Das Wichtigste in Kürze
Nach dem Schuldspruch in 114 von 115 Punkten droht Manchester City eine drakonische Strafe, mit Folgen weit über den Fußball hinaus.
Ein börsennotierter Rivale könnte gleich doppelt profitieren, sportlich und finanziell.
Ein deutscher Konzern und Unternehmen aus Asien bangen um millionenschwere Verträge.
Der englische Premier-League-Klub Manchester City wurde schuldig gesprochen. Eine unabhängige Kommission hat den Serienmeister in 114 von 115 Anklagepunkten wegen Verstößen gegen die Finanzregeln der Liga verurteilt. Liga-Chef Richard Masters spricht vom bedeutendsten Disziplinarfall in der Geschichte der Premier League.
Noch ist die Strafe nicht verkündet, und City hat Berufung eingelegt. Doch im Raum steht eine Sanktion, wie es sie im Spitzenfußball noch nie gab. Für Fußballfans ist das vor allem ein emotionaler Skandal. Für Anleger stellt sich eine andere Frage: Wer profitiert davon und wer verliert? Denn an City hängen Sponsoren, Ausrüster und Liga-Konkurrenten, von denen einige an der Börse notiert sind.
Die Chronologie des Betrugs
Im Kern geht es um Geld aus Abu Dhabi, das als Sponsoring getarnt über eine Dekade hinweg einen unfairen Wettbewerb ermöglicht haben soll. Laut der Kommission hat City zwischen 2009 und 2018 mit Scheinverträgen die eigenen Einnahmen künstlich erhöht und Kosten gedrückt, insgesamt um mehr als 900 Mio. Pfund. So wollte der Klub die Finanzregeln der Liga einhalten, obwohl das Geld tatsächlich von den Eigentümern kam. Die Folgen reichen bis heute: In diesen Jahren entstand das Fundament aus Stars, Strukturen und Titeln, auf dem Citys Dominanz bis in die Gegenwart aufbaut.
Seit 2008 gehört City der Abu Dhabi United Group von Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan, dem Vizepremier der Vereinigten Arabischen Emirate. In den Fokus gerieten vor allem die Verträge mit Etihad Airways und dem Telekommunikationskonzern Etisalat, beide aus Abu Dhabi. Ins Rollen kam der Fall 2018 durch die Enthüllungen von Football Leaks im Spiegel, hinter denen der portugiesische Whistleblower Rui Pinto steht.
Die Anklage umfasst fünf Bereiche:
54 Punkte wegen falscher Finanzangaben (2009/10 bis 2017/18)
14 Punkte wegen falscher Angaben zu Gehältern von Spielern und Trainern
5 Punkte wegen Verstößen gegen das Financial Fair Play der UEFA
7 Punkte wegen Verstößen gegen die Profit- und Nachhaltigkeitsregeln der Liga
35 Punkte wegen mangelnder Kooperation mit den Ermittlern

Mit der Übernahme 2008 explodierten Citys Transferausgaben, finanziert in den Jahren, die nun im Zentrum der Vorwürfe stehen.
Ein prominentes Beispiel: Roberto Mancini
Als City 2009 Roberto Mancini als Trainer verpflichtete, bekam der heutige italienische Nationaltrainer laut Football Leaks gleich zwei Verträge. Beim Klub selbst verdiente er rund 1.7 Mio. Euro netto im Jahr. Zusätzlich erhielt er rund 2 Mio. Euro als Berater von Al Jazira, einem Klub aus Abu Dhabi, der ebenfalls Scheich Mansour gehört. Der Arbeitsaufwand dafür: angeblich vier Tage im Jahr. Mancini sagte kürzlich, die Angelegenheit betreffe ihn nicht.
City bestreitet alle Vorwürfe und spricht von unwiderlegbaren Beweisen für die eigene Unschuld. Auch Etihad weist jede Beteiligung an unsauberen Geschäften zurück und prüft rechtliche Schritte gegen die Premier League.
Zweimal davongekommen
City stand nicht zum ersten Mal am Pranger. Schon 2014 ermittelte die UEFA wegen überhöhter Sponsorenverträge. Am Ende stand ein Vergleich: 60 Mio. Euro Strafe, von denen City 40 Mio. zurückbekommen sollte, wenn der Klub die Auflagen einhält.
Wie dieser Vergleich zustande kam, wurde erst Jahre später bekannt. Laut den Football-Leaks-Dokumenten verhandelte Gianni Infantino, damals UEFA-Generalsekretär und heute FIFA-Präsident, direkt mit der City-Führung und umging dabei das zuständige Kontrollgremium. Infantino weist jedes Fehlverhalten zurück: Es sei seine Aufgabe gewesen, Lösungen zu finden, statt Klubs aus dem Wettbewerb zu werfen.
Der zweite Anlauf folgte 2020. Die UEFA sperrte City für zwei Jahre von allen europäischen Wettbewerben und verhängte 30 Mio. Euro Strafe. Doch der Internationale Sportgerichtshof CAS kippte die Sperre. Die meisten Vorwürfe seien nicht bewiesen oder durch die Verzögerungstaktik von Infantino mittlerweile verjährt, denn die UEFA-Regeln sehen eine Frist von nur fünf Jahren vor. Übrig blieben 10 Mio. Euro Strafe, weil City die Ermittlungen behindert hatte.
Warum es diesmal anders ist
Die Premier League kennt keine Verjährung. Der Trick, mit dem City 2020 einer Sperre entging, funktioniert diesmal nicht. Alle Vorwürfe ab der Saison 2009/10 kamen auf den Tisch, und die Kommission bestätigte fast alle.
Das Urteil fällt nicht die Premier League selbst, sondern die unabhängige Kommission aus drei Mitgliedern. Laut David Kogan, Chef der neuen unabhängigen Fußballaufsicht, sind das pensionierte Richter oder Juristen. Ausgewählt hat sie Murray Rosen, der Vorsitzende des Rechtsgremiums der Premier League. Wer genau in der Kommission sitzt, ist aus Compliance-Gründen nicht öffentlich bekannt. Über die Berufung entscheidet ein neues Gremium mit anderen Mitgliedern.
Damit ist der Fall so groß wie nie. Anfang Oktober hat City Berufung eingelegt, eine Entscheidung darüber wird kaum vor Ende Januar erwartet. Die Premier League drängt deshalb darauf, die Strafe schon vorher zu verkünden.

Wären die vielen Titel der vergangenen Jahre auch ohne das finanzielle Fundament von damals möglich gewesen? (Bildquelle: Shutterstock)
Welche Strafe droht?
Am wahrscheinlichsten ist ein Doppelabstieg. Das berichtet Oliver Holt in der Daily Mail unter Berufung auf Insider. Demnach soll City so viele Punkte verlieren, dass der Abstieg in die Championship sicher ist. Dazu kommen eine Rekord-Geldstrafe und womöglich ein zweiter Punktabzug in der zweiten Liga, der den direkten Wiederaufstieg verhindert.
Wie viele Punkte das wären, ist offen. Englische Medien nennen Spannen von 50 bis 80 Punkten, Sport-Insider halten bis zu 100 für möglich. Auch der Entzug der Eigentümerlizenz und die Aberkennung von Titeln stehen im Raum. Ein Absturz bis in die vierte Liga gilt dagegen als unwahrscheinlich.
Teuer könnte es zusätzlich durch Schadensersatz werden. Wie das aussehen kann, zeigte der FC Everton: Der Klub wurde dazu verurteilt, dem FC Burnley 35 Mio. Pfund zu zahlen, weil ein Verstoß gegen die Finanzregeln den Konkurrenten 2022 den Klassenerhalt gekostet haben soll. Arsenal, Liverpool, Tottenham und Manchester United haben sich ähnliche Ansprüche gegen City bereits vorbehalten.
Sportlich wirkt die Lage absurd: City steht nach sieben Siegen in sieben Spielen an der Tabellenspitze. Fußball-Kommentator Mark Goldbridge sieht darin eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit der gesamten Liga. Er rechnet vor, dass ein Doppelabstieg den Klub rund dreieinhalb Spielzeiten aus der Premier League verbannen würde.
Das hätte Folgen, die weit über die Tabelle hinausgehen. Stars wie Erling Haaland, Rayan Cherki oder Jérémy Doku würden kaum in der Championship spielen. Ohne Topspieler, Champions-League-Gelder und TV-Einnahmen der Premier League bricht ein großer Teil des Geschäftsmodells weg. Goldbridge erwartet Auswirkungen auf den Klub über fünf bis zehn Jahre.
Eine Frage der Gerechtigkeit
Viele City-Fans sagen trotzig, die Erinnerungen an zwei erfolgreiche Jahrzehnte könne ihnen niemand nehmen. Doch Fußball ist emotional, und das gilt auch für die andere Seite. Klubs wie Manchester United und Liverpool standen in dieser Zeit mehrfach knapp hinter City. 2012 verlor United den Titel nur wegen der schlechteren Tordifferenz, 2014 fehlten Liverpool zwei Punkte.
Der Schaden reicht weit über einzelne Titel hinaus. Jeder Champions-League-Platz, den City über Jahre belegte, fehlte einem Konkurrenten, samt Prämien, Sponsoren und Anziehungskraft auf Spieler. Dieser Zinseszinseffekt lässt sich kaum beziffern.
Deutliche Worte fand Mauricio Pochettino, der Tottenham von 2014 bis 2019 trainierte und heute Nationaltrainer der USA ist. Sollten die Vorwürfe stimmen, habe die Liga „eine Zeit der Täuschung“ erlebt. Viele Klubs hätten sich an die Regeln gehalten, andere nicht, und keine Strafe könne die Zeit zurückdrehen. Pochettino fragte zudem, wo die Kontrollen gewesen seien, während Tottenham unter strengen finanziellen Vorgaben arbeiten musste.
Ganz anders klingt Pep Guardiola, der City bis Mai 2026 zehn Jahre lang trainierte und heute als globaler Botschafter der City Football Group auftritt. Nach dem Urteil stellte er sich demonstrativ hinter Klub, Eigentümer und Fans: Er sei „mehr denn je“ für sie da, gemeinsam werde man das durchstehen. Zu den Vorwürfen selbst äußerte er sich nicht. Dabei hatte er früher angedeutet, den Klub zu verlassen, sollte sich herausstellen, dass man ihn belogen habe.
Auch der Transfermarkt hat sich verändert. City kaufte Talente in ganz Europa, aus der Bundesliga etwa Kevin De Bruyne aus Wolfsburg und Leroy Sané von Schalke. Klubs wie Bayern München, Real Madrid oder Barcelona mussten mithalten und immer höhere Ablösen zahlen. Dass Summen um die 100 Mio. Euro heute normal wirken, hat viele Ursachen, darunter steigende TV-Gelder und andere Investoren wie Katar bei PSG. Doch Kritiker sehen in Klubs, bei denen Geld keine Rolle spielt, einen wichtigen Treiber. Entsprechend groß ist der Ärger bei Fans anderer Vereine, die über Jahre zurückstecken mussten.
Was das für Anleger bedeutet
Manchester City selbst ist nicht börsennotiert, der Klub gehört zu rund 81 Prozent Scheich Mansour und zu rund 18 Prozent dem US-Investor Silver Lake. Trotzdem reicht der Fall bis an die Börsen in New York, Frankfurt, Hongkong, Seoul und Abu Dhabi.
Manchester United
Die MANU-Aktie notierte am 20. Oktober bei rund 21 US-Dollar, etwa 14 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch, seit Jahresbeginn aber deutlich im Plus. Für United spricht: Ein Konkurrent um Titel und Champions-League-Plätze fiele weg, und laut The Athletic prüft der Klub bereits Schadensersatzansprüche. Dazu kommt das geplante 2-Mrd.-Pfund-Stadion. Verliert City an Gewicht, dürften sich Politik, Investoren und Sponsoren in Manchester stärker auf Uniteds Projekt konzentrieren, während offen ist, was aus Citys Investitionen von über 700 Mio. Pfund im Osten der Stadt wird. Eingepreist hat die Börse davon bisher wenig.

Zuletzt sorgte der Einstieg von Jim Ratcliffe 2023 für hohes Handelsvolumen. Wird der Fall von City zum nächsten Kurstreiber der MANU-Aktie?
Puma und ANTA Sports
Pumas Ausrüstervertrag mit City läuft bis 2035 und ist mit bis zu 100 Mio. Pfund pro Jahr der größte der Premier-League-Geschichte. Ein Zweitligist ist als Werbefläche deutlich weniger wert. Die Aktie schloss am 19. Oktober bei 24.57 Euro, rund 20 Prozent unter dem Jahreshoch, war aber schon vor dem Urteil schwach; am 30. Oktober folgen die Quartalszahlen. Spannend ist der Bezug nach Asien: Der chinesische Konzern ANTA Sports, notiert in Hongkong, hält seit Anfang Oktober rund 29 Prozent an Puma und trägt das City-Risiko damit indirekt mit.
Asien und Nahost: Nexen Tire, BYD und e&
City setzt seit Jahren auf Asien als Wachstumsmarkt. Der südkoreanische Reifenhersteller Nexen Tire ist seit 2015 Partner des Klubs. Nachdem Nissan sein Sponsoring Ende 2025 beendet hatte, wurde der chinesische Elektroautobauer BYD, notiert in Hongkong und Shenzhen, neuer Mobilitätspartner. Für beide wären die Folgen überschaubar, sie zeigen aber, wie weit Citys Werbeverträge reichen. In Abu Dhabi notiert e&, früher Etisalat, dessen Sponsorenverträge Teil der Vorwürfe sind; hier geht es eher um das Image als um den Kurs. Hauptsponsor Etihad ist dagegen nicht börsennotiert.
City Football Group
City ist das Flaggschiff eines Netzwerks von rund zehn Klubs, darunter Girona, Palermo, Bahia und New York City FC. Die Gruppe hat sich zuletzt bereits aus Mumbai und Yokohama zurückgezogen. Fallen bei City die Einnahmen weg, könnten weitere Verkäufe folgen, und die Debatte über Multi-Klub-Modelle dürfte neu aufflammen.
Ausblick: BVB und Juventus
Wie stark Finanzskandale Fußballaktien treffen, zeigte Juventus Turin: 2022 trat der Vorstand geschlossen zurück, später verlor der Klub zehn Punkte. Für Borussia Dortmund, die einzige börsennotierte Bundesliga-Aktie, gibt es keinen direkten Bezug zu City. Strengere Finanzregeln in Europa würden Klubs mit solidem Geschäftsmodell wie dem BVB aber eher nützen. Sollte die MANU-Aktie vom Fall City profitieren, könnte das zudem den Blick der Anleger auf die gesamte Branche lenken. Neben dem BVB und Juventus sind in Europa etwa auch Ajax Amsterdam, Celtic Glasgow, Benfica Lissabon und Lazio Rom an der Börse notiert.
Fazit: Gewinner und Verlierer stehen noch nicht fest
Der Fall City wird die Premier League noch Monate, wenn nicht Jahre beschäftigen. Kurzfristig wirkt Manchester United wie der klare Gewinner, Puma wie der klarste Verlierer an der Börse. Doch solange die Berufung läuft, preist der Markt nur Wahrscheinlichkeiten ein. Die eigentliche Bewegung dürfte erst kommen, wenn die Strafe rechtskräftig ist und die ersten Schadensersatzklagen auf dem Tisch liegen.
Bei all der Rivalität bleibt für Sportfans auf der ganzen Welt ein Wermutstropfen: Steigt City ab, verschwindet mit dem Manchester-Derby eines der größten Spiele des Weltfußballs für Jahre aus der Premier League. Dafür hält die Gerechtigkeit wieder Einzug, ein Preis, den die Premier League zu zahlen bereit ist.
Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar.
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