-Show Raw der Kampfsport-Liga WWE gesichert, die seit 30 Jahren im linearen Fernsehen gelaufen war. Damit verschärfen sich die Einschnitte durch Streaming-Konkurrenten im klassischen TV-Geschäft weiter. Bezahlt hat Netflix für die WWE-Anteile laut übereinstimmenden Medienberichten $5 Milliarden, die Übertragungsrechte gelten demnach für zehn Jahre.
Laut Analysten könnte allein der Kampf gegen die Weitergabe von Zugangsdaten den Umsatz des Konzerns im laufenden Quartal um fünf Prozent steigern. Außerdem dürften die künftigen Werbeeinnahmen dank neuer Abo-Modelle die Zuflüsse durch monatliche Gebühren schon in naher Zukunft übersteigen. Netflix selbst gab sich ebenfalls optimistisch: "Wir glauben, dass noch viel Raum für Wachstum besteht, da sich das Streaming weiter ausbreitet, und unser Leitstern bleibt derselbe: unsere Mitglieder mit unserer Unterhaltung zu begeistern.“ Enteilt sei man den Mitbewerbern damit allerdings noch nicht und behalte sie weiterhin im Auge: „Wenn es uns gelingt, Netflix schneller als die Konkurrenz zu verbessern, werden wir ein zunehmend wertvolles Unternehmen haben – für Verbraucher, Content-Ersteller und Aktionäre.“ Apropos Aktionäre: Die Netflix-Aktie stieg in den letzten Tagen stark an, künftig winken aber weitere lukrative Einstiegschancen. Alle wichtigen zur Kursentwicklung der bedeutendsten nordamerikanischen Technologie-Unternehmen – darunter auch Netflix – kommen regelmäßig und topaktuell in unserem Tech33-Paket.



