Das Wichtigste auf einen Blick
Donald Trump hat überraschend eine Gebühr von 100 000 Dollar für H-1B-Arbeitsvisa eingeführt. Besonders betroffen sind die Magnificent Seven: Amazon mit mehr als 14 000 Visa-Inhabern, Tata auf Platz zwei und danach Microsoft, Meta, Apple und Google. Für diese Konzerne geht es um Milliardenbelastungen und erhebliche Risiken im globalen Innovationswettbewerb. Während das Weiße Haus die Maßnahme als Schutz amerikanischer Jobs feiert, warnen Analysten vor einem Aderlass an Talenten und einem Rückschlag im Wettlauf um Künstliche Intelligenz.
Verlieren Amazon, Apple und Google ihre Fachkräfte?
Es war ein Paukenschlag, der Silicon Valley ins Mark traf: In der Nacht auf Montag hat US-Präsident Donald Trump eine Gebühr von 100 000 Dollar für H-1B-Arbeitsvisa verkündet. Betroffen sind vor allem die Tech-Riesen – allen voran Amazon, gefolgt von der indischen Tata Group sowie Microsoft, Meta, Apple und Google. Die Maßnahme löste nicht nur hektische Rückholaktionen von Mitarbeitern aus, sondern auch Debatten über die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Innovationsindustrie.
Während die Administration die Entscheidung als Schutz für heimische Arbeitskräfte preist, warnen Experten vor einem gefährlichen Eingriff in das Herzstück der globalen Tech-Branche. Kann das Silicon Valley seine Rolle als Magnet für die klügsten Köpfe der Welt unter diesen Bedingungen halten? Für Amazon, das mehr als 14 000 Beschäftigte mit H-1B-Visa angestellt hat, bedeutet die neue Gebühr ein Kostenblock in Milliardenhöhe. Auch Microsoft und Meta, die jeweils über 5000 Visa-Inhaber beschäftigen, stehen unter Druck. Experten erwarten, dass Firmen künftig deutlich selektiver einstellen müssen.
„Hört auf, Ausländer ins Land zu holen!“
Schon am Wochenende verschickten Microsoft, Amazon und Meta interne E-Mails, in denen Mitarbeiter angewiesen wurden, nicht mehr zu reisen oder sofort in die USA zurückzukehren. „Inhaber eines H-1B-Visums, die sich derzeit in den USA aufhalten, sollten in den USA bleiben und internationale Reisen vermeiden, bis die Regierung klare Reisehinweise herausgibt“, hieß es in einem Rundschreiben der Bank JPMorgan, das auch in der Tech-Szene kursierte. Der finanzielle und organisatorische Aufwand könnte gewaltige Folgen haben. Bislang kostete das Antragsverfahren nur einige tausend Dollar. Mit dem neuen Satz multiplizieren sich die Aufwendungen – bei großen Konzernen auf mehrere Milliarden.
Selbst Handelsminister Howard Lutnick machte deutlich, worum es geht: „Wenn Sie jemanden ausbilden wollen, dann bilden Sie einen der jüngsten Absolventen einer der großartigen Universitäten unseres Landes aus. Bilden Sie Amerikaner aus. Hören Sie auf, Menschen ins Land zu holen, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen.“ Die Argumentation der Regierung lautet, dass Konzerne den Arbeitsmarkt verzerrten, indem sie billige Fachkräfte aus dem Ausland anheuerten. Dass dieses Bild mit der Realität nicht übereinstimmt, belegen jedoch Branchenzahlen. Laut US-Regierungsdaten stammen mehr als 70 Prozent der H-1B-Beschäftigten aus Indien, und es handelt sich fast ausschließlich um hochqualifizierte Ingenieure, Programmierer und KI-Spezialisten.
Die Nervosität in den Führungsetagen der Magnificent Seven ist entsprechend groß. Auch Nasscom, der Dachverband der indischen IT-Branche, warnte vor massiven Verwerfungen für Projekte in den USA. Das indische Außenministerium sprach von „humanitäre Folgen aufgrund der Störung des Familienlebens“ und forderte die US-Regierung auf, Wege zur Abmilderung der Folgen zu finden. Südkorea prüft ebenfalls die Auswirkungen auf seine Unternehmen. In den sozialen Netzwerken dokumentierten betroffene Fachkräfte dramatische Szenen: Fluggäste, die Maschinen kurz vor Abflug wieder verließen, Urlaubsreisen, die mitten im Boarding abgebrochen wurden, und Familien, die auseinandergerissen wurden.
Killt Trump den KI-Fortschritt der USA?
Besonders brisant ist die politische Dimension. Trump hatte sich in früheren Jahren noch für das H-1B-Programm starkgemacht und mit Tesla-Chef Elon Musk öffentlich erklärt, wie wichtig internationale Talente für die USA seien. Nun vollzieht er eine radikale Kehrtwende – und signalisiert zugleich Härte gegenüber der eigenen Wählerschaft. „Präsident Trump hat versprochen, amerikanische Arbeitnehmer an erste Stelle zu setzen, und tut genau das, indem er Unternehmen davon abhält, das System zu missbrauchen und die Löhne zu drücken.“ sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses.
Im Silicon Valley stößt diese Begründung auf Unverständnis. Venture-Capital-Investor Deedy Das warnte: „Wenn die USA nicht mehr die besten Talente anziehen, verringert sich ihre Innovationsfähigkeit und ihr Wirtschaftswachstum drastisch.“ Analyst Jeremy Goldman von eMarketer sprach von einem kurzfristigen Geldregen für Washington, der jedoch langfristig „Amerikas Vorsprung bei Innovation“ kosten werde. Dass gerade die Cloud-Sparte von Amazon und die Entwicklungsabteilungen von Microsoft oder Google in besonderem Maße betroffen sind, verstärkt die Sorge, dass ausgerechnet im globalen Wettlauf um Künstliche Intelligenz ein Standortnachteil entsteht.
Wer reich ist, darf rein
Gleichzeitig bleiben zentrale Fragen offen. Wie genau die Gebühr erhoben wird, konnte die Regierung bislang nicht erklären. Unklar ist auch, ob die Regelung rechtlich Bestand hat. „ Der Kongress hat die Regierung lediglich ermächtigt, Gebühren festzulegen, um die Kosten für die Entscheidung über einen Antrag zu decken“, kritisierte Aaron Reichlin-Melnick vom American Immigration Council auf der Social-Media-Plattform Bluesky. Sollten Klagen eingereicht werden, droht den Behörden eine juristische Niederlage. Doch selbst wenn die Maßnahme in abgeschwächter Form bestehen bleibt, könnte sie Investitionsentscheidungen dauerhaft verändern.
Einige Analysten erwarten, dass Konzerne Teile ihrer Entwicklung ins Ausland verlagern werden – ausgerechnet jetzt, wo Washington versucht, China im Rennen um Künstliche Intelligenz in Schach zu halten. Für die Magnificent Seven steht mehr auf dem Spiel als zusätzliche Kosten. Amazon, Microsoft, Meta, Apple und Google zählen auf ein Reservoir globaler Talente, das nun austrocknen könnte. Die parallele Einführung einer Gold Card für Millionäre, die mit einer Einmalzahlung von einer Million Dollar dauerhaftes Aufenthaltsrecht erhalten sollen, zeigt: Einwanderung wird an den Geldbeutel geknüpft. Ob das die Innovationskraft stärkt, darf bezweifelt werden.



