Mit Marshmallows zum Mond: Wie man erfolgreich investiert
#Finanzbildung

Mit Marshmallows zum Mond: Wie man erfolgreich investiert

Author

Simeon Koch

Im Jahr 1960 führte der österreichische Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel das sogenannte Marshmallow-Experiment durch. Mischel setzte Grundschulkinder allein in einen Raum. Vor den Kindern stand ein Tisch und darauf ein Teller mit einem Marshmallow. Die Kinder hatten nun zwei Möglichkeiten: Entweder, sie aßen den Marshmallow sofort oder ließen die Süßigkeit vor sich liegen, bis der Studienleiter zurück ins Zimmer kam. Hielten sie durch, ohne den Marshmallow vor sich aufzuessen, bekamen sie nachher einen zweiten oben drauf. Und obwohl Mischel den Kindern den zweiten Marshmallow in Aussicht stellte, aßen die meisten den ersten auf, bevor er zurückkam. Mischel leitete daraus ab, dass wir lieber suboptimale Ergebnisse sofort hinnehmen als geduldig auf bessere zu warten, die in der Zukunft liegen. Die Fähigkeit zur Impulskontrolle und Geduld erwies sich in weiteren Experimenten als wichtiger Erfolgsfaktor im Alltag: Die Kinder aus dem Marshmallow-Experiment wurden bis ins Erwachsenenalter begleitet und es stellte sich heraus: Diejenigen, die als Kinder geduldig auf den zweiten Marshmallow warteten, hatten später bessere Abschlüsse, stabilere soziale Beziehungen und finanziellen Erfolg.

 

Essen Sie den Marshmallow sofort?

Dass die geduldigen Kinder später erfolgreicher waren, ist kein Wunder. Schließlich ist Geduld eine Tugend, die besonders im Bereich der Finanzinvestitionen von entscheidender Bedeutung ist. Ein erfolgreicher Investor zeichnet sich durch seine Fähigkeit aus, langfristig zu denken und kurzfristigen Schwankungen oder Verlockungen zu widerstehen. Die Märkte sind volatil, aber diejenigen, die geduldig bleiben, können von langfristigem Wachstum profitieren. Historisch gesehen tendieren Aktienmärkte dazu, im Laufe der Zeit zu steigen, und Geduld erlaubt es den Anlegern, den Zinseszinseffekt zu nutzen, der das Vermögen über Jahre und Jahrzehnte vermehrt. Ein geduldiger Investor wartet auf günstige Kaufgelegenheiten und vermeidet es, in Phasen der Panik zu verkaufen – und das bringt langfristig oftmals höhere Renditen. Geduldig zu sein, wird in unserer modernen Welt allerdings immer schwieriger. Die Schnelllebigkeit der heutigen Informationsgesellschaft, angetrieben durch das ständige Bombardement von Nachrichten und Social Media, hat die Aufmerksamkeitsspanne vieler Menschen erheblich verkürzt.

Social Media fördert eine Kultur der sofortigen Befriedigung und schnellen Erfolge. Finanz-Influencer verstärken den Traum vom schnellen Reichtum, indem sie oft unrealistische Erwartungen und kurzfristige Handelsstrategien propagieren. Diese ständige Flut an Informationen und tausendfachen Versprechen von schnellen Gewinnen führen dazu, dass viele Investoren impulsiv handeln und ihre langfristigen Ziele aus den Augen verlieren. Technologische Fortschritte haben den Handel an der Börse zwar vereinfacht, aber auch die Dynamik der Märkte verändert. Algorithmen und Hochfrequenzhandel können die Märkte volatiler und (noch) unvorhersehbarer machen, was den traditionellen, geduldigen Ansatz herausfordernd erscheinen lässt. Besonders herausfordernd sind in dieser Hinsicht unregulierte Handelsumgebungen wie etwa der Krypto-Markt. Welche große Rolle Emotionen hier spielen, zeigen extreme Volatilität durch Meinungsäußerungen bekannter Persönlichkeiten wie etwa Elon Musk, Stichwort: Dogecoin. Dennoch bleibt die Grundregel bestehen: Langfristiges Denken und Geduld sind Schlüsselfaktoren für den Anlageerfolg. Das erkennt man nicht nur beim Blick auf den Bitcoin-Chart seit seiner Entstehung vor mittlerweile rund 15 Jahren.

 

Die Verzerrung der Gegenwart – und das süße Ende

Was aber macht es uns so schwer, geduldig zu bleiben? Die Antwort liegt – wenig überraschend – in unserer Psyche. Die menschliche Natur neigt dazu, sofortige Belohnungen über langfristige Gewinne zu stellen – ein Phänomen, das als Gegenwartsverzerrung bekannt ist. Menschen sind emotional weniger mit der Zukunft verbunden als mit dem, was sie im Moment erleben. Die Gegenwart ist real und greifbar, die Zukunft schwer vorstellbar, abstrakt und unsicher. Dadurch entsteht emotionale Distanz und Gleichgültigkeit. Der Mensch ist genetisch darauf programmiert, sofortige Belohnung zu suchen und die Belohnung im aktuellen Moment zu maximieren. Verzicht hat dabei keinen Platz. Der Marshmallow auf dem Teller erscheint uns im Moment viel verlockender als die zwei Marshmallows zwanzig Minuten später. In der Realität geht es natürlich nicht um Süßigkeiten, sondern etwa die finanzielle Sicherheit im Alter oder den langfristigen Aufbau eines Vermögens. Wenn der Mensch aber eines nicht mag, dann ist es, auf Dinge zu warten.

Einen Grund dafür fanden vor einigen Jahren drei Psychologen der Universität Chicago. Wenn Menschen darüber entscheiden, ob sie sofort eine kleine oder später eine deutlich größere Belohnung haben wollen, spielt demnach das Prinzip der Abgeschlossenheit eine zentrale Rolle. In sieben Studien zeigten die Teilnehmer eine Präferenz, mehr zu zahlen, um eine Zahlung sofort zu tätigen, wenn sie etwas kaufen wollten. Das hat primär damit zu tun, dass die Probanden die erwünschte Ware mit der früheren Zahlung auch direkt erhielten. Bei Kostenfallen durch Ratenzahlung greift dasselbe Phänomen, nur umgekehrt: Die Zahlung wird aufgeschoben, aber die Belohnung kommt in Form der gekauften Ware sofort. Dafür nehmen viele Kunden einen am Ende höheren Kaufpreis in Kauf. Wieder werden etwaige Verluste in der Zukunft zugunsten der sofortigen Befriedigung unterschätzt. Die Leiterin dieser Studien resümierte: „Das Bedürfnis, ein Ziel zu erreichen, trägt dazu bei, die kontraintuitive Präferenz zu erklären, früher mehr zu bezahlen.“

 

FOMO oder Marshmallow?

Man habe im Rahmen der Studien „festgestellt, dass es bei der Ungeduld nicht nur um den kurzsichtigen Wunsch nach einer Belohnung geht. Es geht auch darum, Ziele von der Liste zu streichen, ohne das Ziel vor Augen zu haben“. Hinzu kommt die Angst, durch Abwarten etwas zu verpassen (engl.: Fear of Missing Out; kurz: FOMO). Auch diese Angst wird durch soziale Medien und mal mehr, mal weniger glaubwürdige Erfolgstories von schnellen Gewinnen verstärkt, was zu überhasteten und schlecht durchdachten Investitionsentscheidungen führen kann. Diese emotionale Reaktion auf Marktbewegungen und die Verlockung von schnellen Gewinnen machen es besonders schwer, eine geduldige und rationale Anlagestrategie zu verfolgen. Um an der Börse erfolgreich zu sein, ist es deshalb wichtig, Strategien zu entwickeln, die Geduld fördern. Einer der ersten Schritte ist die Festlegung realistischer Erwartungen. Investoren sollten verstehen, dass nachhaltige Renditen Zeit erfordern und dass kurzfristige Schwankungen unvermeidlich sind. Gerade Krypto-Spekulanten sollten sich daran erinnern, wenn die sprichwörtliche Reise zum Mond der Social-Media-Gemeinde mal wieder nicht schnell genug gehen kann.

Die Erstellung eines klaren, langfristigen Investitionsplans und das Festhalten an diesem Plan, auch in turbulenten Zeiten, ist entscheidend. Diversifikation ist eine weitere wichtige Strategie, die dazu beiträgt, Risiken zu minimieren und das Portfolio widerstandsfähiger gegenüber Marktschwankungen zu machen. Ein praktischer Tipp, um an der Börse geduldiger zu sein, ist es, emotionale Entscheidungen zu minimieren. Dies kann durch regelmäßige Überprüfung und Anpassung des Portfolios sowie durch die Vermeidung von täglichem Monitoring der Märkte erreicht werden. Stattdessen sollte man sich darauf konzentrieren, die eigene Anlagestrategie und -ziele periodisch zu überprüfen. Es kann auch hilfreich sein, sich regelmäßig daran zu erinnern, warum man ursprünglich in bestimmte Vermögenswerte investiert hat und welche langfristigen Ziele man verfolgt. Obwohl es in der heutigen schnelllebigen und informationsüberladenen Welt immer schwieriger wird, geduldig zu bleiben, ist es für den Anlageerfolg unerlässlich. Und wenn die FOMO Sie das nächste Mal packt, dann denken Sie an den zweiten Marshmallow, mit dem Sie schon bald belohnt werden könnten.

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Simeon Koch

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