Es war der 31. Oktober des Jahres 1793, als Pierre Vergniaud im Zentrum von Paris auf das Podest vor der Guillotine stieg. In diesem Moment soll er ein Fläschchen Gift in der Manteltasche gehabt haben, um sich seiner Enthauptung durch Selbstmord zu entziehen. Er machte davon aber keinen Gebrauch. Was dem Rechtsanwalt und Anführer der französischen Revolutionsregierung an diesem Spätherbsttag durch den Kopf gegangen ist, lässt sich nicht rekonstruieren. Glaubt man den historischen Aufzeichnungen, blickte Vergniaud dem nahenden Tod ohne ein Zeichen der Angst ins Auge. Wenige Wochen zuvor war er noch ein gefeierter Held der Revolution gewesen. Doch das Schicksal wendete sich schnell.
Innerhalb einer Dreiviertelstunde wurden an diesem 31. Oktober mehr als 20 Abgeordnete der neuen Republik mit dem Fallbeil enthauptet. Vergniaud war als Letzter dran und sah seine Amtskollegen sterben. Vier Wochen zuvor hatten Putschisten unter dem nun eingesetzten Staatsführer Robespierre das Parlament gestürmt, die Abgeordneten festgenommen und nach wochenlanger Haft zum Tode verurteilt. Die Französische Revolution, von der wir heute im Geschichtsunterricht hören, war da gerade vier Jahre her – und schon rollten die nächsten Köpfe. Als Vergniaud ans Schafott trat, blickte er in die Augen Hunderter Franzosen, die ihm eben noch zugejubelt hatten und sprach die berühmten Worte: „Am Ende frisst die Revolution ihre eigenen Kinder!“
Hat China gerade die KI-Branche in den USA zerstört?
Natürlich hat der heutige 27. Januar des Jahres 2025 nicht annähernd dieselbe geschichtliche Tragweite wie Vergniauds Todestag. Und doch fühlt es sich ein bisschen historisch an, was seit dem Wochenende den gesamten westlichen Finanzmarkt erschüttert. Vor wenigen Stunden trat die neue chinesische KI DeepSeek das erste Mal so richtig in Erscheinung. Innerhalb kürzester Zeit überholte DeepSeek den bisherigen Marktführer ChatGPT aus dem Hause OpenAI an der Spitze der Appstores. Der Grund dafür: DeepSeek scheint nicht nur in vielen Bereichen besser zu sein als westliche KI-Modelle, sondern ist auch noch deutlich günstiger. Im Aktienmarkt kam sofort Panik auf: Was, wenn US-KI nicht mehr wettbewerbsfähig ist? Heftige Abverkäufe bei Nvidia, Microsoft und Co. waren die Folge.
Wie aus dem Nichts überflügelte DeepSeek den Marktführer ChatGPT von OpenAI an der Spitze internationaler AppStores.
Wie aus dem Nichts schien DeepSeek auf diesen Markt zu preschen und ohne Vorwarnung alle anderen KI-Modelle in den Schatten zu stellen. Laut den chinesischen Entwicklern arbeiteten gerade mal 200 Leute an der KI, investiert wurden angeblich nur gut sechs Millionen US-Dollar. Trotzdem schneidet DeepSeek in vielen Belangen schon jetzt besser ab als ChatGPT. Bisher war OpenAIs Modelle unangefochtener Brancheführer in den wichtigsten Disziplinen wie Mathematik, Allgemeinwissen oder Informatik. Nun aber scheint sich das Blatt zu wenden. Plötzlich wirken die großen KI-Pioniere des Westens im Vergleich höchst ineffizient, ihre Modelle beinahe obsolet.
Die großen KI-Titel des Tech-Sektors eröffneten den Handel am Montag deutlich im Minus. Der S&P500 verlor rund eine Billion Dollar Marktkapitalisierung.
Die KI-Revolution hat mit China nicht nur einen neuen Hauptschauplatz, sondern gleich auch einen neuen Vorreiter bekommen. Während OpenAI über die letzten zehn Jahre an ChatGPT gearbeitet hat, dafür mehrere tausend Angestellte und Dutzende Milliarden Dollar von Microsoft und Co. brauchte, entstand DeepSeek innerhalb weniger Monate. Zusammengeschraubt von einer Handvoll chinesischer Spezialisten, die (laut eigenen Angaben) einen kleinen Bruchteil von OpenAIs Kapital zur Verfügung hatten. Zudem ist DeepSeek im Betrieb rund 96 Prozent günstiger als ChatGPT. Und das Wichtigste kommt erst noch: DeepSeek soll mithilfe einfachster Hardware trainierbar sein.
Entsprechendes Aufsehen erregte DeepSeek nach Bekanntwerden der Testreihe mit ChatGPT. Marc Andreessen vom bekannten Wagniskapitalgeber Andreessen Horowitz (a16z) bezeichnete DeepSeeks Auftrumpfen in Anlehnung an die überraschend erfolgreiche russische Satelliten-Mission 1957 als "Sputnik-Moment der KI". Damals hatte Russland seinen Sputnik-Satelliten ins All gebracht und den Westen damit vollkommen unerwartet überholt. Ähnliches könnte nun mit China passieren, erklärte der ehemalige Google-CEO Eric Schmidt im US-Fernsehen: "Jahrelang dachten wir in den USA, wir wären China in Sachen KI weit voraus. In den letzten sechs Monaten hat China aber in einer Art und Weise aufgeholt, die wahrlich bemerkenswert ist."
Nicht nur scheint DeepSeek den westlichen KI-Giganten mit seinen Fähigkeiten und unvergleichlicher Preis-Leistung den Rang abzulaufen. Auch drohen teure KI-Hardware und hochleistungsstarke Mikrochips plötzlich überflüssig zu werden. Wer soll mehrere zehntausend Dollar für Halbleiter-Einheiten von Nvidia ausgeben, wenn neue KI-Modelle aus China mit einfachen Grafikkarten aus Gaming-PCs betrieben werden können? Auf den ersten Blick sieht das aus wie das nächste große Kapitel einer Revolution, deren bisherige Pioniere und gleichzeitig Haupt-Profiteure plötzlich ins Wanken geraten. Microsoft, Meta und Google wähnten sich fest im KI-Sattel – bis DeepSeek auftauchte. Kommt es nun wie damals bei Vergniaud?
Frisst die KI-Revolution ihre eigenen Kinder?
Blickt man heute auf den Aktienmarkt, könnte man zu dieser Überzeugung kommen. Schon vor Handelsöffnung in den Vereinigten Staaten verlor etwa Nvidia zwischenzeitlich gut zehn Prozent an Kurswert und damit mehr als 400 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung. Das entspricht dem größten absoluten Tagesverlust einer einzelnen Aktie in der Börsengeschichte. Der Tech-Index Nasdaq verlor im vorbörslichen Handel alarmierende 1000 Punkte und steht damit kurz vor seinem schlechtesten Handelstag seit 2022. Besonders besorgniserregend ist, dass die Aktien-Euphorie der letzten Monate vor allem vom Tech-Sektor getragen wurde. Hier wiederum sorgten große KI-Versprechen für Goldgräberstimmung. Was, wenn das jetzt alles wie ein Kartenhaus zusammenfällt?
Bei all der DeepSeek-Panik muss eine Sache festgehalten werden: So überrascht der breite Aktienmarkt auch war, als DeepSeek unvermittelt die globale KI-Bühne betrat – so erwartbar war diese Entwicklung für die großen Tech-Konzerne. Schon im November 2023 brachte DeepSeek sein erstes leistungsstarkes Modell auf den Markt, die aktuellste Version erschien bereits im Dezember. So neu ist die vermeintliche KI-Disruption also gar nicht, die Öffentlichkeit ist nur eben jetzt erst darauf aufmerksam geworden. Auslöser war, dass DeepSeek im bereits erwähnten unabhängigen Test so stark gegenüber ChatGPT abgeschnitten hat. Die entscheidende Nachricht war also eigentlich gar nicht DeepSeeks neues Modell, sondern eher der erfolgreiche Vergleich mit ChatGPT.
DeepSeek hat bei hoher Leistung (vertikale Achse) die günstigsten Betriebskosten (horizontale Achse). Das Modell kommt mit deutlich weniger Rechenleistung aus als die Konkurrenz.
Wichtig ist außerdem, dass DeepSeek in großem Umfang auf Nvidia-Chips setzt und damit nicht wirklich in Konkurrenz zu Nvidia steht. Außerdem beziehen sich die vom Unternehmen angegebenen Kosten von knapp sechs Millionen US-Dollar nur auf das Training von DeepSeek V3, also die jüngste Version des Chatbots. Dabei ist die Entwicklung selbst noch nicht eingerechnet, Quervergleiche zu OpenAI und Co. hinken also. Vor allem, weil die Entwickler von DeepSeek ganze 50 000 Nvidia-Chips an den Export-Beschränkungen nach China vorbei gekauft und für ihre Modelle verwendet haben sollen. Das zumindest vermutete der Geschäftsführer eines Konkurrenzunternehmens im US-Fernsehen. DeepSeek dürfte insgesamt zwar tatsächlich günstiger entwickelt worden sein als etwa ChatGPT, Metas Llama-Modell oder Googles Gemini – aber vielleicht eben doch nicht so viel günstiger wie die ersten Informationen seiner Entwickler implizieren.
Was passiert mit KI-Altcoins und Bitcoin?
Bisher sind die finanziellen Kennzahlen zu DeepSeek noch nicht unabhängig verifiziert. Die App des Chatbots hat in den letzten Stunden zwar massiv an Popularität gewonnen und ist bis auf den ersten Platz der Appstores in China und den USA vorgestoßen. Ob das aber eher am Hype oder tatsächlich an außergewöhnlichen Fähigkeiten liegt, muss außerhalb der standardisierten Testungen noch unter Beweis gestellt werden. Bis zum Bekanntwerden des überraschenden Vergleichs mit ChatGPT dümpelte DeepSeek wochenlang außerhalb der Top-100 durch die Untiefen der Appstores. Und wie fast immer überschätzt der Markt auch diesmal die kurzfristigen Folgen – und unterschätzt die langfristigen.
Montagabend brach DeepSeeks Website wegen eines Hacker-Angriffs zusammen. Fetch.ai kommentierte süffisant: "Zentralisierte KI-Probleme... kennen wir nicht."
Dass DeepSeek auf einen Schlag die ganze KI-Branche in den USA überflüssig macht, ist kaum zu erwarten – im Gegenteil. Der kurzzeitige Schock dürfte sich langfristig eher positiv auswirken. Schließlich belebt Konkurrenz das Geschäft und auch große KI-Giganten um Microsoft, Meta oder Google können sich – wenn es denn tatsächlich weit überlegen ist – eine Scheibe von DeepSeeks Open-Source-Protokoll abschneiden. Auch der plötzliche Abverkauf im Kryptomarkt dürfte weniger damit zu tun haben, dass Anleger das grundlegende Vertrauen in die Wettbewerbsfähigkeit von KI-Altcoins wie Render oder Fetch.ai nachhaltig verloren haben.
Vielmehr lastet der Abgabedruck der traditionellen Märkte besonders auf Risiko-Assets wie Kryptowährungen. Panik bei starken Preisrückgängen verbreitet sich über Sektor-Grenzen hinweg, ob sie gerechtfertigt ist oder nicht. Zweifellos wurde mit dem fulminanten DeepSeek-Debüt (das streng genommen gar keines war) ein neues Kapital der globalen KI-Revolution aufgeschlagen. Dass ebendiese Revolution jetzt aber ihre US-amerikanischen Kinder und frühen Pioniere frisst, ist kaum zu erwarten. Entsprechend übertrieben ist das aktuelle Aktien-Blutbad.
DeepSeek mag überraschend stark sein, eine bahnbrechende technologische Innovation ist das Modell aber nicht. Vielmehr könnte es seinen westlichen Konkurrenten bei der Frage auf die Sprünge helfen, wie man Ressourcen deutlich effizienter nutzen kann. Und in Sachen KI-Ressourcen bleiben die Vereinigten Staaten vorerst das Nonplusultra. Kurz vor Veröffentlichung dieses Artikels brach DeepSeek übrigens wegen zu hoher Benutzerzahlen temporär zusammen. Fetch.ai tweetete mit einem Augenzwinkern: „Probleme mit zentralisierter KI? Kennen wir nicht.“


Im Test schnitt DeepSeek (dunkelblau) teils besser ab als ChatGPT (dunkelgrau) in Mathematik (AIME/MATH), Programmieren (Codeforces/SWE) und Allgemeinwissen (GPQA/MMLU).
