Die wichtigsten Punkte
Nvidia-CEO Jensen Huang hat Taiwan eindringlich dazu aufgerufen, die Atomkraft als eine „hervorragende Option" zur Deckung des explodierenden Energiebedarfs zu nutzen. Angesichts des bevorstehenden Referendums über die Wiederinbetriebnahme eines Kernreaktors am 23. August 2025 gewinnt die Debatte an Schärfe. Huangs Appell unterstreicht die wachsende Sorge, dass Taiwans ambitionierte KI-Pläne und die Halbleiterindustrie ohne eine stabile und kostengünstige Energieversorgung gefährdet sind. Während die Regierungspartei DPP an ihrem Atomausstieg festhält, drängen Opposition und Industrie auf eine Kehrtwende. Das Referendum wird nicht nur über die Zukunft eines Kraftwerks entscheiden, sondern auch über Taiwans Fähigkeit, im globalen Technologiewettlauf zu bestehen und seine Energieunabhängigkeit gegenüber China zu sichern.
Nvidias Weckruf an Taiwan
Inmitten einer hitzigen nationalen Debatte hat sich eine der einflussreichsten Stimmen der globalen Technologiebranche zu Wort gemeldet. Jensen Huang, CEO des Chip-Giganten Nvidia, nutzte einen Besuch in Taipei, um eine klare Botschaft zu senden: Taiwan sollte die Kernenergie nicht nur in Betracht ziehen, sondern aktiv als Lösung für seine wachsenden Energieprobleme nutzen. „Jede Gesellschaft, jedes Unternehmen, jeder Einzelne wird KI nutzen", erklärte Huang vor Reportern. „Ich hoffe wirklich, dass jede Form von Energie erforscht wird." Diese Aussage, kurz vor einem entscheidenden nationalen Referendum, verleiht der Pro-Atomkraft-Bewegung erheblichen Rückenwind.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Taiwan, ein Epizentrum der globalen Halbleiterfertigung, steht vor einem Energiedilemma. Der unaufhaltsame Aufstieg der künstlichen Intelligenz treibt den Strombedarf in die Höhe. Nvidia selbst plant gemeinsam mit Foxconn den Bau einer KI-Fabrik in Taiwan, und weitere energieintensive Projekte werden folgen. Gleichzeitig hat die Regierung im Mai 2025 das letzte aktive Kernkraftwerk des Landes vom Netz genommen und damit einen jahrzehntelangen Atomausstieg vollendet. Diese gegenläufigen Entwicklungen schaffen eine gefährliche Lücke zwischen Energieangebot und -nachfrage, die Taiwans wirtschaftliche Zukunft und technologische Führungsrolle bedroht.
Das Referendum: Eine Zerreißprobe für die Nation
Am Samstag, den 23. August 2025, sind die taiwanischen Bürger aufgerufen, über die Zukunft ihrer Energieversorgung abzustimmen. Die konkrete Frage lautet: „Stimmen Sie zu, dass das dritte Kernkraftwerk (Maanshan) weiterbetrieben werden soll, sofern die zuständige Behörde bestätigt, dass keine Sicherheitsbedenken bestehen?" Das von den Oppositionsparteien Kuomintang (KMT) und Taiwan People's Party (TPP) initiierte Referendum könnte die Anti-Atom-Politik der regierenden Democratic Progressive Party (DPP) kippen.
Die Debatte ist tief gespalten und berührt zentrale Nervenpunkte der taiwanischen Gesellschaft. Befürworter der Atomkraft, darunter große Teile der Industrie, argumentieren mit der Notwendigkeit einer stabilen und kostengünstigen Grundlastversorgung. Sie warnen vor Stromausfällen, steigenden Energiekosten und einer wachsenden Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen. Huang Shih-hsiu, Gründer der Bürgerinitiative Nuclear Mythbusters, malte während einer Debatte ein düsteres Bild: „Wenn die Volksbefreiungsarmee [Chinas] Taiwan blockiert, würde unser Erdgas weniger als zehn Tage reichen."
Auf der anderen Seite stehen Anti-Atom-Aktivisten und Umweltschützer. Sie verweisen auf die erheblichen Sicherheitsrisiken, insbesondere in einem erdbebengefährdeten Land wie Taiwan. Die Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 dient als ständige Mahnung. „Taiwan ist mit erdbebenbedingten Risiken konfrontiert, die nicht unterschätzt werden dürfen", betonte die 20-jährige Bürgervertreterin Wu Ya-hsin. Zudem gibt es in der Standortgemeinde Pingtung, wo sich das Maanshan-Kraftwerk befindet, erhebliche Widerstände. Anwohner und lokale Industrien aus Landwirtschaft und Fischerei fürchten die Folgen eines möglichen Nuklearunfalls.
KI trifft auf geopolitische Realität
Die Dringlichkeit der Debatte wird durch zwei Faktoren verschärft: den exponentiell wachsenden Energiebedarf der KI-Industrie und die ständige militärische Bedrohung durch China. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert, dass sich der Stromverbrauch von Rechenzentren und KI bis 2028 verdreifachen könnte. Allein der taiwanische Chip-Hersteller TSMC verbraucht bereits heute rund 9% des gesamten Stroms der Insel.
Diese Entwicklung trifft auf eine fragile Energieinfrastruktur. Über 96 Prozent seiner Energie muss Taiwan importieren, mehr als 80% Prozent des Stroms werden aus fossilen Brennstoffen erzeugt. Der Anteil der erneuerbaren Energien liegt bei nur etwa 12 Prozent und verfehlt das Regierungsziel von 20 Prozent bis 2025 deutlich. Die Abschaltung der Kernkraftwerke, die 2024 noch 4.2 Prozent zur Stromversorgung beitrugen, vergrößert diese Abhängigkeit weiter.
Für Analysten wie den ehemaligen stellvertretenden US-Sicherheitsberater Matt Pottinger ist die Kernenergie daher nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine strategische Notwendigkeit. Sie bietet eine Form der Energieunabhängigkeit, da Kernbrennstoff für mehrere Jahre vor Ort gelagert werden kann – ein entscheidender Vorteil im Falle einer chinesischen Blockade. Während die Regierung auf eine Diversifizierung der Gas- und Kohleimporte setzt, sehen viele in der Atomkraft die einzige verlässliche Option, um die Lichter in Taiwans Fabriken und KI-Rechenzentren am Laufen zu halten.
FAQ
Warum ist die Atomkraft in Taiwan so umstritten?
Die Debatte ist geprägt von Sicherheitsbedenken aufgrund der Erdbebengefahr, der ungelösten Frage der Endlagerung von Atommüll und einer komplexen politischen Geschichte, die bis zu einem geheimen Atomwaffenprogramm in den 1980er Jahren zurückreicht.
Wie ist die aktuelle Stimmung in der Bevölkerung?
Jüngste Umfragen deuten auf eine wachsende Unterstützung für die Kernenergie hin. Über 60 Prozent der Befragten sprachen sich für eine Wiederinbetriebnahme des Maanshan-Kraftwerks aus, was auf eine Verschiebung der öffentlichen Meinung hindeutet.
Was passiert, wenn das Referendum angenommen wird?
Selbst bei einem „Ja" der Wähler liegt die endgültige Entscheidung bei der Regierung. Diese müsste eine Sicherheitsprüfung durchführen und könnte den Weiterbetrieb dennoch aus politischen Gründen ablehnen. Das Ergebnis ist also nicht rechtlich bindend, erhöht aber den politischen Druck enorm.
Welche Alternativen zur Atomkraft hat Taiwan?
Taiwan investiert in erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft, doch der Ausbau verläuft langsamer als geplant. Die Hauptlast der Energieversorgung tragen importierte fossile Brennstoffe wie Flüssigerdgas (LNG) und Kohle, was zu hoher Abhängigkeit und CO2-Emissionen führt.




