Der Tech-Gigant Microsoft, in den letzten Monaten phasenweise höchstbewertetes Börsenunternehmen der Welt, hat vergangenen Freitag bekannt gegeben, Opfer eines groß angelegten Hacker-Angriffs geworden zu sein. In einer offiziellen Stellungnahme gab das Unternehmen an, dass ein bekanntes russisches Hacker-Kollektiv über ein Testkonto Zugriff erhalten habe „auf einen sehr kleinen Prozentsatz von Microsoft-Unternehmens-E-Mail-Konten“ – darunter seien auch „die Konten von Mitgliedern unseres Führungsteams und von Mitarbeitern in den Bereichen Cybersicherheit, Recht und anderen Funktionen“. Außerdem hätten die Angreifer einige Nachrichten und Dokumente hinausgeschleust. Vorrangiges Ziel der Hacker-Gruppe sei gewesen, Informationen über sich selbst ausfindig zu machen.
Staatlich finanzierte Hacker verdächtigt
Im Verdacht steht laut Microsoft-Angaben eine russische Gruppe, die als Midgnight Blizzard bekannt ist, in der Vergangenheit aber auch schon als Nobelium in Erscheinung getreten ist. Das Kollektiv soll staatlich gesponsert sein, Verbindungen zum russischen Geheimdienst haben und 2016 das amerikanische Democratic National Committee, das zentrale Gremium der Demokratischen Partei, angegriffen haben. Damals wurden Tausende sensible Nachrichten, etwa von John Podesta, damals Kampagnenchef der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton gestohlen und WikiLeaks zugespielt, wo sie veröffentlicht wurden. Die Inhalte dieser E-Mails hatten unter anderem inoffizielle Absprachen von Hillary Clinton mit Mächtigen von der Wall Street publik gemacht, die ihr im Rennen mit Donald Trump einen Dämpfer versetzten. Während der Corona-Pandemie sollen die Hacker laut dem britischen Zentrum für Cybersicherheit sensible Daten aus der Impfstoff-Entwicklung erbeutet haben.
Bisher gebe es „keine Hinweise darauf, dass die Angreifer Zugang zu Kundenumgebungen, Produktionssystemen, Quellcode oder KI-Systemen hatten“, stellte Microsoft am Freitag klar. Die Attacke habe bereits im vergangenen November begonnen und sei in der zweiten Januarwoche entdeckt worden – auf Sicherheitslücken oder Schwachstellen in hauseigenen Produkten sei sie allerdings nicht zurückzuführen, beteuerte der Konzern. Mit einem gestohlenen Passwort sollen die Hacker versucht haben, zahlreiche Accounts zu öffnen, bis sie bei einem alten Test-Account tatsächlich Erfolg hatten. Laut Microsoft-Stellungnahme hätten die Eindringlinge „zunächst“ nur nach Informationen über sich selbst gesucht, der Software-Produzent beobachtet internationale Hacker-Gruppen kontinuierlich und führt aus Präventionsgründen Protokoll. Welche anderen sensiblen Informationen die Hacker darüber hinaus entwendeten, wurde nicht bekannt gemacht. Jedenfalls seien ihnen einige E-Mail-Anhänge zum Opfer gefallen, gestand Microsoft.
Wie weite Kreise zieht der Angriff?
Experten mutmaßen nun, dass der Hack Folgen haben könnte, die den Informationsraub bei Microsoft selbst weit übersteigen. Vor einigen Jahren konnten Cyberpiraten in einem ähnlichen Fall Daten von SolarWinds stehlen. Das börsennotierte nordamerikanische Unternehmen ist auf Netzwerkmanagement-Software spezialisiert. Damals gelang es den Angreifern, eine Softwareplattform von SolarWinds zu manipulieren, die von Zehntausenden Kunden benutzt wurde. Dazu zählten neben Microsoft auch US-Behörden wie das nordamerikanische Heimatschutzministerium, die Nationale Verwaltung für Nukleare Sicherheit und die amerikanische Telekommunikationsbehörde. Das kompromittierte Update wurde zwischen März und Juni 2020 von knapp 20 000 Nutzern installiert Beobachter sprachen damals vom Beginn einer neuen Cyberspionage-Ära und dem größten Hacker-Angriff seit Jahrzehnten. Allerdings war in einschlägigen Kreisen schon seit 2017 über Schwachstellen im System von SolarWinds diskutiert worden.
Für Microsoft war der Fall schnell klar: Die Hacker wollten herausfinden, was man beim Software-Riesen über sie weiß, um mögliche künftige Angriffe vorzubereiten. Die Attacke sei eine Warnung an Microsoft selbst und alle großen Unternehmen, die mit sensiblen Daten hantierten: „Dieser Angriff verdeutlicht das anhaltende Risiko, das für alle Organisationen durch gut ausgestattete nationalstaatliche Bedrohungsakteure wie Midnight Blizzard besteht.“ Dass „Bedrohungsakteure von Nationalstaaten finanziert werden“, verschiebe „das Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Geschäftsrisiko – traditionelle Formen der Cyberabwehr sind nicht mehr ausreichend“. Der Vorfall habe vor allem „deutlich gemacht, dass wir dringend noch schneller handeln müssen“, was man sofort tun werde, „um unsere aktuellen Sicherheitsstandards“ anzuheben, „auch wenn diese Änderungen zu einer Unterbrechung bestehender Geschäftsprozesse führen könnten“.
Microsoft boomt: Wann steigt man am besten ein?
Bei der Suche nach den Verantwortlichen und zur Ausarbeitung künftiger Sicherheitskonzepte werde man mit den staatlichen Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten, „damit die Gemeinschaft von unseren Erfahrungen und Beobachtungen über den Bedrohungsakteur profitieren kann“. Trotz der Bedenken von Branchenkennern könnte dieser Hacker-Angriff also rechtzeitig entdeckt worden sein, um weitreichenderen Datendiebstahl und potenzielle wirtschaftliche Schäden zu verhindern. Und Microsoft hat in Sachen Cybersicherheit als phasenweise größtes börsengelistetes Unternehmen der Welt schließlich einen Ruf zu verlieren: Erst vor zwei Wochen löste Microsoft seinen Tech-Konkurrenten Apple mit einem Börsenwert von rund $2.9 Billionen als wertvollstes Börsenunternehmen der Welt ab, gleichzeitig erhöhten große Analysten wie die Bank of America das Kursziel für das kommende Geschäftsjahr. Ebenso unkomplizierte wie unterhaltsame Updates zum Kursverlauf von Microsoft, Apple und den weiteren wichtigsten US-amerikanischen Tech-Werten, finden Sie in unserem Tech33-Paket – um künftig keinen lukrativen Einstieg mehr zu verpassen.



