Funding Rate und Open Interest: Der schmale Grat zwischen Crash und Boom
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Funding Rate und Open Interest: Der schmale Grat zwischen Crash und Boom

Author

Simeon Koch

Je höher ein Wolkenkratzer ist, desto gefährlicher schwankt er bei einem Erdbeben. In einem hohen Stockwerk kann einem dabei schon bei leichten Erschütterungen schwindelig werden. Seit dem schweren Erdbeben 2011, das in Fukushima zur Kernkraft-Katastrophe führte und Uran für Jahrzehnte zum Buhmann unter den Industrierohstoffen machte, gibt es in Japan einen Begriff für dieses Phänomen: Schwankt ein Gebäude derart, dass den Menschen darin flau im Magen wird, spricht man dort von der sogenannten Jishin-yoi, also einer Erdbeben-Seekrankheit. Damit Wolkenkratzer aber nicht einstürzen, wenn sie im Ernstfall unter ihrer eigenen Masse leiden, gibt es ein paar architektonische Tricks: Die Materialien, die beim Bau verwendet werden, sind sehr flexibel, denn bei starker Belastung würden starre Gebilde einfach auseinanderbrechen. Durch die biegsamen Baustoffe sind Verformungen bei Erschütterung und das Seekrankheits-Risiko zwar größer, die Einsturzgefahr jedoch deutlich geringer. Am wichtigsten aber sind riesige Pendel im Inneren der größten Turmbauten der Welt, auch als Schwingungsdämpfer bezeichnet. Das größte seiner Art hängt in Form einer gigantischen Kugel mit einem Gewicht von 728 Tonnen an Stahlseilen im Inneren des Taipei 101, dem bis 2007 weltgrößten Wolkenkratzer. Im 2009 fertiggestellten Burj Khalifa in Dubai, dem aktuellen Rekordhalter in Sachen Höhe, hängen gleich elf solcher Pendel. Wird das Gebäude erschüttert, schlagen die Pendel in die Gegenrichtung aus, um das gesamte Konstrukt zu stabilisieren – und schützen es vor dem Kollaps.

Massenpanik und blinde Euphorie: ein ganz normaler Handelstag

Was aber hat das mit dem Finanzmarkt und allzu risikofreudigen Hebel-Tradern zu tun? Die Antwort lautet: Mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Wem bei heftigen Marktschwankungen schon mal flau im Magen wurde, dem dürfte diese Analogie bereits einleuchten. Aber der Reihe nach. Bevor man nachvollziehen kann, welche Erdbeben den Finanzmarkt durchziehen, muss man zunächst verstehen, wie diese Erdbeben entstehen. Das einfachste Prinzip an der Börse ist jenes der Emotion. Obgleich mittlerweile viele Handelsaktivitäten automatisiert und algorithmisch ablaufen, sind es doch Menschen, die hinter den jeweiligen Investments stehen. Und Menschen sind nie immun gegen Angst und Gier, die wichtigsten emotionalen Zustände der Spekulation. Angst und Gier sind mächtige Gefühle, die uns zu Kurzschlussreaktionen und Impulshandlungen verleiten. Treten sie in einem großen Kollektiv auf, können sie verheerend wirken, Massenpanik im plötzlichen Rückzug ist ebenso gefährlich wie die geballte Wucht einer großen Gruppe, die blind vor Euphorie vorwärts stürmt. Kaufen Marktteilnehmer aus Angst, massive Gewinne zu verpassen, steigen die Kurse sprunghaft an, geschehen kaskadierende Verkäufe, weil die Furcht vor dem Totalverlust immer stärker wird, solang der Preis zurücksetzt, stürzt der Markt mit selbstverstärkender Dynamik. Hetzen Menschen- und Kapitalmassen von einem Extrem ins andere, gerät das Markt-Hochhaus gehörig ins Wanken. So weit, so klar für jeden, der etwas von Aktien versteht.

Ist der Markt durch exzessive Gier überhitzt, geschieht in der Regel ein sogenanntes Shake-Out, also ein bereinigendes Beben, bei dem Marktteilnehmer hinausbefördert werden, die entweder den Druck nicht aushalten oder aussteigen müssen. Der Markt wird regelrecht durchgeschüttelt und ächzt unter den Kräften, die an ihm zerren, wenn sich die tektonischen Platten des großen Kapitals verschieben. Diese Kräfte sind umso stärker, je mehr Geld im Spiel ist: Je höher die plötzlich umgeschichtete Liquidität im Wolkenkratzer des Finanzmarktes ist und je plötzlicher diese Umschichtung passiert, desto gefährlicher wankt das gesamte Konstrukt. Das Problem dabei ist nun, dass dieser Wolkenkratzer mit mehr Geld überladen werden kann als den einzelnen Marktteilnehmern überhaupt zur Verfügung steht. Und das funktioniert durch das sogenannte Hebel-Trading. Stark vereinfacht lässt sich Hebel-Trading folgendermaßen erklären: Will man stärker am Finanzmarkt partizipieren, als das mit dem eigenen Kapital möglich ist, kann man sich zusätzliche Liquidität von einer Börse leihen. Bei einer Long-Position, also einer Wette auf steigende Preise, kauft man Aktien mit dem zusätzlichen Fremdkapital und hofft darauf, das Papier nach einem Preisanstieg im Profit verkaufen zu können. Stehen einem Marktteilnehmer 100€ zur Verfügung und er kauft eine Aktie zu diesem Preis, kann er nach einem Anstieg um 20 Prozent auf einen Kurswert von 120€ insgesamt 20€ Gewinn realisieren, ohne für unsere Rechnung jetzt Steuern zu berücksichtigen. Handelt derselbe Marktteilnehmer allerdings mit einem zehnfachen Hebel, setzt er statt der ursprünglichen 100€ nun 1000€ ein, wobei der Differenzbetrag von der Börse ausgelegt wird.

Short- und Long-Squeeze: Erdbeben in Finanzmarkt

Steigt der Kurs bei einem zehnfachen Hebel um 20 Prozent, erwirtschaftet der glückliche Händler logischerweise ganze 200 Prozent. Denn nun handelt er mit 1000€ und kann sich zehn Aktien zu je 100€ kaufen. Steigen alle zehn Aktien um jeweils 20 Prozent auf 120€, kann pro Anteilsschein ein Gewinn von 20€, also insgesamt ein Profit in Höhe von 200€ realisiert werden. Gemeinsam mit dem initialen Einsatz von 100€ hat sich das Portfolio damit auf 300€ verdreifacht, mathematisch gesprochen: ein Gewinn von 200 Prozent. Hebel-Trading ist also eine Möglichkeit, den eigenen Einsatz zu steigern, im Fachjargon bezeichnet man das auch als Exposure (das Ausmaß, in dem man den Marktschwankungen ausgesetzt oder eben exponiert ist). Hebel-Trading ermöglicht es aber auch, von fallenden Kursen zu profitieren, das funktioniert dann genau umgekehrt: Man verkauft Aktien zum aktuellen Kurswert und hofft, dass man sie nach einer Korrektur günstiger zurückkaufen kann – allerdings erneut mit fremdem Kapital, um die eigene Position hochzuskalieren. In unserem Beispiel würde sich ein Händler zehn Aktien zu je 100€ Euro Kurswert von der Börse leihen und umgehend verkaufen. Natürlich muss er der Börse ihre Aktien aber zurückgeben, hofft aber darauf, sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder günstiger einkaufen zu können. Fällt der Preis um 20 Prozent oder 20€ Nominalwert, kann der Händler alle zehn Aktien für 80€ pro Stück wieder zurückkaufen und an die Börse retournieren. Die 200€ Überschuss darf er behalten – eine solche Wette auf fallende Kurse, auch als Short-Position bezeichnet, ist also das genaue Gegenteil einer Long-Position.

Dieses Prinzip funktioniert nur so lange, wie die Kurse sich auch entsprechend der abgeschlossenen Wetten bewegen. Wenn unser Händler eine zehnfach gehebelte Long-Position auf seine zehn Aktien zu je 100€ eröffnet und der Preis je Anteilsschein fällt um zehn Prozent auf einen Nominalwert von 90€, dann macht er pro Aktie 10€ Verlust, insgesamt also 100€. Damit ist sein Investment aber schon aufgebraucht, jeder weitere Verlust müsste die Börse tragen. Und dagegen muss sich die Börse natürlich absichern, sie kann nicht einfach jedem beliebigen Händler erlauben, ihr Geld zu verspielen. Deshalb wird für jede eröffnete Hebel-Position ein Preisbereich festgelegt, in dem eine Position liquidiert, also abgestoßen wird, bevor die Börse Verluste schreibt. Im Falle unseres Händlers läge dieser Liquidierungspreis wohl bei 90€ pro Aktie (ungeachtet allfälliger Gebühren): Die eigenen Rücklagen in Höhe von 100€ sind aufgebraucht, also wird die Position geschlossen, der Händler erleidet einen Totalverlust. Bevor es so weit kommt, rufen Börsen ihre Händler häufig dazu auf, Kapital nachzuschießen, um die Position aufrecht zu erhalten – ein sogenannter Margin Call. Natürlich kann Totalverlusten in der Praxis durch einen höher gesetzten Stop-Loss entgegenwirken, also einen Triggerpunkt, an dem die Position geschlossen wird, bevor das gesamte eigene Investment verloren geht. Der Händler aus unserem Beispiel könnte diesen Stop-Loss auf 95€ Aktienkurs setzen, sein maximaler Verlust wäre bei zehn Aktien dann 50€, also 50 Prozent seines Initialinvestments. Bei einer Short-Position funktioniert das wieder genau umgekehrt, hier darf der Preis nur bis zu einem gewissen Punkt steigen, bis der Händler liquidiert wird. Bei starken Preisbewegungen werden also alle aus dem Markt geschüttelt, die zu risikoreich auf die entgegengesetzte Richtung gewettet hatten – der Shake-Out ist perfekt.

Warum Hebel-Trading gefährlich ist – und wie die Funding Rate stabilisiert

Problematisch sind diese Hebelpositionen nun für den Wolkenkratzer des Finanzmarkts, der mit mehr Geld überladen wird, als seinen Teilnehmern eigentlich zur Verfügung steht. Dadurch werden die metaphorischen Beben stärker – die Volatilität nimmt zu. Fällt der Kurs deutlich, werden mit jedem Rücksetzer weitere Long-Positionen liquidiert, weil nicht jede Position denselben Stop-Bereich besitzt. Um zu verhindern, dass die Börse mit ihnen Verluste schreibt, sind die Long-Händler gezwungen, ihre Positionen abzustoßen. Der Kurs fällt weiter, neue Long-Positionen werden liquidiert und die Abwärtskaskade rollt immer schneller. Dabei spricht man auch von einem Long-Squeeze, die Wetten auf steigende Kurse werden quasi ausgepresst. Genauso verläuft ein Short-Squeeze, nur eben in die andere Richtung: Der Kurs steigt, Händler müssen die Aktien der Börse wohl oder übel teurer zurückkaufen und der Kurs steigt weiter. Gebrochen werden diese Spiralen nur, wenn in die entgegengesetzte Richtung gehandelt wird. Im Falle eines Short-Squeezes muss irgendwann wieder verkauft werden, um den Aufwärtstrend des Kurses zu verlangsamen. Das kann passieren, wenn Long-Positionen im Profit geschlossen werden, die erfolgreichen Long-Händler stoßen ihre Anteile ab, zahlen das geliehene Geld an die Börse zurück und behalten den Profit. Genauso läuft es bei einem Long-Squeeze: Der Kurs fällt und irgendwann realisieren genug Short-Positionen ihre Profite, indem sie die geliehenen Aktien zurückkaufen, um den Kurs wieder zu konsolidieren. Gibt es kein Gegengewicht, laufen die Kaskaden einfach weiter, deshalb ist eine Balance zwischen Long und Short so wichtig. Alle Handelspositionen auf dem Future- und Optionsmarkt kumuliert werden übrigens als Open Interest bezeichnet.

Damit der Markt nicht aus der Balance gerät, haben sich Börsen die sogenannte Funding-Rate einfallen lassen. Sie beschreibt die Differenz zwischen allen Long- und Short-Positionen. Ist die Funding-Rate positiv, überwiegen die Long-Positionen, ist sie negativ, sind die Shorts in der Überzahl. Schlägt die Funding-Rate in eine Richtung aus, wird der Markt gerne als überhebelt bezeichnet, durch einen möglichen Squeeze wird eine starke Bewegung entgegen den überwiegenden Wetten wahrscheinlicher. Wir erinnern uns: Wetten zu viele Marktteilnehmer auf steigende Kurse und die Aktie fällt, müssen plötzlich alle Long-Händler verkaufen, der Markt kaskadiert entgegen ihrer Wette nach unten. Gerät die Funding-Rate aus der Balance, greift ein Anreiz-Mechanismus, der das Gleichgewicht wieder herstellen soll: Überwiegt die Wette auf steigende Kurse, wird es aufgrund steigender Gebühren teurer, eine neue Long-Position zu eröffnen, während Short-Positionen günstiger und damit lukrativer werden. Umgangssprachlich sagt man: Ist die Funding-Rate positiv, zahlen die Longs an die Shorts. Ist sie negativ, funktioniert der Mechanismus andersherum. Beim Erdbeben durch Squeezes, ob nun auf der Long- oder der Short-Seite, sorgt die Funding Rate gemeinsam mit den entsprechenden Gebühren dafür, dass der Wolkenkratzer des Finanzmarkts bei schweren Beben nicht einstürzt – auch, wenn er stark überhebelt ist. Sie funktioniert also ähnlich wie die tonnenschweren Pendel im Taipei 101 oder dem Burj Khalifa, die sich entgegen der aktuellen Auslenkung des Hochhauses bewegen, um das Gleichgewicht zu wahren.

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Simeon Koch

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