In seinem Brief an die Aktionäre klang Alex Karp wie jemand, dem der Erfolg recht gibt: „Unsere Ansichten darüber, wie Software entwickelt werden kann und was sie zu leisten imstande ist, wurden jahrelang als weltfremd bezeichnet“, schrieb der Geschäftsführer von Palantir. Regelmäßig hätten Investoren gewarnt, dass Karps Geschäftsmodell „der sicherste und schnellste Weg sei, ein Unternehmen an den Rand des Ruins zu bringen. Vielen widerstrebte es, uns zu unterstützen“. Und doch: „Der Markt hat sich rasch verändert. Unser Unternehmen wächst nun in einem Umfang und Tempo, das selbst unsere eifrigsten Befürworter nicht für möglich gehalten hätten.“ Karp will es allen Zweiflern gezeigt haben – und die aktuellen Quartalszahlen bestärken ihn in dieser Haltung. Am Ende der ersten drei Monate des aktuellen Geschäftsjahres steht der größte Gewinn in der zwanzigjährigen Geschichte von Palantir. Die Aktie verzeichnete dennoch den größten Tagesverlust seit zwei Jahren.
Rekord beim Gewinn: Palantir will Marktführer werden
Beeindruckend lesen sich Palantirs Quartalszahlen: $634 Millionen Umsatz und damit ein Plus von rund 21 Prozent verglichen mit dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Damals hatte der Gewinn je Aktie bei $0.01 gelegen, mittlerweile hat sich dieser Wert vervierfacht. Der Nettogewinn kletterte im zurückliegenden Frühjahr auf $106 Millionen – die $17 Millionen aus dem ersten Quartal 2023 wurden damit mehr als versechsfacht. Stolz verwies Karp auf „den größten Quartalsgewinn in der zwanzigjährigen Geschichte unseres Unternehmens“ und stellte einen verblüffenden Vergleich an: „Wir erzielen nun in einem einzigen Quartal mehr Gewinn als wir vor zehn Jahren in einem ganzen Jahr erwirtschaftet haben“. 2023 schrieb der Software-Spezialist ersten Mal bereinigten Gewinn auf Jahresebene – vor allem dank eines Milliardenumsatzes mit Verkäufen an nordamerikanische Behörden rund um die Inlandspolizei FBI, den Auslandsgeheimdienst CIA und das Verteidigungsministerium Pentagon. Aber auch aus der Privatwirtschaft kommt steigendes Interesse.
Im abgelaufenen ersten Quartal machten Lieferungen an nicht-staatliche Unternehmen immer noch weniger als ein Viertel des Umsatzes aus, die absoluten Zahlen aber wachsen stetig: Anfang 2023 flossen aus der nordamerikanischen Privatwirtschaft $107 Millionen in Palantirs Kassen, mittlerweile sind es $150 Millionen. Geht es nach Karp, wird der Sektor „in naher Zukunft einer der wichtigsten Treiber unseres Wachstums“ sein. Palantir sieht der Geschäftsführer auf einer wichtigen Mission: „Es ist nicht selbstverständlich, dass wir es als Zivilisation schaffen, unsere bedeutendsten Entdeckungen in Anwendungen für Unternehmen und Industrie münden zu lassen“ – und genau da komme Palantir ins Spiel. „Wir beabsichtigen, unsere Plattformen zur marktführenden Infrastruktur zu machen, die den effektiven Einsatz von Künstlicher Intelligenz in sämtlichen Institutionen ermöglicht.“ Deswegen mache man die firmeneigenen KI-Modelle „einem noch breiteren Spektrum von Organisationen“ zugänglich, „dazu zählen Unternehmen in den Vereinigten Staaten und im Ausland, staatliche und lokale Regierungsstellen sowie Forschungsinstitute und Bildungseinrichtungen“.
Kritik aus vielen Richtungen – Enttäuschung an der Börse
Glatt läuft dieser Plan bisher nicht ganz. Einer von Palantirs prominentesten Kunden im Ausland, der nationale britische Gesundheitsdienst (kurz: NHS), wird von Aktivisten und Medizinern teils scharf für seine Zusammenarbeit mit dem Software-Giganten kritisiert. Palantir selbst wird immer öfter für die Kooperation mit dem israelischen Militär öffentlich angegriffen. Und auch der Quartalsbericht wurde von den Anlegern nicht so positiv aufgenommen, wie das vollmundige Statement von Alex Karp auf den ersten Blick vermuten lässt. Denn der Ausblick für das gesamte Jahr 2024 blieb hinter den Prognosen der Wallstreet-Analysten zurück. Palantir rechnet mit einem Umsatz von $2.69 Milliarden, die Mindesterwartung der Wallstreet lag bei $2.71 Milliarden. Die Palantir-Aktie verlor gestern zwischenzeitlich 15 Prozent – der größte Tagesverlust seit fast zwei Jahren. Alex Karp bleibt optimistisch. Schließlich könnten Palantirs Softwaresysteme „den Anfang vom Ende einer Ära des totalen und willkürlichen Krieges einleiten“. So zumindest lauteten die abschließenden Worte im Brief des CEO an die Aktionäre.



