Das Schweizer Taschenmesser der Börsen: Optionen einfach erklärt
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Das Schweizer Taschenmesser der Börsen: Optionen einfach erklärt

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Manuel Gottschalk

Das Wichtigste in Kürze:

Eine Option garantiert das Recht, einen Vermögenswert zu einem festgelegten Preis zu kaufen. Eine Kaufpflicht besteht für den Käufer jedoch nicht.

Optionen sind dem Wesen nach nicht zur Spekulation gedacht, sondern zur Absicherung.

Während Optionskäufer höchstens die Prämie ihrer Option verlieren können, tragen die Optionsverkäufer ein erheblich höheres Verlustrisiko.

Was ist eine Option? Die Grundlagen einfach erklärt

An der Börse gibt es Begriffe, bei denen viele Privatanleger schnell abschalten. Der Begriff „Optionen“ dürfte dazu gehören. Für die einen klingen sie nach komplizierter Finanzmathematik, für die anderen nach hochgefährlicher Spekulation, die einer gewissen Casino-Mentalität gleichkommt.

Im Kern und der Idee nach ist eine Option aber eines der genialsten und flexibelsten Werkzeuge, die der Kapitalmarkt zu bieten hat. Ursprünglich wurden Optionen nicht erfunden, um Zocker reich zu machen, sondern um Landwirte, Händler und Produzenten vor ruinösen Preisschwankungen ihrer Waren und Rohstoffe zu schützen.

1. Die Grundidee: Das Hauskauf-Beispiel

Um zu verstehen, was eine Option ist, vergessen wir für einen Moment Aktien, Börsenkurse und Formeln. Stellen Sie sich stattdessen folgendes Szenario vor:

Ein Investor entdeckt ein altes Baugrundstück in bester Lage für 100 000 Euro. Er ist davon überzeugt, dass dieser Baugrund in ein paar Monaten extrem wertvoll sein wird, weil gemunkelt wird, dass ganz in der Nähe ein neuer Bahnhof mit Einkaufszentrum gebaut werden soll. Allerdings hat er die 100 000 Euro gerade nicht flüssig, sondern erwarten das Geld erst in einem halben Jahr.

Er geht zum Eigentümer und macht ihm folgendes Angebot:

„Ich zahle dir heute 2000 Euro dafür, dass du mir das Grundstück für die nächsten sechs Monate reservierst. Du garantierst mir, dass ich es in diesem Zeitraum jederzeit für exakt 100 000 Euro kaufen darf – egal, was passiert. Dafür gehören dir die 2000 Euro hier und jetzt sofort, unabhängig davon, ob ich am Ende kaufe oder nicht.“

Der Eigentümer willigt ein und der Investor hat in diesem Moment eine Kaufoption erworben.

Was passiert nun in den folgenden sechs Monaten?

Szenario A (Der Volltreffer): Die Gerüchte stimmen. Der Bahnhof samt Einkaufszentrum wird gebaut und der Wert des Grundstücks schießt auf 150 000 Euro hoch. Sie nutzen Ihr vertragliches Recht und kaufen das Grundstück für die zugesicherten 100 000 Euro. Abzüglich Ihrer Reservierungsgebühr von 2000 Euro haben Sie einen Reingewinn von 48 000 Euro.

Szenario B (Der Flop): Statt eines Bahnhofs und eines Einkaufszentrums wird eine Mülldeponie direkt neben dem Grundstück angekündigt und der Marktwert bricht direkt auf 50 000 Euro ein. Was tun Sie? Sie verzichten einfach auf den Kauf! Niemand zwingt Sie dazu. Ihr einziger Verlust ist die Reservierungsgebühr von 2000 Euro, womit Sie Ihr Risiko perfekt gedeckelt haben.


Als Käufer von Optionen kann man jederzeit Risiken begrenzen, sofern entsprechende Optionen angeboten werden.


Die drei Grundregeln einer Option

Aus diesem Alltagsbeispiel lassen sich die drei Säulen einer jeden Finanzoption ableiten:

  1. Recht, aber keine Pflicht: Der Käufer einer Option erwirbt das Recht, etwas zu einem festgelegten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Er ist jedoch niemals dazu verpflichtet.
  2. Die Optionsprämie: Für diese Flexibilität zahlt der Käufer dem Verkäufer eine Gebühr – die sogenannte Prämie (im Beispiel die 2000 Euro).
  3. Das Ablaufdatum: Das Recht gilt nicht ewig, sondern ist an einen festen Zeitraum gebunden.

 

Calls und Puts: Die zwei Richtungen an der Börse

An den Börsen beziehen sich Optionen meistens auf Aktien, Indizes oder Rohstoffe. Es gibt grundsätzlich nur zwei Arten von Optionen: Calls und Puts.

Der Call (Die Kaufoption)

Ein Call gibt dem Käufer das Recht, eine Aktie zu einem vorher festgelegten Preis (dem Basispreis oder Strike genannt) zu kaufen.

Wann nutzt man ihn? Wenn man auf steigende Kurse setzt. Beispiel: Sie kaufen einen Call auf die NVIDIA-Aktie mit einem Basispreis von 100 Euro. Steigt die Aktie auf 150 Euro, dürfen Sie die Aktie trotzdem für 100 Euro kaufen.

 

Der Put (Die Verkaufsoption)

Ein Put gibt dem Käufer das Recht, eine Aktie zu einem vorher festgelegten Preis zu verkaufen.

Wann nutzt man ihn? Wenn man auf fallende Kurse setzt oder sein Depot absichern möchte. Beispiel: Sie besitzen eine Aktie, die aktuell bei 100 Euro steht. Sie kaufen einen Put mit einem Basispreis von 90 Euro. Fällt die Aktie im Zuge einer Wirtschaftskrise auf 40 Euro, garantiert Ihnen der Put, dass Sie die Aktie trotzdem für 90 Euro verkaufen können.

 

Die vier Rollen am Optionstisch

Weil es bei jedem Vertrag einen Käufer und einen Verkäufer braucht, ergeben sich an der Börse exakt vier Grundpositionen:


Das Geschäftsmodell von Optionsverkäufern ähnelt in einem Gewissen Sinne dem von Versicherungsgesellschaften, die darauf hoffen, dass ein Schadensfall nicht eintrifft.


Der Verkäufer (Stillhalter): Der Verkäufer einer Option agiert wie eine Versicherungsgesellschaft. Er kassiert die Prämie sofort und hofft, dass der Ernstfall (die Ausübung der Option) niemals eintritt.

Absicherung versus Spekulation

Warum nutzen Investoren Optionen überhaupt? Je nach Zielsetzung lassen sich Optionen auf zwei völlig unterschiedliche Arten einsetzen: als Versicherungsschein oder als Rennwagen.

1. Absicherung (Hedging): Die Kaskoversicherung fürs Depot

Stellen Sie sich vor, Sie besitzen ein Aktien-Depot im Wert von 100 000 Euro. Sie machen Urlaub und haben Sorge, dass während Ihrer Abwesenheit ein geopolitischer Konflikt die Märkte einbrechen lässt. Sie wollen Ihre Aktien aber nicht verkaufen, weil sonst Steuern anfallen und Sie langfristig an die Unternehmen glauben.

Die Lösung: Sie kaufen geeignete Put-Optionen auf Ihr Depot.

Fällt der Markt um 30 Prozent, verliert Ihr Aktiendepot zwar an Wert, aber der Wert Ihrer Put-Optionen steigt im selben Maße an. Der Gewinn aus der Option gleicht den Verlust im Aktiendepot nahezu aus. Steigt der Markt stattdessen weiter, verfallen die Put-Optionen einfach wertlos. Sie haben lediglich die Prämie – quasi Ihren Versicherungsbeitrag – eingebüßt.

2. Spekulation: Der Hebeleffekt

Auf der anderen Seite steht die reine Spekulation. Wenn eine Aktie 100 Euro kostet, müssen Sie 10 000 Euro aufwenden, um 100 Aktien zu kaufen. Steigt die Aktie um 10 Prozent auf 110 Euro, haben Sie 1000 Euro Gewinn gemacht – eine Rendite von 10 Prozent.

Statt der Aktie könnten Sie aber auch einen Call-Optionsschein kaufen, der Ihnen das Recht gibt, die Aktie für 100 Euro zu erwerben. Dieser Call kostet vielleicht nur 5 Euro pro Aktie (insgesamt 500 Euro Einsatz für 100 Optionen).

Steigt die Aktie nun auf 110 Euro, ist die Option plötzlich mindestens 10 Euro wert. Ihr Einsatz von 500 Euro hat sich auf 1000 Euro verdoppelt – ein Gewinn von 100 Prozent, obwohl die Aktie selbst nur um 10 Prozent gestiegen ist. Das ist die Magie (und die Gefahr) des Hebeleffekts.

 

Die heimlichen Treiber: Zeitwert und Volatilität

Wer mit Optionen arbeitet, stellt schnell fest, dass der Preis einer Option nicht nur vom Kurs der Aktie abhängt. Es gibt zwei unsichtbare Zahnräder, die den Optionspreis maßgeblich beeinflussen – und die man verstanden haben muss.

Der Faktor Zeit (Der schmelzende Eiswürfel)

Eine Option ist ein Gut mit Verfallsdatum. Je mehr Zeit bis zum Ablaufdatum verbleibt, desto höher ist die Chance, dass die Aktie noch eine große Bewegung macht. Deshalb enthält jede Option einen sogenannten Zeitwert.

Probiert man die Eiswürfel-Analogie: Eine Option liegt wie ein Eiswürfel in Ihrer Hand. Jeden Tag, den Sie die Option halten, schmilzt ein kleines Stück des Zeitwerts weg – selbst wenn sich der Aktienkurs überhaupt nicht bewegt. Kurz vor dem Ablaufdatum beschleunigt sich dieses Schmelzen drastisch.

Für Käufer von Optionen ist die Zeit der größte Feind. Für Verkäufer (Stillhalter) ist die Zeit der beste Freund, weil die verkaufte Option jeden Tag von alleine an Wert verliert.


Je näher das Ablaufdatum der Option heranrückt, desto stärker ist der Verfall des Optionswertes (Zeitwert).


Der Faktor Schwankung (Volatilität)

Stellen Sie sich vor, Sie wollen eine Sturmversicherung für Ihr Haus abschließen. Wenn schönes Wetter herrscht, ist die Versicherung günstig. Wenn die Wettervorhersage jedoch für die nächste Woche einen Hurrikan ankündigt, wird die Versicherungsgesellschaft die Prämien sofort massiv anheben.

Genauso funktionieren Optionen: Wenn an den Märkten Panik herrscht und die Kurse wild ausschlagen (hohe Volatilität), werden alle Optionen – sowohl Calls als auch Puts – schlagartig teurer. In ruhigen Marktphasen (niedrige Volatilität) sind sie günstig.

Warum Optionen so häufig missverstanden werden

Dass Optionen in der Öffentlichkeit oft einen schlechten Ruf genießen, liegt vor allem an drei weit verbreiteten Missverständnissen und Marktbesonderheiten.

Missverständnis 1: "Bank-Optionsscheine sind das Gleiche wie echte Optionen"

Das ist die größte Falle für Privatanleger im deutschsprachigen Raum. Was viele Banken und Neobroker als „Optionsscheine“ (Warrants) anbieten, sind keine echten Optionen.

Echte Optionen: Werden an transparenten Terminbörsen (wie der EUREX in Europa oder der CBOE in den USA) gehandelt. Die Spielregeln sind standardisiert, der Markt ist extrem liquide, und Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis fair.

Optionsscheine: Sind Zertifikate, die von einer einzelnen Bank herausgegeben werden. Die Bank macht selbst die Kurse und ist gleichzeitig Ihr Vertragspartner. Das führt häufig zu versteckten Kosten, ungünstigen Spreads (Spanne zwischen Kauf- und Verkaufspreis) und im schlimmsten Fall zum Emittentenrisiko (wenn die Bank pleitegeht).

 

Missverständnis 2: "Optionen sind reine Zockerei"

Zu sagen, Optionen seien gefährlich, ist in etwa so, als würde man sagen, dass ein Küchenmesser gefährlich sei. In den Händen eines Profikochs ist das Messer ein Präzisionswerkzeug; in den Händen eines Ungeübten kann es allerdings zu Verletzungen führen.

Wer Optionen zur Absicherung oder als Stillhalter (Verkäufer gedeckter Optionen) einsetzt, senkt das Gesamtrisiko seines Portfolios meist spürbar. Wer hingegen all sein Geld in hochgehebelte Kaufoptionen kurz vor dem Ablaufdatum steckt, betreibt letztlich bloße Zockerei. Nicht das Werkzeug ist gefährlich, sondern die Art der Anwendung.

 

Missverständnis 3: "Jeder Händler riskiert den Ruin"

Gegner von Derivaten verweisen oft darauf, dass man bei Optionen „unbegrenzt viel Geld verlieren kann“. Fachlich ist das jedoch nur die halbe Wahrheit:

Als Käufer einer Option (egal ob Call oder Put) ist Ihr Risiko vollkommen begrenzt. Sie können maximal die gezahlte Prämie (im obigen Beispiel die 2000 Euro für den Grundstückskauf) verlieren, aber keinen Cent mehr.

Als Verkäufer (Stillhalter): Hier muss man die zwei Risikoprofile auf der Verkäuferseite genau unterscheiden:

Der Options-Verkäufer eines Puts (Short Put): Er verpflichtet sich, eine Aktie zu einem Basispreis abzukaufen, z.B. für 50 Euro. Fällt das Unternehmen auf null Euro (z. B. bei einer Insolvenz), entsteht ein hoher, aber begrenzter Maximalverlust (der vereinbarte Basispreis minus die eingenommene Prämie), da der Options-Verkäufer in diesem Beispiel inzwischen wertlose Aktien für 50 Euro kaufen muss.

Der Verkäufer eines ungedeckten Calls (Nackter Short Call): Der Verkäufer besitzt die Aktien zum Zeitpunkt des Verkaufs gar nicht. Er verpflichtet sich beispielsweise, 10 000 Aktien zum Basispreis von 100 Euro zu liefern, weil er davon ausgeht, dass der Kurs am Ablaufdatum bei nur 80 Euro liegen wird und der Käufer die Option somit verfallen lässt. Da der Kurs einer Aktie nach oben jedoch theoretisch keine Grenze kennt, besteht hier ein unbegrenztes Risiko: Steigt die Aktie bis zum Ablaufdatum unerwartet auf 1000 Euro, wird die Option ausgeübt. Der Verkäufer muss nun die 10 000 Aktien zum aktuellen Marktwert von 10 000 000 Millionen Euro an der Börse einkaufen, erhält vom Käufer aber nur den vereinbarten Basispreis von 1 000 000 Millionen Euro. Das Ergebnis ist ein desaströser Netto-Verlust von 9 000 000 Millionen Euro – aus einem Trade, mit dem ursprünglich nur eine kleine Prämie verdient werden sollte.

Fazit: Das mächtigste Werkzeug richtig verstehen

Optionen sind das Schweizer Taschenmesser des Kapitalmarkts. Während man mit einfachen Aktien immer nur von steigenden Kursen profitieren kann, ermöglichen Optionen Strategien für jede erdenkliche Marktphase:

1.) Sie können Ihr Depot gegen Crashs absichern (Long Put).

2.) Sie können von stagnierenden Seitwärtsmärkten profitieren (Stillhalter-Strategien).

3.) Sie können mit kleinem Kapital überproportional an Chancen teilhaben (Long Call).

Der Weg zum erfolgreichen Umgang mit Optionen erfordert keine komplexen mathematischen Formeln, sondern vor allem Disziplin, ein klares Risikomanagement und das Verständnis für das Zusammenspiel von Zeit und Kursschwankung. Wer diese Grundlagen beherrscht, verwandelt ein vermeintliches Spekulationsinstrument in einen verlässlichen Baustein für den langfristigen Vermögensaufbau.

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Manuel Gottschalk

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