Stellen Sie sich vor, Sie versuchen, ein brennendes Haus mit mehreren Eimern Wasser zu löschen, während gleichzeitig ein Brandbeschleuniger das Feuer weiter entfacht. In ähnlicher Weise sehen sich Microsoft und Occidental Petroleum der Herausforderung gegenüber, die CO2-Emissionen zu senken, während die Expansion der KI-Anwendungen den Energieverbrauch weiter in die Höhe treibt. Mit einem Vertrag über mehrere hundert Millionen Dollar für Emissionsgutschriften setzen die beiden Unternehmen nun auf die sogenannte Direct Air Capture-Technologie (kurz: DAC). Microsoft, das bis 2030 kohlenstoffnegativ werden möchte, und Occidental, das seine Expertise in der Kohlenstoffabscheidung ausbaut, versuchen durch diesen Deal, die Flammen der Emissionen zu ersticken – zumindest auf dem Papier. Diese Partnerschaft zeigt, wie der Kampf gegen den Klimawandel heutzutage oft mehr von finanziellen Mitteln als von tatsächlichen Reduktionen abhängt.
Rekordvertrag mit gigantischem Volumen
Über einen Zeitraum von sechs Jahren wird Occidental insgesamt 500 000 Emissionsgutschriften an Microsoft verkaufen, die durch das eben genannte Direct Air Capture-Verfahren generiert werden. DAC, eine Technologie, die CO2 direkt aus der Atmosphäre entfernt und unterirdisch speichert, wird von Occidentals Tochtergesellschaft 1PointFive betrieben. Während die genaue finanzielle Dimension des Deals geheim bleibt, unterstreicht er die Dringlichkeit, innovative Lösungen zu finden, um die ambitionierten Klimaziele der Big-Player zu erreichen. Die weltweit größte DAC-Anlage, die derzeit in Texas gebaut wird und 2025 in Betrieb gehen soll, steht im Zentrum dieses Abkommens und soll den Weg für kosteneffizientere Kohlenstoffabscheidungstechnologien ebnen.
Die exponentielle Expansion von KI-Technologien stellt Unternehmen vor immense Herausforderungen hinsichtlich ihres Energieverbrauchs und ihrer CO2-Emissionen. Microsoft meldete, dass seine Emissionen seit 2020 um fast ein Drittel gestiegen sind, hauptsächlich durch den Bau neuer KI-Rechenzentren. Diese Entwicklung spiegelt sich auch bei anderen Technologiegiganten wider: So berichtete beispielsweise auch Google von einem Anstieg der Emissionen um fast die Hälfte seit 2019. Dieser Trend macht deutlich, dass der wachsende Energiehunger der KI nicht nur technologische, sondern auch erhebliche ökologische Konsequenzen mit sich bringt. Um diese Herausforderung zu meistern, hat Microsoft sich verpflichtet, bis 2030 kohlenstoffnegativ zu werden. Dies bedeutet, dass das Unternehmen mehr Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernen will, als es emittiert. Der Vertrag mit Occidental und die Investition in Direct Air Capture-Technologie sind zentrale Bausteine dieser Strategie.
Kontroverse um Emissionsgutschriften
Der Einsatz von Emissionsgutschriften als Mittel zur Reduzierung von CO2-Emissionen ist dabei nicht unumstritten. Kritiker beanstanden die mangelnde Verifizierbarkeit und Effektivität dieser Maßnahmen. Emissionsgutschriften sollten idealerweise nur zum Ausgleich von schwer zu eliminierenden Emissionen verwendet werden, wie beispielsweise in der Stahlproduktion. Es bleibt jedoch oft unklar, wie viel CO2 durch Projekte wie Direct Air Capture tatsächlich aus der Atmosphäre entfernt wird. Laut der ETH Zürich belaufen sich die aktuellen Kosten für die CO2-Abscheidung auf etwa $1000 bis $1300 pro Tonne, während Schätzungen von S&P Global einen Preis zwischen $800 und $1200 pro Tonne angeben. 1PointFive, die Tochtergesellschaft von Occidental, rechnet hingegen optimistisch mit Kosten von nur $400 bis $630 pro Tonne. Trotz dieser potenziellen Kosteneffizienz bleibt die Skepsis groß, da die Technologie noch nicht im großen Maßstab demonstriert wurde. Experten warnen, dass Emissionsgutschriften allein nicht ausreichen werden, um die Klimakrise zu bewältigen, und fordern deshalb umfassendere Maßnahmen zur tatsächlichen Reduktion von Emissionen.
Occidental möchte die Kosten für DAC signifikant senken, um die Technologie breiter nutzbar zu machen. Michael Avery, Geschäftsführer von 1PointFive, betont die Notwendigkeit eines „Lösungsmix“, einschließlich Emissionsgutschriften, um den steigenden Energiebedarf der KI-Systeme sauber zu decken. Obwohl die Internationale Energieagentur (IEA) der DAC-Technologie eine wachsende Bedeutung zuschreibt, steht sie noch vor der Herausforderung, sich im großen Maßstab zu beweisen. Der aktuelle Deal zwischen Microsoft und Occidental zeigt jedoch, dass führende Unternehmen bereit sind, in diese Technologie zu investieren, um ihren Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels zu leisten.



